Wem unsere Bundesbelletristik etwas zu sansohaft und ennuyant erscheint, wer es praller, schicksalsheftiger, wer es politischer, leidenschaftlicher und kühner mag, der wird hieran Freude finden: ein Geschichtsbuch, eine Sammlung von Porträts deutscher Frauen und Männer des 19. Jahrhunderts. Revolutionäre und Reaktionäre, Sozialisten, Liberale, behutsame Reformer und widerständige Archivare – allesamt Akteure eines Umbruchs.

Tatsächlich steckt in jedem dieser 17 Lebensbilder ein ganzer Roman. Manchmal ein Bildungs-, oft genug ein Abenteuerroman. Schon das Doppelporträt Karl August Varnhagens und seiner Nichte Ludmilla Assing, das den 800-Seiten-Band eröffnet, führt mitten hinein in die Jahre des Vormärz und der 48er-Revolution, nach Berlin, in die Salons, an den preußischen Hof, und lässt die Zeit in ihren Hoffnungen und ihrem Zorn lebendig werden. Es zeigt, wie der kühle Beobachter und der politische Bürger Varnhagen miteinander ringen, wie die reaktionären Schwätzer in Berlin (eine traditionsreiche Gilde!) ihn zur Weißglut bringen: "Was sind das für Lumpenhunde! Sprechen immer von Pöbel, Gesindel – sie, die selber Pöbel und Gesindel sind!"

Wir begegnen anderen bekannten Gestalten der Epoche: der grandiosen Freiheitsfrau Emma Herwegh. Oder dem Historiker Adolph Streckfuß, dem 1851 in Berlin der Prozess wegen Terrorismus-Verherrlichung gemacht wird; er hatte Schriften zur Französischen Revolution verfasst. Oder der rührigen Schriftstellerin Fanny Lewald, die von einer glühenden Freiheitsfreundin und Garibaldi-Verehrerin zur ergebenen Bismarckianerin konvertiert. Oder Johann Adam von Itzstein, der als Student noch die Mainzer Republik erlebt und im Vormärz zum Mentor der jungen liberalen Intelligenz in Deutschland wird. Aber auch unbekanntere Gestalten treten ins Licht, wie der Pfälzer Demokrat Max Joseph Becker, der später in den USA eine tolle Karriere als Ingenieur und Eisenbahnbauer macht.

Der Band ist der vorerst letzte von drei Bänden (alle zwischen 700 und 1000 Seiten stark) des Unternehmens Akteure eines Umbruchs, für das sich namhafte Historiker zusammengetan haben. Wissenschaftlich korrekt, dabei durchaus in dem der historischen Wissenschaft oft so fremden Wunsch verfasst, gelesen zu werden, liefert es für etliche der insgesamt 60 Porträtierten erstmals eine eingehende biografische Studie. Bleibt sehr zu hoffen, erstens, dass der schon vergriffene erste Band rasch wieder aufgelegt wird, und zweitens, dass man das Projekt fortsetzt. Denn der Stoff, das ist gewiss, reicht für mindestens zehn Bände.