Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Auf Initiative der ADS, der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, führen fünf deutsche Großunternehmen die anonyme Bewerbung ein. Das heißt, aus den Bewerbungsunterlagen geht weder der Name noch das Alter, noch das Geschlecht, noch der Familienstand des Bewerbers hervor. Es gibt natürlich auch kein Bild – ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte! So sollen Diskriminierungen vermieden werden.

Ich weiß nicht, wie das praktisch gehen soll. Aus Angaben wie »machte 1951 das Abitur« oder »besuchte das Hildegard-von-Bingen-Mädchengymnasium« oder »seit zwanzig Jahren in ungekündigter Stellung« können ja auch jederzeit alters- oder geschlechtsspezifische Diskriminierungen abgeleitet werden. Ganz zu schweigen von einer Adresse in Migrationswohngebieten. Am besten schickt man einfach nur ein Fax mit dem Text: »Ich bin gut. Ich will die Stelle. Beste Grüße! N. N., postlagernd«.

Eine Unterdisziplin der Diskriminierungsforschung ist die Namensdiskriminierungsforschung. Die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser hat herausgefunden, dass Kinder mit den Vornamen Kevin, Justin, Chantal oder Mandy am Ende ihrer Schulkarriere schlechtere Bildungsabschlüsse aufweisen als Kinder, die Jakob, Lukas, Sophie oder Nele heißen. Sie führt dies auf Namensdiskriminierung zurück. Der Name Kevin lasse auf eine Herkunft aus der Unterschicht schließen.

Im Interesse der Gerechtigkeit wäre es folglich zu wünschen, dass alle Kinder den gleichen Namen tragen. In Korea heißen ja auch fast alle Kim. Dies würde aber wieder andere Probleme hervorrufen, zum Beispiel bei der Rückgabe von Klassenarbeiten. Man könnte, wie in den Bewerbungen, die Namen in den Schulunterlagen schwärzen. Man könnte den Kindern einfach Nummern geben, die sie an der Kleidung tragen, was allerdings ungute politische Erinnerungen hervorruft. Als praktikabler Weg erscheint Astrid Kaiser, dass Kinder, die Kevin heißen, ihre Lehrerin direkt ansprechen und sagen: »Ich heiße Kevin. Mein Name weckt bei Ihnen möglicherweise negative Assoziationen. Bitte beobachten Sie mich trotzdem unvoreingenommen.«

Was den Namen Kevin betrifft, gibt es sogar eine eigene Unterunterdisziplin, die Kevinforschung. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Ursprünge der Beliebtheit dieses Namens nicht etwa in Ostdeutschland liegen, sondern in Rheinland-Pfalz. 1998 lebten die meisten Kevins in der Pfalz und im Rhein-Main-Gebiet. Womöglich ist die Ostwanderung des Namens Kevin auf die zeitweilige Beliebtheit des Pfälzers Helmut Kohl im Osten zurückzuführen.

Ein anderer Forscher, der Paartherapeut Clemens Beöthy, untersucht den Einfluss der Namen auf das Paarungsverhalten. In seinem Werk Heirate niemals einen Udo weist er nach, dass Männer, die Udo heißen, Bindungsprobleme haben, sie sind flatterhaft wie Udo Jürgens und Udo Lindenberg. Auch Susannes sind in der Bindungskonstanz problematisch. An einem Wolfgang dagegen hat seine Partnerin in der Regel lange Freude. Sogar Wolfgang Joop war viele Jahre verheiratet.

Astrid Kaiser hat ihre Söhne Arvid und Gerrit genannt. Als sie heiratete, hat sie mit ihrem Partner einen Namensvertrag geschlossen, der Partner musste ihr das Namenswahlrecht abtreten.

Was mich betrifft, so ziehe ich aus der Beschäftigung mit Antidiskriminierungs- und Namensforschung folgenden Schluss: Die viel gescholtene These des Politikers Roland Koch, es gebe auch in den Etats für Wissenschaft und Forschung Einsparpotenziale, war nicht ganz falsch.

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