Martenstein "Es wäre zu wünschen, dass alle Kinder den gleichen Namen tragen"
Harald Martenstein über verräterische Angaben zur Person
Auf Initiative der ADS, der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, führen fünf deutsche Großunternehmen die anonyme Bewerbung ein. Das heißt, aus den Bewerbungsunterlagen geht weder der Name noch das Alter, noch das Geschlecht, noch der Familienstand des Bewerbers hervor. Es gibt natürlich auch kein Bild – ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte! So sollen Diskriminierungen vermieden werden.
Ich weiß nicht, wie das praktisch gehen soll. Aus Angaben wie »machte 1951 das Abitur« oder »besuchte das Hildegard-von-Bingen-Mädchengymnasium« oder »seit zwanzig Jahren in ungekündigter Stellung« können ja auch jederzeit alters- oder geschlechtsspezifische Diskriminierungen abgeleitet werden. Ganz zu schweigen von einer Adresse in Migrationswohngebieten. Am besten schickt man einfach nur ein Fax mit dem Text: »Ich bin gut. Ich will die Stelle. Beste Grüße! N. N., postlagernd«.
Eine Unterdisziplin der Diskriminierungsforschung ist die Namensdiskriminierungsforschung. Die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser hat herausgefunden, dass Kinder mit den Vornamen Kevin, Justin, Chantal oder Mandy am Ende ihrer Schulkarriere schlechtere Bildungsabschlüsse aufweisen als Kinder, die Jakob, Lukas, Sophie oder Nele heißen. Sie führt dies auf Namensdiskriminierung zurück. Der Name Kevin lasse auf eine Herkunft aus der Unterschicht schließen.
Im Interesse der Gerechtigkeit wäre es folglich zu wünschen, dass alle Kinder den gleichen Namen tragen. In Korea heißen ja auch fast alle Kim. Dies würde aber wieder andere Probleme hervorrufen, zum Beispiel bei der Rückgabe von Klassenarbeiten. Man könnte, wie in den Bewerbungen, die Namen in den Schulunterlagen schwärzen. Man könnte den Kindern einfach Nummern geben, die sie an der Kleidung tragen, was allerdings ungute politische Erinnerungen hervorruft. Als praktikabler Weg erscheint Astrid Kaiser, dass Kinder, die Kevin heißen, ihre Lehrerin direkt ansprechen und sagen: »Ich heiße Kevin. Mein Name weckt bei Ihnen möglicherweise negative Assoziationen. Bitte beobachten Sie mich trotzdem unvoreingenommen.«
Was den Namen Kevin betrifft, gibt es sogar eine eigene Unterunterdisziplin, die Kevinforschung. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Ursprünge der Beliebtheit dieses Namens nicht etwa in Ostdeutschland liegen, sondern in Rheinland-Pfalz. 1998 lebten die meisten Kevins in der Pfalz und im Rhein-Main-Gebiet. Womöglich ist die Ostwanderung des Namens Kevin auf die zeitweilige Beliebtheit des Pfälzers Helmut Kohl im Osten zurückzuführen.
Ein anderer Forscher, der Paartherapeut Clemens Beöthy, untersucht den Einfluss der Namen auf das Paarungsverhalten. In seinem Werk Heirate niemals einen Udo weist er nach, dass Männer, die Udo heißen, Bindungsprobleme haben, sie sind flatterhaft wie Udo Jürgens und Udo Lindenberg. Auch Susannes sind in der Bindungskonstanz problematisch. An einem Wolfgang dagegen hat seine Partnerin in der Regel lange Freude. Sogar Wolfgang Joop war viele Jahre verheiratet.
Astrid Kaiser hat ihre Söhne Arvid und Gerrit genannt. Als sie heiratete, hat sie mit ihrem Partner einen Namensvertrag geschlossen, der Partner musste ihr das Namenswahlrecht abtreten.
Was mich betrifft, so ziehe ich aus der Beschäftigung mit Antidiskriminierungs- und Namensforschung folgenden Schluss: Die viel gescholtene These des Politikers Roland Koch, es gebe auch in den Etats für Wissenschaft und Forschung Einsparpotenziale, war nicht ganz falsch.
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- Datum 02.09.2010 - 06:20 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 02.09.2010 Nr. 36
- Kommentare 18
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"Womöglich ist die Ostwanderung des Namens Kevin auf die zeitweilige Beliebtheit des Pfälzers Helmut Kohl im Osten zurückzuführen."
Diese These würde ich gerne näher erläutert wissen ...
Wahrscheinlich werden Personaler, die schon während des Studiums dadurch auffielen, dass sie keine "Bäume ausreissen" können, durch die Medien erst recht in eine "Kevin"-Diskriminierung gelenkt.
In ferner Zukunft werden Menschen dann durch ihre Personal-ID angesprochen. Namen sind dann nur noch privat in Gebrauch.
Ob das gut ist, möchte ich nicht vorschnell beurteilen.
Viele Grüße
R2D2 (aka Nimzo)
Die Antidiskriminierungsinquisitoren werden sich noch grün ärgern! Denn dass Großunternehmen ihre riesigen Bewerbungsstapel nach irgendwelchen Kriterien vorsortieren müssen, ist evident. Wenn Name, Herkunft und Geschlecht wegfallen, was wird dann wohl Priorität erlangen? Zum Beispiel Form-, Orthographie- und Sauberkeitsgesichtspunkte? Also genau das, was die Wir-sind-alle-gleich-Generation, aus der auch Frau Kaiser stammt, schon immer besonders unwichtig fand.
Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen und konstruktiven Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag
In Ordnung, ein sachlicher Kommentar, ohne Humor.
Ohne Kategorien und Bezüge würde es keine Vorurteile und keine Diskriminierungen geben. Das läßt sich nur schwer vermeiden.
Ein einfacher Appell keine Vorverurteilungen zu fällen reicht auch nicht.
Man wird sehen wie sich anonyme Bewerbungen auswirken.
Spätestens beim ersten persönlichen Gespräch wird wenigstens ein Eindruck hinterlassen, der dann in eine Kategorie weist.
Es wird sicher Überraschungen geben, wahrscheinlich auch positive.
... in den Köpfen der Eltern… oder des Elters^^ vorgeht. Schon vor Jahren musste man doch nur den Fernseher anmachen, um zu sehen, wie stereotyp sich bestimmte Namen von Kindern und Jugendlichen in bestimmten Verhältnissen wiederfinden. Und für was für einen Eindruck eine solche Namensgebung sorgt.
Dabei würden schon ganz normale deutsche Namen ausreichen. In US/GB kann man Steven, Justin, Kevin oder Mandy heißen ohne sich verdächtig zu machen. Aber hier in Deutschland sind das nun mal hier nicht hingehörende Namen aus der Fernsehprogrammzeitung (was tief blicken lässt).
Meine 4 Söhne heißen alle Kevin. Aber den fünften habe ich heute mit dem Vornamen Kevin-Bitte-Haben-Sie-Keine-Vorurteile angemeldet.
In der Regel wird der Name 'Kevin' doch nur mit Unterschicht und Asozialität verbunden, weil die Medien besonders gern bei Super-Nanny, We Are Family und wie die Serien sonst noch heißen in ostdeutsche Problemfamilien gehen und der Name Kevin dabei besonders oft fällt. Das asoziiert beim Zuschauer: "Der Name kommt in solchen im Fernsehen gezeigten Problemfamilien besonders oft vor! Also haben Leute aus der Unterschicht besondere Ambitionen ihre Kinder Kevin oder Mandy zu nennen! Da ich nicht dazu gehören will und meinem Kind seine spätere Laufbahn nicht gefährden möchte, kann ich es unmöglich 'Kevin' nennen!" Damit unterstreichen allerdings nicht die sogenannten Problemfamilien ihre Vorliebe für "asoziales" Verhalten (pardon wenn ich es so ausführen muss!), sondern diejenigen die in Artikeln, Fernsehreportagen oder "Untersuchungen" immer wieder das Bild eines besonders beliebten Unterschichtsnamen suggerieren wollen. Niemand würde allein auf die Idee kommen, dass 'Kevin' mit Unterschicht zu asoziieren ist, wenn es nicht immer wieder Gebetsmühlenartik von den Medien wiederholt werden würde. Der Name 'Kevin' ist ein altehrwürdiger irischer Name, der soviel wie 'der Schöne' bedeutet und niemand hat das Recht zu pauschalisieren, dass jeder der diesen Namen trägt in die Unterschicht gehört. Leider passiert das aber fast jeden Tag. Ein Wolfgang kann in der Schule auf Grund seines familieren Umfeldes gut sein, aber er ist doch nicht gut weil er ein Wolfgang ist!
Wieso ostdeutsche Problemfamilien? Genauso viele Kevins gibt es in Ostdeutschland. Es hat tatsächlich einen Grund, daß der Name Kevin mit ungebildeter Unterschicht assoziert wird, denn dazu gehören eben die typischen Kevineltern die nicht wissen, daß der Name, wie Sie richtig bemerken, uralt und keltischen Ursprungs ist. Diese Eltern haben ihre Kinder nicht nach dem gleichnamigen Heiligen genannt, sondern nach Film- und Popstars oder nach dem verwöhnten Bengel aus einem schrecklichen Film. Und wer sein Kind mit dem Namen von zeitweise in Mode gekommenen Film und Popstars benennt, oder, fast noch schlimmer, nach den Kindern eben dieser Stars. Wenn Angelina Jolie oder die Beckhams mal wieder Nachwuchs bekommen liest man eine Woche später in den Geburtsanzeigen von Kindern die nach diesen Promigören benannt wurden. Am schlimmsten ist es noch, wenn die Eltern den Namen nicht mal richtig aussprechen können, aus dem Mike einen Maik machen, oder den Yves Üffes rufen. Oder wenn deutsche Jungen darauf bestehen Dävid statt David gerufen zu werden.
Wieso ostdeutsche Problemfamilien? Genauso viele Kevins gibt es in Ostdeutschland. Es hat tatsächlich einen Grund, daß der Name Kevin mit ungebildeter Unterschicht assoziert wird, denn dazu gehören eben die typischen Kevineltern die nicht wissen, daß der Name, wie Sie richtig bemerken, uralt und keltischen Ursprungs ist. Diese Eltern haben ihre Kinder nicht nach dem gleichnamigen Heiligen genannt, sondern nach Film- und Popstars oder nach dem verwöhnten Bengel aus einem schrecklichen Film. Und wer sein Kind mit dem Namen von zeitweise in Mode gekommenen Film und Popstars benennt, oder, fast noch schlimmer, nach den Kindern eben dieser Stars. Wenn Angelina Jolie oder die Beckhams mal wieder Nachwuchs bekommen liest man eine Woche später in den Geburtsanzeigen von Kindern die nach diesen Promigören benannt wurden. Am schlimmsten ist es noch, wenn die Eltern den Namen nicht mal richtig aussprechen können, aus dem Mike einen Maik machen, oder den Yves Üffes rufen. Oder wenn deutsche Jungen darauf bestehen Dävid statt David gerufen zu werden.
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