Fast 30.000 Menschen sind Mexikos Drogenkrieg seit 2006 zum Opfer gefallen. Die Stadt Ciudad Júarez am Rio Bravo, direkt gegenüber den USA, hat die höchste Mordrate der Welt. Zwar ist Kolumbien noch immer der größte Kokain-Produzent der Welt mit 60Prozent Anteil. Doch längst haben die mexikanischen Syndikate Kolumbiens einst allein herrschenden Drogenkartellen die "Geschäftsführung" abgenommen.

Der Strom des Rauschgifts, der heute von den Anden über Mexiko in die USA fließt, hat seine Quellen im Süden. Unser kleiner Hubschrauber fliegt über das grüne Meer des Dschungels, der Ecuador über Hunderte von Kilometern mit Kolumbien verbindet. Er verbirgt die Rauschgiftlabore auf beiden Seiten. Javier Pérez, Oberst in Ecuadors Heeresdivision Amazonas, tippt dem Piloten auf die Schulter, der Helikopter schraubt sich zum braunen Grenzfluss San Miguel herab. Am ecuadorianischen Ufer taucht Puerto Nuevo aus dem Dickicht auf. Der Oberst zeigt auf die 2000-Seelen-Gemeinde hinunter: "95 Prozent der Einwohner sind inzwischen Kolumbianer, absolut feindselig gegenüber unseren Militärs."

Kein Wunder. Kolumbiens Farc-Rebellen haben hier alle Grundstücke aufgekauft und den Ecuadorianern die Pässe abgehandelt, die Letztere dann als verloren melden. Ein Mexikaner mit eigener Leibwächter-Garde fungiert in Puerto Nuevo als Verbindungsmann zum mexikanischen Tijuana-Kartell. Er kontrolliert die ecuadorianischen Kuriere, die der Farc das Geld des Kartells für ihr pures Kokain bringen. Dann geht das Rauschgift, in Lkw versteckt, an Ecuadors Küste und über den Pazifik nach Norden. Die Mexikaner haben den Vertrieb bis in die USA übernommen.

Auch in Kolumbien selbst herrscht Arbeitsteilung. Die Farc-Rebellen, die einst mit den Bauern für eine Landreform kämpften, heute aber bar jeder Ideologie Kokain produzieren, müssen sich nicht um die Vermarktung kümmern. Damit sind sie im Dschungel vor Kolumbiens Armee sicherer. Das Kokain, das Mexikos expandierende Syndikate aus Kolumbien beziehen, kommt aber nur zu einer Hälfte von der Farc, zur anderen von den extrem rechten Paramilitärs. Deren Banden wie Los Urabeños (von "ihrem" Hafen Urabá geht das Rauschgift bis zur Halbinsel Yucatán) kooperieren zum Beispiel mit Mexikos Kartell Los Zetas. Diese Killertruppe ermordete vergangene Woche die 72 Migranten auf dem Weg in die USA – einst war sie eine Eliteeinheit der Armee gegen den Drogenhandel.

Auch Peru haben die mexikanischen Syndikate inzwischen erobert. Anders als in Kolumbien hat es dort nie große Drogenproduzenten gegeben. Wohl aber genug verarmte cocaleros, Bauern, die nur von der Kokapflanze leben. Als ich im Wahlkampf 2006 mit einem der Kandidaten über die Anden zu den Anbauflächen im Amazonasbecken fuhr, schallte uns aus jedem Dorf entgegen, was jetzt sogar Mexikos Präsident Felipe Calderón erstmals zur Diskussion gestellt hat: "Legalisiert den Koka-Anbau!" Inzwischen stehen Perus cocaleros im heimlichen Dienst von mindestens fünf mexikanischen Kartellen. Im September 2008 entdeckte Limas Polizei drei Tonnen Kokain in Gummireifen, 30 Peruaner und Mexikaner flogen auf. Sie arbeiteten für das Sinaloa-Kartell in Mexikos gleichnamigem Bundesstaat.

Dabei begannen die Mexikaner einst als kleine Eleven der Kolumbianer und der größten Kartelle, die es je gab: Medellín und Cali. Deren Repräsentant in Mexiko lud die dortigen Drogenhändler 1984 ein, das Kokain in die USA zu schmuggeln. Erst als Kolumbiens Staatsmacht die eigenen Drogenbarone besiegte, begann der bisher unaufhaltsame Aufstieg der Syndikate in Mexiko. Heute zeigen sie Kolumbiens vielerorts nachwachsenden "Baby-Kartellen", wo es langgeht.

"Amerikaner und Europäer konsumieren mehr und mehr Drogen", sagt der Oberst, als der Hubschrauber über Puerto Nuevo abdreht, "aber den größten Preis bezahlen die Menschen, die für den Anbau des Nachschubs von ihren Böden verjagt, vergewaltigt, erschossen werden."