Kommende Woche wird ein Roman von Michel Houellebecq erscheinen, von jenem Schriftsteller also, dem das Etikett "Skandalautor" anhaftet. Weshalb sich Paris seit Monaten auf einen Literaturskandal freut. Nun kursieren die Rezensionsexemplare, und siehe da: kein Skandal drin. Nicht das allerklitzekleinste Elementarteilchen des Stoffs, aus dem Skandale sind. Ist ja ein Ding. Dieser Houellebecq, was fällt ihm ein, wieso schreibt der jetzt so brav, will er damit einen Mainstream-Literaturpreis gewinnen oder was? Das ist doch – ein Skandal!

Mit dieser Volte bricht die Pariser Literaturkritik gerade den Rekord der Selbstreferentialität und zugleich die Regel, dass ein Buch vor seinem Erscheinungstag nicht rezensiert werden soll. Aber was gilt schon eine Regel, wenn es gegen einen sogenannten Nihilisten geht?

Der in Wahrheit ein Moralist ist. Und mit La carte et le territoire ein packendes, trauriges und humorvolles Buch geschrieben hat, kurz: ein klassisches. Dessen Konstruktion selbst bereits komisch ist, weil selbstbezüglich, und das gleich in mehreren Umdrehungen. Houellebecqs Hauptperson, der zeitgenössische Maler Jed, ähnelt dem Autor und lernt recht bald einen Schriftsteller namens Michel Houellebecq kennen, von dem Jeds Galerist einführend sagt: "Das ist ein guter Autor, glaube ich. Angenehm zu lesen, und er hat ganz vernünftige Ansichten über die Gesellschaft."

Damit geht der Spaß erst los, das Buch ist mindestens so in sich selbst verschleift wie Douglas Hofstadters Gödel, Escher, Bach . Der Houellebecq des Romans verfügt, dass auf seinen Grabstein ein Möbiusband eingraviert werden soll, Sinnbild der Selbstbezüglichkeit und eine Figur, deren Außen zugleich ihr Innen ist.

"Viele Schriftsteller haben über Maler geschrieben", lässt Houellebecq seinen Houellebecq zum Maler Jed sagen, und tatsächlich handelt das Buch auch von der bildenden Kunst, enthält kleine ästhetische Essays ebenso wie eine Kritik des globalisierten Kunstmarkts, hier theoretisch, dort satirisch, nie langweilig. Dann wird ein fiktiver Text der Romanfigur Houellebecq referiert, der seinerseits ein Bild von Jed analysiert, das wiederum Bill Gates und Steve Jobs zeigt; Gelegenheit, eine Theorie des modernen Kapitalismus zu skizzieren, auch das ein interessanter kleiner Exkurs, wie überhaupt Episoden und Reflexionen einander abwechseln, man könnte an Musil denken. Es finden sich verstreute Beobachtungen der Gegenwartsgesellschaft und ihrer Ideologien, ihrer Konsumgewohnheiten und kulinarischen Zeichen, treffend und eigentlich recht marxistisch, nur ohne die verfluchte Last des historischen Materialismus, der letzten großen Hoffnungserzählung. An seine Stelle treten die menschlichen Details.

Vom Allgemeinen zum Menschlichen und zurück geht das, wie bei Balzac, mit hinreißenden Beschreibungen der Zweierbeziehungen – Vater und Sohn, Mann und Frau, Herr und Hund, Ware und Geld. Houellebecq, der echte, scheut auch vor rührenden Szenen nicht zurück, in denen Menschen einander ihr Scheitern eingestehen. Vom Scheitern, vom Altern und vom Tod handelt das Buch, so richtig vom Tod mitsamt Gestank und Maden, seiner absurden Komik und alledem, was schwerer wird zum Ende hin; "es ist unmöglich", sagt der Roman-Houellebecq zu Jed, "einen Roman zu schreiben, ebenso wie es unmöglich ist, zu leben: wegen der sich aufsummierenden Schwere."