Modedesigner Alber Elbaz Alber Elbaz

Altmodisch, pummelig, ängstlich: Der Designer Alber Elbaz scheint nicht in die Welt der Mode zu passen. Gerade deshalb gibt er ihr ständig neue Impulse.

Der israelische Designer Alber Elbaz vor zwei seiner Models nach der Lanvin-Modenschau für die Winterkollektion 2010/2011 in Paris

Der israelische Designer Alber Elbaz vor zwei seiner Models nach der Lanvin-Modenschau für die Winterkollektion 2010/2011 in Paris

Es riecht nach frischen Lilien, das Parkett knarrt, und Alber Elbaz macht einen kleinen Scherz: "Ich versuche gerade abzunehmen und wollte von meinem Analytiker wissen, warum ich dauernd hungrig bin." Paris, Anfang Juli. Elbaz präsentiert im Pariser Hotel de Crillon seine Übergangskollektion für das Frühjahr 2011. "Wir kamen auf die Mode zu sprechen, und mein Analytiker meinte, the body ist the new dress – der Körper gewinnt mehr an Bedeutung als die Kleidung", fährt Elbaz fort. Dann knöpft er einem Model, das ihn um mehr als eine Kopflänge überragt, das Kleid rund um die Taille auf. Als unerwartet ein mondäner Badeanzug zum Vorschein kommt, klatscht die kleine Gruppe geladener Modekritikerinnen Beifall. Das Klatschen bringt Elbaz zum Lächeln. Er bedankte sich freundlich bei dem Model für seinen Auftritt, was ungewöhnlich für einen Designer ist.

Elbaz ist in gewisser Weise ein Außenseiter der Modebranche. Er hat Übergewicht und sammelt keine Kunst oder Häuser. Den Sommer verbringt er lieber bei der Familie in Israel als auf einer Yacht vor Sardinien. Er schätzt die intime Atmosphäre der Präsentation im Crillon, einem traditionsreichen Luxushotel an der Place de la Concorde, weit mehr als das Blitzlichtgewitter großer Modeschauen. Und er spricht erstaunlich offen über seine Selbstzweifel und Ängste. Beim Interview nach der Präsentation im Crillon beispielsweise klagte er, noch bevor die erste Frage gestellt war: "Dieser Moment nach der Präsentation ist immer sehr schwierig. Alle gehen fort, und ich bleibe zurück und weiß nicht, ob es gut war oder schlecht. Ich weiß nur, dass es vorbei ist." Aus dem Mund eines der erfolgreichsten Modeschöpfer der Gegenwart klingt das kokett. Eigentlich kennt Elbaz seinen Wert sehr gut, doch die Angst, er könne ihm über Nacht verloren gehen, gehört zu seinem Wesen.

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Alber Elbaz hat es in wenigen Jahren geschafft, aus einem scheintoten Label ein florierendes Unternehmen zu machen. Er hat das älteste Couture-Haus Frankreichs von einer biederen, vorzugsweise von älteren Damen getragenen Marke in ein einflussreiches Prêt-à-porter-Label verwandelt, das bei jungen Londoner Aristokraten genauso beliebt ist wie bei russischen Oligarchen oder Hollywoodstars. Seine Philosophie ist erstaunlich schlicht: Als classic with a twist beschreibt er seinen Stil. Elbaz bricht die Langeweile klassischer Eleganz durch unerwartete Stoffkombinationen oder gewagte Farbspiele. In seinen Entwürfen wirkt das Wort "zeitlos" überraschend aktuell. Er setzt auf Handwerk, nicht auf den billigen Effekt.

Elbaz, 49 Jahre alt, ist klein und pummelig. An diesem sonnigen Julitag trägt er einen Look, den er seit Jahren in Nuancen variiert und der zu einer Art Markenzeichen geworden ist: dunkler Anzug, weißes Hemd, keine Strümpfe. Seine Füße stecken in weißen Turnschuhen, und sein rundes Gesicht ruht auf einem kittfarbenen Tuch, das er sich um den Hals geknotet hat. Danach gefragt, warum er stets ein Halstuch trage, antwortet Elbaz: "Vermutlich, um dadurch von meinem Gesicht abzulenken." Es ist eine typische Antwort für Elbaz, der oft selbstironisch über das eigene Aussehen scherzt. Einmal hat er sich als "marokkanischen Juden und Israeli mit Übergewicht, der unfotogen ist" beschrieben. Nicht fotogen zu sein wiegt schwer in der Modebranche, wo jeder Designer als Aushängeschild seiner Marke auftreten und einen entsprechend starken Eindruck hinterlassen will.

Mit seiner schwerfälligen Figur, der schwarzen Intellektuellenbrille und seinem Dackelblick verkörpert Elbaz nicht gerade das gängige Designerideal. "Pummelig" ist kein Wort, das in der Modewelt Erfolg verspricht. Deshalb hat er längst die Flucht nach vorn angetreten und sich ein Erscheinungsbild verpasst, das irgendwie an Charlie Chaplin erinnert. Auch als "Teddybär" wurde er beschrieben, als "verrückter Professor" und als Woody Allen – ein Vergleich, mit dem er sich nicht identifiziert.

Eher schon mit dem traurigen Clown, als den ihn der große Fotograf Irving Penn vor ein paar Jahren porträtiert hat. Auf dem Bild trägt Elbaz die Hosenbeine hochgekrempelt wie ein Schuljunge, der verhindern will, dass sich beim Radfahren der Stoff in der Kette verfängt. Seine Füße stecken in plumpen Schnürschuhen, die vorn gerundet sind, und alles an ihm scheint zu hängen: das schlecht sitzende Sakko genauso wie Schultern, Mundwinkel und Pausbacken. Ist das der echte Alber Elbaz? "Yeah", murmelt der Designer zustimmend, als er auf die Schwarz-Weiß-Aufnahme von 2004 angesprochen wird. Damals sei er sich nicht so ganz sicher gewesen, was er von dem Bild halten solle, und habe es deshalb seiner Mutter nach Israel geschickt. Die habe ihn sofort angerufen und gefragt, warum er so traurig aussähe und wovor er sich fürchtete. "In diesem Augenblick habe ich begriffen, dass Irving ein Röntgenbild meiner Persönlichkeit gemacht hat."

Angst ist zweifellos eine große Triebkraft von Elbaz. "Bei jeder Kollektion habe ich das Gefühl, sie sei nicht gut geworden, niemand wird sie mögen, nichts wird sich verkaufen. Diese Nervosität gehört zu meinem Metier – genauso wie zu einem Schauspieler vor dem Auftritt auf der Bühne", sagt er. Als kreativer Kopf von Lanvin – im Gegensatz zu ihrem außergewöhnlichen Prestige ist die Firma mit einem Umsatz von rund 140 Millionen Euro relativ klein – fühlt sich Elbaz für alles verantwortlich. Er liest viele Kritiken, Blogs eingeschlossen. Regelmäßig ruft er in der Pariser Lanvin-Boutique an und fragt, wie sich seine Kollektion verkauft. "Diese Anrufe wegen der Umsatzzahlen sind gruselig. Mich interessiert am meisten, was sich nicht verkauft, damit ich es in der Zukunft besser machen kann."

Elbaz spricht so klar und bestimmt, als halte er einen Vortrag. Im Gespräch blickt er seinem Gegenüber fest in die Augen und vermittelt ihm durch seine Körpersprache das Gefühl, in diesem Moment das Wichtigste auf der Welt zu sein. Elbaz scheint sich um seine Umgebung mindestens genauso zu sorgen wie um sich selbst. "He cares", beschreibt ihn seine Kommunikationschefin Hania Destelle, und es verwundert nicht, dass jemand, der so empathisch ist und ständig so viel von sich selbst gibt, Ausgleich bei einem Analytiker sucht. Einer wie Elbaz, der stets aus dem Bauch heraus handelt, muss sich emotional rückversichern.

Er selbst begründet seine Besuche beim Analytiker so: "Ich schätze ihn, er ist ein intelligenter Mensch. Ich gehe nicht zu ihm, um über meine Kindheit zu sprechen, sondern um Erfahrungen zu teilen. Ich arbeite jeden Tag 12 bis 15 Stunden, bin dauernd von Mitarbeitern umgeben und muss aufpassen, dass ich sie weder über- noch unterfordere. Wir erleben so viel Unterschiedliches zusammen – und darüber möchte ich mit jemandem sprechen, mit dem ich nicht verwandt oder befreundet bin. Mein Analytiker ist eine Art menschlicher Spiegel." Gefragt, was ihm im Alltag Wohlbefinden verschaffe, sagt Elbaz: "Menschen. Aufrichtigkeit. Wenn ich mich gemocht fühle."

Seine sorgenvolle Hingabe macht viel von Elbaz’ Erfolg aus. Er will nicht den schnellen Ruhm, sondern verkörpert altmodische Tugenden. Er sucht in seiner Arbeit die große Liebe, nicht den schnellen Sex. Seine Entwürfe wirken weniger technisch oder kühl als die anderer großer Designer, sie fallen weicher und vermitteln über die reine Stofflichkeit hinaus eine gewisse Wärme und Geborgenheit. Kein Zufall, dass er die Perlen seiner Halsketten mit Tüll umflicht – als wolle er den Schock des kalten Materials auf der Haut abmildern.

Es gab eine Phase in Elbaz’ Leben, die einen gefühlvollen Menschen wie ihn hätte zerstören können. Anfangs lief alles sehr geradlinig in seiner Karriere: Nach einer Ausbildung am Shenkar College of Textile Technology and Fashion in Tel Aviv zog er 1988 nach New York und schneiderte bei einer bodenständigen Firma spießige Kleider, die er mother of the bride dresses nennt. Brautmuttermode. Zwei Jahre später bekam er einen Job bei Geoffrey Beene – einem profilierten amerikanischen Designer, dessen Name für zurückhaltende Eleganz steht. Elbaz blieb sieben Jahre bei Beene, den er rückblickend als "großartigen Lehrer" beschreibt. 1995 lockte ihn dann Guy Laroche nach Paris, der vergeblich versuchte, an seinen großen Erfolg in den sechziger Jahren anzuknüpfen.

In Paris wurde Pierre Bergé, Geschäftspartner und Lebensgefährte von Yves Saint Laurent, auf Elbaz aufmerksam. Man traf sich – und Elbaz wurde, als Yves Saint Laurent sich 1998 zurückzog, zum Nachfolger des berühmtesten noch lebenden französischen Modeschöpfers bestimmt. Doch Elbaz hatte nur knapp ein Jahr lang Zeit, um zu zeigen, was er kann. Im November 1999 kaufte die Gucci-Gruppe 1999 das Label YSL, und Tom Ford übernahm – zusätzlich zu seiner Rolle als Kreativdirektor von Gucci – die Rolle des Kreativdirektors von YSL.

Der Rausschmiss traf Elbaz bitter. Das Scheitern kratzte an seinem ohnehin wenig ausgeprägten Selbstbewusstsein – umso mehr, als Tom Ford in jeder Hinsicht das Gegenbild von ihm verkörperte. Den smarten, etwas großmäuligen Texaner quälten keinerlei Selbstzweifel, nachdem er die angestaubte Marke Gucci zum Label des Jahrzehnts befördert hatte. Er war der Gewinnertyp schlechthin. Fords Name steht für aggressiven Sex und Coolness, der von Elbaz für Beständigkeit und Schönheit. Ford verhalf dem Stringtanga zu seinem Durchbruch, Elbaz entwirft nur widerwillig Hosen, weil sie ihm zu wenig elegant erscheinen.

Elbaz ging über ein Jahr lang auf Reisen, um die Demütigung zu verarbeiten. Er spielte kurz mit dem Gedanken, Arzt zu werden, beschloss dann jedoch, in die Modebranche zurückzukehren. Als Shaw-Lan Wang, eine taiwanesische Pressemagnatin, Ende 2001 das Traditionshaus Lanvin kaufte und Elbaz den Job als Kreativdirektor anbot, griff er zu. Inzwischen sieht es so aus, als werde Elbaz’ zurückhaltende Mode zum Synonym für das Nullerjahrzehnt. Sein wertbeständiger Stil passt zum Lebensgefühl der Rezession. Tom Fords Exzesse sind jedenfalls Vergangenheit.

Heute sagt Elbaz, die Erfahrung bei Yves Saint Laurent sei ein Selbstfindungsprozess gewesen. "Ich habe gelernt, wer ich wirklich bin. Jede Wunde macht einen stärker. Wenn man zu sehr geschützt ist, wird man unecht." Und er habe gelernt, das Erbe eines Modehauses zu respektieren. "Wenn man für ein traditionsreiches Haus wie YSL arbeitet, muss man einen Faden aufnehmen, der weit in die Vergangenheit zurückgeht. Das ist mir bei Lanvin besser gelungen als bei YSL", sagt Elbaz.

Nächstes Jahr wird Elbaz fünfzig und kann zudem sein Zehnjähriges bei Lanvin feiern. In ein paar Jahren will er aus der Mode aussteigen. "Sonst bin ich eines Tages ein Greis, der Kleidung für Jugendliche aus Odessa entwirft, die um drei Uhr morgens in die Disco gehen. Ein Greis, der behauptet, er würde das Leben dieser Leute verstehen. Nein, ich habe keine Lust, mich lächerlich zu machen", sagt er. Wenn man als Designer kein Gefühl für das aktuelle Lebensgefühl habe, sei man wie ein Bäcker, der Brot backt, obwohl alle sagen, es mache dick. "Das Brot kann noch so schön sein – niemand wird es essen." Elbaz liebt es, in Metaphern zu sprechen. Meist handeln sie vom Essen. Es ist seine Art, satt zu werden. Im Crillon jedenfalls hat er nur ein Perrier getrunken.

 
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