Karl Lagerfeld Zurück zum Mode-HandwerkSeite 4/4
enige Meter weiter ist die Haute Couture sehr lebendig. Vom Salon aus führt eine große Treppe in die oberen Stockwerke. Die Wände sind mit Spiegeln ausgekleidet. Früher fanden hier die Defilees der Kollektionen statt. Die Models stiegen die Treppe hinunter, um sich unten den geladenen Kundinnen zu präsentieren. Coco Chanel saß am oberen Ende der Treppe und beobachtete in den Spiegeln, wie die Kreationen aufgenommen wurden.
Dort in den oberen Stockwerken huschen die Näherinnen am letzten Tag vor der Schau umher. Ein Wunder, dass sie nicht zusammenstoßen. Kleidersäcke wirbeln durch die Luft, Models staksen auf ihren viel zu hohen Absätzen zur Anprobe, es sieht aus, als versuchten sie, auf Stelzen zu laufen.
Hier im Haupthaus kommen all die Detailarbeiten aus den Ateliers zusammen, die Federzierden und Stickereien. Sie werden im Haute-Couture-Atelier im dritten Stock zu Kleidern, Mänteln, Capes zusammengefügt. Es ist eine große Montagehalle der Mode. Niemand spricht, jeder hat zu tun. Auf dem Boden verstreut liegen Reste von Nesselstoff, mit dem Muster genäht werden. Und Nadeln, Nadeln, Nadeln.
Es sind nicht einmal mehr 24 Stunden bis zur Show, und vieles ist noch nicht fertig – auch das Brautkleid nicht, das wichtigste Teil, der Höhepunkt jedes Couture-Defilees. In der Ecke bügeln zwei Frauen Falten in die Schleppe. Der Rest des Kleides befindet sich in einem anderen Raum. An die Brautschuhe werden gerade noch Sohlen geklebt in der Schuhmacherei von Massaro, in der Rue de la Paix. Etwa 100 Arbeitsstunden stecken in einem Haute-Couture-Kleid – und am Schluss geht es um jede Minute.
Als es am nächsten Tag um 20 Uhr im Grand Palais so weit ist, schreitet das österreichische Model Iris Strubegger in dem weißen Kleid über den riesigen Laufsteg. Von den Zuschauerreihen aus ist schwer etwas zu erkennen von dem Detailreichtum all der Stickereien. Nur eine Perle fällt auf, sie gehört zur Kulisse. Sie hat einen Durchmesser von drei Metern, in ihr ist eine Tür eingelassen, aus der die Models treten. Auf der Riesenkugel ruht die Tatze eines goldenen Löwen, der zwölf Meter hoch in die Glaskuppel des Grand Palais emporragt, immerhin mehr als halb so hoch wie die Sphinx in Ägypten. Welches Kleid könnte gegen diese Inszenierung anschmeicheln? Iris Strubegger geht vorbei an all den Modekritikern und Chefredakteurinnen in der ersten Reihe, dann tritt sie von der Bühne, läuft eine Treppe hinab und verschwindet. Alles dauert genau 21 Sekunden. Hundert Stunden Arbeit für 21 Sekunden Aufmerksamkeit. Man wünscht sich die Gäste der Show für einen Moment zurück in Coco Chanels Salon – damit sie den Perlenmosaiken von Viviane Beuvin und deren Kolleginnen ganz nah kämen – und alle zu Samsons würden.
»Die Kommunikation hat sich verändert«, wird Lagerfeld später erklären. »Wenn Sie heute bei einer Fashion-Show einfach eine Tür haben, und die Mädels kommen da raus, merkt das ja keiner mehr. Die Leute sind an die Spektakel gewöhnt.« Solche Inszenierungen schwappen per Internet bis ans Ende der Welt. Das müssen sie, denn dort, am Ende der Welt, sitzen die Kundinnen. So ist Haute Couture in Zeiten der Globalisierung: Ein riesiger Löwe verkauft winzige Preziosen.
Während auf der Schau noch die Champagnergläser eingesammelt werden, stickt Madame Beuvin schon an den nächsten Ornamenten für Karl Lagerfeld. Irgendwann an diesem Abend wird sie an ihrem engen, stickigen Arbeitsplatz die Nadel sinken lassen und die Tür hinter sich schließen. Außen an diese Tür hat eine ihre Kolleginnen einen Zettel gepinnt: »Paradies« steht darauf.
- Datum 02.09.2010 - 13:04 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 02.09.2010 Nr. 36
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