Handarbeit Naht für Naht
Ohne sie wären die besten Designer nichts. Näherinnen machen aus Visionen Wirklichkeit. Wir zeigen Handwerkerinnen stilprägender Modehäuser.
Viktor & Rolf: "In unserem Atelier wird so perfekt geplättet, dass jeder Entwurf wie eine Skulptur aussieht"
Viktor & Rolf schätzen an ihren Näherinnen vor allem ihre Dickköpfigkeit, mit der sie sich höchster Qualität verpflichten. "Jede Kollektion ist eine enorme Herausforderung, denn wir trotzen mit unseren Entwürfen oft der Schwerkraft", sagen die Designer, beide Jahrgang 1969, die gerne auftreten wie Zwillinge. Viktor Horsting und Rolf Snoeren setzen auf starke Effekte, ihre Mode ist konzeptionell und geistreich. Die beiden Niederländer lernten sich während des Modestudiums an der Academy of Art and Design in Arnheim kennen. 1993 zogen sie nach Paris, zeigten dort ihre erste Kollektion und gewannen auf Anhieb drei Nachwuchspreise. 1998 präsentierten sie ihre ersten Haute-Couture-Kreationen, im März 2000 folgte die erste Prêt-à-porter-Kollektion. Regelrecht neidisch seien sie auf die Bügelkünste ihrer Angestellten, sagen die beiden Designer. "In unserem Atelier wird so perfekt geplättet, dass jeder Entwurf wie eine Skulptur aussieht." Die Näherin Tineke van der Meer ist 25 Jahre alt und arbeitet seit einem halben Jahr bei Viktor & Rolf. Vorher hat sie in Enschede eine Ausbildung in Schnitttechnik gemacht. "Ich denke gern gegen den Strich", sagt die junge Frau, eine Fähigkeit, die sie bei Viktor & Rolf gut gebrauchen kann.
Dries van Noten: "Ich beneide sie darum, dass sie Schnittmuster machen kann"
"Meine Spezialität ist es, die Ideen von Dries weiterzuentwickeln", sagt Riet Moris. Nähen hat die 57-Jährige in der Schule gelernt, perfektioniert hat sie ihr Handwerk bei zwei erfahrenen Kollegen in einer Modefirma. Seit 1993 näht Moris bei Dries van Noten. Am liebsten fertigt sie Jacken. Für die Herbst-Winter-Kollektion hat sie die Ärmel von Militärparka bestickt. Van Noten schätzt an ihr vor allem ihr Streben nach Perfektion. "Und ich beneide sie darum, dass sie Schnittmuster anfertigen kann, dass sie meine Vorstellungen in die Realität umsetzen kann." Der belgische Designer ist 52 Jahre alt, lebt und arbeitet in Antwerpen. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Antwerp6, die Anfang der achtziger Jahre ihren Abschluss an der Antwerpener Royal Academy of Fine Arts machten und einen neuen, sehr konzeptionellen Modestil entwickelten. Van Noten wurde in eine Schneiderfamilie hineingeboren: Sein Vater war Herrenausstatter, sein Großvater Schneider. In seiner Arbeit legt er größten Wert auf die Auswahl von Materialien und Farben. Seine Stoffe hat er größtenteils selbst entwickelt. Heute gehört er zu den wenigen unabhängigen Modedesignern und finanziert seine Firma selbst.
Vivienne Westwood: "Ich schätze Catalinas Geduld. Und dass sie immer einen Keks für mich hat"
Andreas Kronthaler, 44 Jahre alt, stammt aus dem Tiroler Zillertal. Sein Vater betrieb eine Kunstschmiede, seine Mutter handelte mit Antiquitäten. Kronthaler ließ sich zum Goldschmied ausbilden und studierte kurzzeitig Mode an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Dort lernte er Ende der achtziger Jahre Vivienne Westwood kennen, die für eine Gastprofessur berufen worden war. Die beiden heirateten im Mai 1992 – er war 25, sie 50 – und entwerfen seither gemeinsam die großen Kollektionen des Labels. An Catalina Valenzuela schätzt Kronthaler vor allem ihre "Engelsgeduld". Die Näherin ist 59 Jahre alt und stammt aus Chile. Sie arbeitet seit zehn Jahren für Vivienne Westwood. Nähen lernte sie in der Schule. "Ich habe keine Spezialität. Ich kann alles gut", sagt sie. Kronthaler geht gern bei Valenzuela am Arbeitsplatz vorbei. "Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Catalina ist ein Allrounder. Sie arbeitet sich durch die kompliziertesten Schnitte. Und sie kann mit empfindlichen Stoffen wie Seidenchiffon, Georgette oder Charmeuse umgehen. Dafür braucht man eine Ruhe, die ich selbst nicht besitze. Außerdem hat Catalina immer einen Keks und die Tageszeitung für mich."

Dora Ferrero (links) und Anna Cairoli, hier mit den Ferré-Chefdesignern Roberto Rimondi (2. von links) und Tommaso Aquilano in Mailand
Gianfranco Ferré: "Unsere Näherinnen bewahren Ruhe. Wir Designer neigen dazu, nervös zu sein"
"Was ich wirklich an meiner Arbeit mag, ist, dass ich jeden Tag etwas dazulerne", sagt Anna Cairoli. Sie ist 55 Jahre alt, stammt aus der Nähe von Mailand und arbeitet seit 1995 bei Gianfranco Ferré, seit fünf Jahren leitet sie das Atelier. Ihre Kollegin Dora Ferrero ist 44 und kommt ebenfalls aus Mailand. Beide haben sich auf die Anfertigung von Abendkleidern spezialisiert. "Unsere Näherinnen bewahren ihre Ruhe", sagt Tommaso Aquilano, gemeinsam mit Roberto Rimondi Chefdesigner von Ferré. "Wir beide neigen dazu, sehr nervös zu sein!" Aquilano studierte Mode in Rom, Rimondi in Mailand. Seit 1998 arbeiten sie zusammen – zunächst bei Max Mara, wo sie sich kennenlernten, dann bei Prada und Malo. 2005 gründeten die beiden ihr eigenes Label 6267, das sie später in Aquilano Rimondi umbenannten. 2008 heuerte das italienische Traditionshaus Gianfranco Ferré das Duo als Kreativdirektoren an. Als ihre Vorbilder nennen sie unter anderem Elsa Schiaparelli und Paul Poiret – zwei vom Surrealismus inspirierte Modeschöpfer des frühen 20. Jahrhunderts.
Isabel Marant: "Veronique übersetzt meine Entwürfe in Kleidung, ohne dass die Leichtigkeit verloren geht"
Isabel Marant ist die aktuelle Lieblingsdesignerin der "bürgerlichen Boheme" in Paris, Berlin und New York. Sie wurde 1967 in Paris als Tochter einer Deutschen und eines Franzosen geboren. 1994 präsentierte sie ihre erste Kollektion. Sie sagt, ihr Stil sei früher stark von Patti Smith beeinflusst gewesen. "Meine Kleidung soll eine Alternative zu dieser Karikatur der Weiblichkeit bieten, die man bei anderen Designern findet." Die Näherin Véronique Gautherot ist 45 Jahre alt und arbeitet seit 18 Monaten als Atelierchefin für Isabel Marant. Ihre Spezialität ist die Arbeit mit Spitze und Stickereien.
Marant sagt, sie schätze Gautherots technische Fähigkeiten. "Wenn wir an einer Kollektion arbeiten, geht es vor allem um eine bestimmte Haltung: Ich mag es nicht, wenn Kleidung brandneu aussieht. Um einen Look zu schaffen, der unangestrengt und cool wirkt, braucht man viel Energie. Veronique und ich trennen immer wieder auf und setzen neu zusammen. Gemeinsam suchen wir nach dem Schnitt, der meine ursprüngliche Idee so perfekt wie möglich verwirklicht. Véronique beherrscht es meisterhaft, meine Skizzen in ein Kleidungsstück zu übersetzen – ohne dass die Leichtigkeit des Entwurfes verloren geht."
- Datum 02.09.2010 - 14:46 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 02.09.2010 Nr. 36
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