Schlossmuseum WeimarZum Glück nicht nur Goethe

Der ZEIT-Museumsführer: Das Schlossmuseum in Weimar. von Sven Behrisch

Max Beckmann "Junge Männer am Meer" (1905)

Max Beckmann "Junge Männer am Meer" (1905)  |  © Klassik Stiftung Weimar, Bestand Museen

Auf einem kurzen Spaziergang vom Bahnhof zum Weimarer Schlossmuseum kommt man an folgenden Orten vorbei: dem Nationaltheater, in dem Friedrich Ebert zum ersten Präsidenten der deutschen Republik gekürt wurde; den Wohnhäusern von Friedrich Schiller und Lucas Cranach, von Franz Liszt und Richard Wagner, Charlotte von Stein und Friedrich Nietzsche; dem Hotel Elephant, Spielort von Thomas Manns Lotte in Weimar ; der Bauhaus-Universität, in deren Räumen Walter Gropius, Paul Klee und Oskar Schlemmer lehrten. Goethe ist sowieso überall, Goetheplatz, Goethe-Café, Goethe-Haus. Die Kulturpromidichte in den bildhübschen Gassen der Stadt ist erschlagend. Also ab ins Museum.

Doch auf wen trifft man dort? Genau. ER hatte nämlich nicht nur die Aufsicht über die Schlosskonstruktion, sondern auch über die herzogliche Kunstkollektion, die heute wieder dort zu besichtigen ist. In dem alten Schloss hatte 1774 ein Brand gewütet. Goethe kam ein Jahr später nach Weimar und fand nur noch »gräuliche Ruinen«. Ein neues Schloss musste her, und in das Schloss mussten neue Bilder. Nun zweifelt niemand am dichterischen Genie des großen Klassikers; doch als Kurator hätte er sich besser nicht versucht. Wäre es allein nach ihm gegangen, die ganze Sammlung sähe wohl aus wie der Klassizisten-Trakt im ersten Stock: Eine Gips-Kopie der Laokoon-Gruppe aus Rom, ein Stich des Pantheon und eine Kopie von Raffaels Schule von Athen. Im Übrigen: viel Heroisches, Kopiertes, Knöchriges.

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Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Im Museum, befand Goethe, solle der Mensch sich an der Schönheit bilden, wobei ihm die Bildung, mythologische Themen, ewige Architektur und idealisierte Landschaft im Zweifelsfall wichtiger schienen als das sinnliche Resultat, das nicht nur Verstand, sondern auch Gemüt bewegt. Denn: »Gemüt hat jedermann, Naturell mehrere; der Geist ist selten, die Kunst ist schwer«.

Doch da, plötzlich, dieser irrwitzige Runge. Ein kleines Mädchen auf einem Stuhl vor offenem Fenster. Den Blick vorwurfsvoll auf den Betrachter gerichtet. Ihre linke Hand fasst an den Hals, als wolle sie bedeuten, dass es einem von beiden gleich an den Kragen geht. Will sie aus dem Fenster springen? Aber warum? Ein gemalter Vorhang schwingt sich vor der grausigen Adoleszenz-Tragödie auf. Das Windmühlrad im Hintergrund erinnert an ein Friedhofskreuz.

Dieses Bild hängt hier nicht dank, sondern trotz Goethe. Weimar pflegte den Kontakt zur Kunsthochschule in Dresden, wo unter anderem Philipp Otto Runge, aber auch Caspar David Friedrich ihr Handwerk lernten. Goethe machte keinen Hehl daraus, dass er die romantische Malerei für ziemlichen Blödsinn hielt. Diese Gefühlsmalerei von Friedrich, was sollte das? Keine Spur von den klassischen Formen, dem Primat der Zeichnung, der italienischen Campagna. Stattdessen – also bitte – eine Wiese in Böhmen!

Der niederländischen Landschaft zeigte sich der Meister gewogener, wenn sie denn aus der Hand des Jacob Isaacksz van Ruisdael (1628 bis 1682) stammte, den Goethe in einem Essay als Dichter pries. Man kann gut verstehen, dass es den Schriftsteller beeindruckte, wie dessen Bild eine Erzählung »auf den Punkt« zusammenfasst; wie hier die beiden Personen genau in der Bildmitte zwischen dem hellen Himmel und den düsteren Bäumen an einer Weggabelung stehen. Gehen sie nach links, in das Licht? Oder in die andere Richtung, wo die Dunkelheit sie erwartet und vielleicht noch viel Schlimmeres? Das Unheil scheint vorgezeichnet, die Vögel am Himmel weisen den Weg in das Schattenreich.

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