Minderheitsregierungen Labilität wagenSeite 2/2

Neue Formate werden auch die parlamentarische Alltagskultur verändern. Viel früher als unter den Bedingungen eines klaren Dualismus von Regierungsmehrheit und Opposition muss parlamentarische Mitsteuerung künftig bereits beim fraktionsübergreifenden Ideenmanagement ansetzen. Wo könnten sich Schnittmengen finden, die gemeinsamen Erfolg versprechen? Schon das Einbringen des Gesetzentwurfs wird so zur Nagelprobe der informellen Abstimmungsprozesse.

Was die Ministerpräsidentendemokratie an Macht verliert, gewinnt der Landtag hinzu. Wo die Staatskanzlei früher als Regierungszentrale steuernd eingriff, muss sie unter den Bedingungen einer Minderheitsregierung noch mehr als vorher koordinieren. Hierarchie verpufft, wenn sie nicht mehr auf eine tradierte Parlamentskultur trifft. Die öffentliche Rede wird zum wichtigsten Instrument der Ministerpräsidentin in einer parlamentarischen Minderheitsdemokratie. Der öffentliche Diskurs kann den parlamentarischen Diskurs beflügeln. Die Kraft der Argumente, die Vehemenz des Austauschs, die Sachbezogenheit der Problemlösungen, die Entkopplung exekutiver Machtpolitik und parlamentarischer Sachpolitik könnten den Düsseldorfer Landtag extrem aufwerten. Nie sind Debatten so wertvoll wie in Zeiten offener Willens- und Entscheidungsprozesse. Nie waren die Mitwirkungsmöglichkeiten des einzelnen Abgeordneten größer als jetzt. Politische Führung als Kommunikationsaufgabe bekommt einen noch höheren Stellenwert.

Dies setzt allerdings voraus, dass sich alle Abgeordneten des Landtags über das neue Format bewusst werden und dessen Chancen und Risiken neu ausloten. So etwas aber braucht Zeit. In den Augen der Wähler hat diese Regierung jedoch keine Zeit, denn nach Monaten des Stillstands und der Verhandlungen sollen nun endlich Wahlversprechen umgesetzt werden. Anders gesagt: Die Minderheitsregierung leidet mehr noch als andere unter akutem Zeitdruck. Denn ohne Langfristigkeit können keine Lerneffekte eintreten, bleibt der parlamentarische Alltag dem Ritual traditioneller Regierungsmehrheiten verhaftet. Dann droht die Minderheitsregierung am Ende das Land mit Verordnungen zu verwalten – ganz ohne Parlament.

Als Wähler müssen wir uns daran gewöhnen, Regierungsstabilität für eine Legislaturperiode nicht mehr als das höchste Ziel anzusehen, sondern auch Labilität zu honorieren: Wir müssen so etwas wie eine Unsicherheitstoleranz entwickeln. Und wir müssen Experimente wie das in Düsseldorf als vitale Antwort der Parteiendemokratie auf die Veränderungen im Wählerverhalten begreifen, und als Strategie gegen den Relevanzverlust von Parlamenten. Eine moralische Überhöhung solcher Experimente ist gewiss unangebracht. Aber auch komfortable Mehrheiten führen nicht automatisch zu einer stringenten Politik. Das ist derzeit im Bund zu beobachten.

 
Leser-Kommentare
  1. Sie wissen doch genau, was die Lösung und gleichzeitig das Problem ist - in dieser Reihenfolge. Nämlich der Fraktionszwang, der parteipolitischen Opportunismus vor die Gewissensentscheidung des einzelnen Parlamentariers setzt. Auch bei den Wählern muss man ersatzweise nicht suchen, die plädieren ohnehin gegen den Parteienkrieg und für sachbezogene Entscheidungen von Qualität. Damit drücken Sie sich um die einzig entscheidende Frage:

    Glauben Sie, dass die "Neuen" in NRW über den alten Schatten parteipolitischer Machtspiele springen können?

    • Kamill
    • 05.09.2010 um 11:04 Uhr
    2. Na ja

    Die SPD und Grünen werden sich auch hier von der
    Linken (oder wie auch immer die SED im Moment heißt)
    tolerieren lassen, ganz im Gegensatz zu den Äußerungen
    vor der Wahl.

    Das nennt man gemeinhin Betrug am Wähler,

    und Legtim na ja?

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    Darum ging es doch hier gar nicht! Und überhaupt, es nervt, dieses Gerede über Wahllügen, denn es stimmt nicht. Die jetzigen Regierenden haben nur gesagt, dass sie sich nicht von den Linken in die Regierung wählen lassen würden. Man, genau das ist wieder das alte Parteisoldaten-Denken, das alles behindert.

    Darum ging es doch hier gar nicht! Und überhaupt, es nervt, dieses Gerede über Wahllügen, denn es stimmt nicht. Die jetzigen Regierenden haben nur gesagt, dass sie sich nicht von den Linken in die Regierung wählen lassen würden. Man, genau das ist wieder das alte Parteisoldaten-Denken, das alles behindert.

  2. Weil so verkracht wie die großen Parteien mit ihren Wählern sind, ist dies für sie die einzige Chance noch weiter gegen das Volk regieren zu können.

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    • lepkeb
    • 05.09.2010 um 11:55 Uhr

    den Kern des Artikels.

    • lepkeb
    • 05.09.2010 um 11:55 Uhr

    den Kern des Artikels.

  3. Darum ging es doch hier gar nicht! Und überhaupt, es nervt, dieses Gerede über Wahllügen, denn es stimmt nicht. Die jetzigen Regierenden haben nur gesagt, dass sie sich nicht von den Linken in die Regierung wählen lassen würden. Man, genau das ist wieder das alte Parteisoldaten-Denken, das alles behindert.

    Antwort auf "Na ja"
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    • TDU
    • 06.09.2010 um 14:02 Uhr

    Was heisst denn das? Alles verhindert. Die einseitige Rot-Grüne Politik ohne Rücksicht Andere? Flugverbote oder Naturschutzgebiete ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze.

    Bauverbote ohne sich Gedanken zu machen, dass man die Armen nicht zwischen Zentrum und Speckgürtel konzentrieren kann? Wie in Berlin schon absehbar? Als Ghettobildung per (Mehr/Minderheitsentscheid?)

    Ich finde das alles nicht so unkompliziert.Aber vemutlich auch deswegen, weil ich kein Millionär bin und weder von Eltern noch von Staat bezahlt oder subventioniert werde.

    • TDU
    • 06.09.2010 um 14:02 Uhr

    Was heisst denn das? Alles verhindert. Die einseitige Rot-Grüne Politik ohne Rücksicht Andere? Flugverbote oder Naturschutzgebiete ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze.

    Bauverbote ohne sich Gedanken zu machen, dass man die Armen nicht zwischen Zentrum und Speckgürtel konzentrieren kann? Wie in Berlin schon absehbar? Als Ghettobildung per (Mehr/Minderheitsentscheid?)

    Ich finde das alles nicht so unkompliziert.Aber vemutlich auch deswegen, weil ich kein Millionär bin und weder von Eltern noch von Staat bezahlt oder subventioniert werde.

    • lepkeb
    • 05.09.2010 um 11:55 Uhr

    den Kern des Artikels.

  4. Leider wird der Versuch, mit Sachverstand über die Chancen und Gefahren parlamentarischen Wandels zu informieren, nicht unbedingt honoriert, wie einige Kommentare hier offenbaren (ausgenommen jene von "Wahrsprecher").

    • sudek
    • 05.09.2010 um 14:49 Uhr
    7. Korte:

    Politik-Professor Korte ist verankert im Sponsoring-Geflecht der CDU!!!

    http://www.wir-in-nrw-blo...

  5. Mehrheiten zu finden, ist auf jeden Fall besser, als jede
    Regierung mit einer komfortablen Mehrheit, die sich dauernd
    in den Haaren liegt und nicht zu Potte kommt.
    Minderheitsregierungen sind Basisdemokratie, oder?
    Aber sehr anstrengend, weil mit viel Arbeit verbunden, da
    liegt der Hase im Pfeffer!

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