Fritz Vorholz spricht in seinem Leitartikel "Einstieg, nicht Ausstieg" ( ZEIT Nr. 35/10) von Unionspolitikern, die "die Atomkraft zum letzten unschwulen Markenkern von CDU und CSU stilisiert haben". Mit dieser Polemik wird er dem Ernst der Lage beim Klimaschutz nicht gerecht.

AchtzigProzent ihrer Primärenergie gewinnen die Industriestaaten aus fossilen Energiequellen. Dieser Anteil muss so schnell wie möglich klimaverträglich ersetzt werden. Einiges davon lässt sich durch bessere Wärmedämmung an Gebäuden gewinnen und im Verkehr vielleicht durch Elektroantriebe. Aber auch dafür braucht man mehr elektrische Energie. Wir brauchen also nichtfossile Energieträger. Unter diesen ist die Kernenergie die wichtigste. Und sie ist, neben der Wasserkraft, auch die einzige, die sich seit Jahrzehnten im großtechnischen Einsatz bewährt.

Hinzu kommt, dass zwei Drittel der erneuerbaren Energie aus Biomasse stammt, deren Nachhaltigkeit durchaus in Zweifel steht, wenn man etwa an die Abholzung von Regenwäldern denkt, die zu Agrarflächen werden, oder an die Konkurrenz zwischen Biomasse-Produktion und dem Anbau von Nahrungsmitteln – in einer hungernden Welt ein echtes Dilemma.

Angesichts dieser Situation wäre es grob fahrlässig, auf Atomenergie zu verzichten. Deshalb tut es auch niemand sonst. Es gibt keinen einzigen Staat weltweit, der heute noch aus politischen Gründen Kernkraftwerke stilllegt. In den wenigen Staaten, die früher einmal den Atomausstieg beschlossen hatten, wird umgedacht. Spanien und Belgien haben die Laufzeit ihrer ältesten Reaktoren verlängert, beide unter sozialdemokratischer Führung. Schweden erlaubt sogar den Neubau von AKWs.

Alles deutet darauf hin, dass Atomenergie noch auf lange Zeit unverzichtbar ist, wenn die Energieversorgung wirklich klimaverträglich werden soll. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Europäische Parlament, das sich mit fast drei Viertel Mehrheit für die Nutzung der Kernenergie ausgesprochen hat. Wann endlich nimmt auch die ZEIT dies zur Kenntnis?

Christoph Barthe, 61, Diplom-Physiker aus Hamburg