Polnische Geschichte Die Partisanin
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Die Rache des Zaren ist schrecklich

Die Rache des Zaren ist schrecklich

So erreichen 700 polnische Ulanen und Reiterpioniere unter Führung von General Dezydery Chłapowski im Mai 1831 Litauen, wo sie sich mit Partisanenverbänden zusammenschließen. Auch Emilia Plater und ihre beiden Gefährtinnen sind dabei. Chłapowski erlaubt den Frauen, bei seinen Truppen zu bleiben. Plater erteilt er sogar eine Funktion. Er ernennt sie zum »Ehrenchef« der ersten Kompanie von 25 Landserregimentern.

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Doch der Plan greift nicht mehr. Im Juni 1831 trifft die Nachricht von der schweren Niederlage der polnischen Militärs in den Ponarski-Bergen bei Wilna ein. Es ist das Ende vom Aufstand in Litauen. Die Russen greifen Kaunas an, das zwischenzeitlich in die Hand der Aufständischen geraten ist, und nehmen 600 Gefangene. Von Mitte Juli 1831 an versuchen polnische Truppen von Litauen aus, auf preußisches Gebiet zu gelangen, um der zaristischen Übermacht zu entkommen.

Auch Chłapowski will seine Leute und sich selbst auf diesem Weg in Sicherheit bringen. Viele empfinden das als Verrat. Obwohl es keinen Zweifel mehr am Ausgang der Erhebung geben kann, wollen einige Fanatiker weiterkämpfen. Plater gehört zu ihnen. Im Zelt des Generals kommt es zum Eklat. Die Gräfin wirft Chłapowski Feigheit vor. »Tausendmal ziehe ich den Tod der Schande vor«, soll sie gerufen haben.

Sie kann ihn nicht umstimmen. Chłapowskis Truppen fliehen nach Preußen, Maria Raszanowiczówna und Antonina Tomaszewska ziehen mit. Emilia Plater versucht, mit einem ihrer Cousins ins Königreich Polen zu gelangen, Richtung Warschau, das noch gehalten wird. Das Grenzgebiet wimmelt von russischen Soldaten. Die beiden Unerschrockenen bewegen sich nur nachts, in abgelegenen Katen finden sie Unterschlupf. Kälte, Hunger und Verzweiflung zehren an Platers Kräften. Im September 1831 kommt sie in einem Hof in der Gegend von Sejny unter. Eines Abends ist russisches Militär zu Gast. »Die Offiziere erzählten, die Plater sei schon in Paris[…]. Aber sie saß zu dieser Zeit auf der anderen Seite des Hauses, zusammen mit uns als vermeintliche Bonne«, so erinnerte sich Jahrzehnte später der Sohn des Hauses.

Der letzte Brief Emilia Platers stammt vom 30. September 1831. Geschrieben hat sie ihn an eine Verwandte, Maria von Mohl, deren Gut ebenfalls zerstört worden ist. Die unsicheren Schriftzüge verraten einen kranken, verzagten Menschen, der jeden Lebensmut verloren hat. »Warum muss ich auf dieser Welt bleiben, wenn ich in der Zukunft nur Trauer erblicke, mein Leben niemandem von Nutzen ist und für mich nur eine Last.«

Zur selben Zeit fällt Warschau, im Oktober erlischt im Land der letzte Widerstand. Ein Exodus ohnegleichen beginnt: 9000 Künstler, Politiker, Hochadlige, Militärs und Wissenschaftler verlassen in der »Großen Emigration« das Land. Die Rache Nikolaus’ I. ist gnadenlos: 3000 Güter werden konfisziert und meist russischen Offizieren übereignet, die Universitäten Warschau und Wilna im Folgejahr geschlossen. 1833 verhängt das Regime den Ausnahmezustand; er sollte bis 1856, bis ein Jahr nach dem Tod des Zaren, währen – fast ein Vierteljahrhundert.

Gebrochen an Körper und Seele, stirbt Emilia Plater am 23. Dezember 1831. Gleich nach den Weihnachtstagen bringt man ihre sterblichen Überreste nach Kopciowo (heute Kapčiamiestis in Litauen) und setzt sie dort auf dem Dorffriedhof bei. Über dem Grab wird ein einfaches Holzkreuz errichtet, später ein weißer Stein. Aus Furcht vor Repressalien ist nur ein einziges Wort eingemeißelt: »Emilia«. Was immer der Gräfin noch an Besitz geblieben war, konfiszierten die Beamten Seiner Majestät des Zaren.

Bald nach ihrem Tod wuchs die Legende. Frauenorganisationen benannten sich nach ihr, Schulen und Straßen bekamen ihren Namen, Emilias Porträt erschien auf Banknoten. Dichter in ganz Europa besangen sie, auch Adam Mickiewicz. In Paris wurde im Cirque Franconi ein ihr gewidmetes Stück gezeigt, Les Polonais en 1831, in dem sie mit Jeanne d’Arc verglichen wird. Und mancher ihrer Landsleute – in Litauen wie in Polen – hofft wohl noch heute darauf, dass sie dereinst, wie Frankreichs unsterbliche Heldin, heilig gesprochen wird. Aber anders als die Visionärin Jeanne blieb sie eine Träumerin. Mit dem Herz einer Löwin.

Die Autorin ist Historikerin und Slawistin, sie lebt in Berlin

 
Leser-Kommentare
  1. Henryk Mikolaj Górecki ´3.Sinfonie`!

    • CHHN
    • 08.09.2010 um 0:38 Uhr

    Es ist erstaunlich, welche Triebkraefte unter den jungen Menschen der ersten Haelfte des 19. Jahrhundert durch die Aufklaehrung freigesetzt wurden, als sich das Streben nach Rechten des Einzelnen, Freiheit und Demokratie in Revolten gegen absolute Herrschaft, Monarchen und Kleinpotentaten umsetzte. Und dann die Tragoedie: Der Verlust der Ideen und Jacobinisierung in Frankreich, Blutzoll bei Waterloo, die Niederlage der Revolten in Baden, Ungarn, das Scheitern in der Paul's Kirche, schliesslich Flucht und Auswanderung vieler in das freiheitversprechende Amerika, um dort im Buergerkrieg meist auf der seite des Norden's und Lincoln's die eigenen Ideale zu verwirklichen, wennman nicht vorher schon erschossen und erschlagen worden war.

    Es ist aber auch erstaunlich, wie haeufig diese Vorkaempfer unserer westlichen Demokratien in ihren Herkunftslaendern auch heute noch geehrt werden, allerdings mit einer Ausnahme: Deutschland. In unserem Lande wird alles, was in der Neuzeit vor 1968 vor sich ging, ohne Ruecksicht und kritisches Denken tabuisiert - als haette man sich selbst erfunden.

    • tb
    • 08.09.2010 um 18:32 Uhr

    Frau Liebermann ist begeistert von ihrer historischen Heldin.

    Aber ließen sich die ostlitauischen Leibeigenen in Dusiaty wirklich von ihren Worten entflammen.
    Waren überhöhte Steuern ihr Problem? War der harte Dienst in der russischen Armee schwerer zu ertragen als der Dienst auf dem Gut der Verwandten? Drückte sie der Terror der zaristischen Polizei wirklich härter als die Knute des gräflichen Gutsverwalters?

    Egal: 280 Bauern,von der Autorin pittoresk als Fußvolk bezeichnet, erfüllen der Gnädigsten ihren Traum vom Aufstand als Lebensziel. Erwartungsgemäß wird "Platers Regiment" bald aufgerieben. Stürzt das Madame in tiefe Verzweiflung?
    Nein, das schafft erst die Nachricht über den Verlust der Güter ihrer Verwandten.

    Aber noch gibt es Leben, die frau auf dem Altar der Freiheit opfern kann!
    Wenn da nicht der (S)Chlapowski wäre, der , statt den Tod auf dem Schlachtfeld zu suchen, lieber seine geschlagene Armee auf preussisches Gebiet in Sicherheit bringen will.
    "Tausendmal" zieht da unsere Heroine da den Tod der Schande vor. Theoretisch. Praktisch zieht sie mit. Und stirbt, wie im Lore-Roman, gebrochen an Körper und Seele.

    Für meinen Geschmack ein bisschen viel Legende und zu wenig kritische Geschichtswissenschaft.

  2. Der Artikel macht Lust auf mehr aber es scheint sehr wenig Literatur über sie zu geben, zumindest deutschsprachige.

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