Charles Taylor hält seine Hände in die Luft und spricht: »Ich habe eine linke Hand, weil ich eine rechte Hand habe.« Eine Plattitüde? Nonsens? Wie man’s nimmt, denn der Satz lässt sich auch als Quintessenz eines Denkens verstehen, das die Komplizenschaft der Gegensätze durchschaut; eines Denkens, das die Einseitigkeit in all ihren Formen zum Erzfeind erklärt, sich ein Herz fasst und in das Handgemenge der Widersprüche wirft.

Ein Beispiel? »Der Krieg gegen den Terrorismus«, sagt Taylor. Der folge der Logik, dass ich mich meiner Reinheit versichere, wenn ich gegen den Schmutz kämpfe – und übersieht nicht nur den eigenen Hang zur Gewalt, sondern dass der Kampf gegen den Terrorismus diesen mit hervorbringt. Oder das Beispiel der kapitalistischen Wachstumsideologie: Unablässig bejahe sie den ökonomischen Fortschritt – was vielleicht die verheerendste Verneinung von allen sei. Ein Fehler wäre es nun allerdings, den Kapitalismus ganz über Bord zu werfen. Denn wir können zwar nicht mit ihm leben, schrieb Taylor einmal, es aber ohne ihn kaum aushalten. Ohnehin gibt es keine umfassende Alternative. Es bleibt nur, sich in das Kuddelmuddel wechselnder Kontexte zu begeben, um dort von Mal zu Mal abzuwägen, woran wir uns halten und was wir zurückweisen sollten.

Sinn für Kontext lässt sich Taylor nicht absprechen. Wir sitzen in einem asiatischen Restaurant in der Europäischen Kulturhauptstadt Essen zusammen. Am Vormittag hat er im dortigen Kulturwissenschaftlichen Institut mit einer Schar Professoren diskutiert, über die Aktualität des christlichen Glaubens und sein letztes Buch, Ein säkulares Zeitalter. Jetzt spricht er über buddhistische Freunde und Meditation, trinkt Tsingtao-Bier und hantiert geschickt mit einem Paar Stäbchen – ein nicht ganz unwesentliches Detail, denn der 80-jährige Taylor gilt als der große Theoretiker des Multikulturalismus, und indem er die Gabel links liegen lässt, setzt er mühelos über den Spalt hinweg, der zwischen Worten und Taten klafft.

Tatsächlich scheint Taylor ein Philosoph zu sein, für den das alte Max-Scheler-Wort – ein Wegweiser laufe auch nicht in die Richtung, in die er zeige – keine Gültigkeit hat. Bei Taylor steckt in jeder Geste sein Denken, und sein Denken wurzelt ganz in dem, was er tut. Einmal greift er während des Essens doch zum Messer. Da spricht er von der Französischen Revolution und dem Zusammenhang von Tugend und Terror. Robespierre habe noch vor der Republik für die Abschaffung der Todesstrafe plädiert – Taylor hält das Messer wie einen Zeigefinger hoch erhoben. Kaum war die Republik da, sei er selbst zum Schlächter geworden – Taylor sticht mit dem Messer in die Luft.

Der Sinn fürs Nahe- und Nächstliegende, fürs Mögliche, spiegelt sich in einer solchen Gestik, die immer auf das zurückgreift, was zur Hand ist. Wobei noch ein zweiter Aspekt hinzukommt: Taylor ist bekennender Katholik, und als solcher interessiert er sich nie für den Geist allein, sondern immer auch für den Leib, nicht allein für den Gedanken, sondern immer auch für dessen Verkörperung. »Ich bin mir sicher«, sagt er, »dass dies hier ein Glas ist« – er hält es hoch. »Ich bin mir auch sicher, dass dieses Ding ein Salzfässchen ist« – er tippt dagegen. »Im Glauben allerdings« – und nun folgt die Geste, derzufolge etwas auf der Hand liegt – »ist nur der Zweifel gewiss.«

Posen oder auch nur den Flirt mit der Kamera, wie die Starphilosophen Derrida oder Foucault sie pflegten, sucht man bei Taylor dennoch vergebens. Die Haltung der Franzosen, mit großen Gesten nicht ihre Philosophie, sondern sich als Philosophen in Szene zu setzten, ist ihm fremd. Nicht wie ein Star schaut er auf Fotos drein, sondern wie ein Bibliothekar.

Taylor hat einige Verwirrung gestiftet, als er sich als christlicher Philosoph outete. Erstmals kam er in seiner großen historisch-analytischen Studie Quellen des Selbst auf seinen Glauben zu sprechen – und wurde prompt abgewatscht. Quentin Skinner, der Nestor der neuen Cambridger Ideengeschichte, spöttelte: Taylor empfiehlt uns, das Gespräch mit Engeln zu suchen – schade nur, dass es die nachweislich nicht gibt.

In den 1950er Jahren war Taylor als Mitglied der britischen Labour-Partei einem sozialistischen Humanismus auf der Spur und wirkte an der Gründung der New Left Review, dem Flaggschiff der Linksintellektuellen, mit. In den 1960er Jahren, zurück in Kanada, kandidierte er viermal, wenn auch erfolglos, als Sozialdemokrat für einen Sitz im kanadischen Unterhaus. Er hat sich in der Philosophie als Hegel-Interpret einen Namen gemacht, den amerikanischen Kommunitarismus mitgeprägt und den Multikulturalismus fundiert. Wie kommt dieser durch und durch politische Mensch plötzlich auf seinen persönlichen Glauben zu sprechen?