Helmut Thoma "Mir wurde klar, dies ist nicht mein Leben"

Helmut Thoma über seine Lehre in einer Molkerei, die für ihn ein Schock war

Helmut Thoma zu seinem 70. Geburtstag (2009)

Helmut Thoma zu seinem 70. Geburtstag (2009)

ZEITmagazin: Herr Thoma, Sie haben im Jahr 1984 das Privatfernsehen in Deutschland eingeführt. Was schauen Sie selbst im Fernsehen?

Helmut Thoma: Hauptsächlich Nachrichten, Sport und irgendwelche Dokumentationen. Ich habe ja nie meinen Geschmack als Maßstab genommen. Der ist schon ein bisschen ein Nischengeschmack, das gebe ich gerne zu. Aber ich habe immer gesagt: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

ZEITmagazin: Wie sind Sie denn als Jurist ausgerechnet aufs Fernsehen gekommen?

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Thoma: Ich wollte etwas bewirken, und die Zeit der großen Gründungsunternehmer wie Grundig war erkennbar vorbei. Aber beim Fernsehen, dachte ich mir, da wird noch etwas kommen, da will ich dabei sein.

Helmut Thoma

Der 71-jährige RTL-Chef hat 1984 das Privatfernsehen nach Deutschland gebracht und gilt als Spezialist fürs Seichte. Der Österreicher holte nach einer Molkereilehre in Abendkursen das Abitur nach und arbeitete zunächst als Rechtsanwalt

ZEITmagazin: Sie wehren sich immer dagegen, dass das Fernsehen zum Belehrungsmedium wird. Sie wollen den Bedürfnissen der Zuschauer nachkommen. Aber manchmal muss der Mensch sich doch auch zu etwas aufraffen und sich ums Höhere bemühen.

Thoma: Ja, aber dafür ist das Fernsehen nicht da. Klar, manchmal muss man sich aufraffen, ganz unbestritten, aber was hat das mit Fernsehen zu tun? Das Fernsehen ist doch kein Kasteiungsmedium.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben einen Wendepunkt?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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Thoma: Meine Kindheit war nicht einfach. Der Vater ist am zweiten Kriegstag gefallen. Da war ich eine Zeit lang ziemlich orientierungslos. Schule hat mich nicht gefreut. Ich bin dann auf der Hauptschule gelandet, und aus purer Verzweiflung habe ich eine Molkereilehre gemacht. Da stand ich mit 15 vor diesen rotierenden Butterfässern und habe mir gesagt: Das kann doch nicht dein Leben sein! Das war so ein Erleuchtungsmoment. Ich weiß noch genau, es war früh am Morgen 1956 und ziemlich kalt, und ich sagte mir: Jetzt will ich es wissen! Mit diesem Ruck habe ich innerhalb von zwei Jahren neben dem Beruf in Abendkursen das Abitur gemacht. Von diesem Ehrgeiz wurde dann mein ganzes Leben getrieben, das von da an ziemlich glatt lief. Mit 22 war ich promovierter Jurist, mit 27 Leiter der Rechtsabteilung beim ORF.

ZEITmagazin: Das heißt, die Extrarunde in der Molkerei hat gar nicht geschadet.

Thoma: Nein, die war von ungeheurer Wirksamkeit, sie hat den Schock meines Lebens ausgelöst, und das war meine Rettung.

ZEITmagazin: Kommt bei Ihnen alles Glück aus dem Beruf?

Thoma: Ja, der Hauptteil kommt aus dem Beruf. Ich habe immer gesagt, ich möchte nicht in diesem riesigen Ameisenhaufen der Menschheit eine Normalameise sein, ich möchte wenigstens eine mit einem Schleifchen sein – und dieses Schleifchen war RTL für mich.

ZEITmagazin: Wenn das ganze Leben von Arbeit ausgefüllt ist, wo hat man dann Freunde? Außerhalb oder innerhalb der Arbeit?

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Mangold ist stellvertretender Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons und Moderator der ZDF-Literatursendung »Die Vorleser«

Thoma: Ich habe einmal den Fehler begangen, einen Freund reinzuholen. Den hatte ich zum Chefredakteur von RTL gemacht. Das war natürlich ein absoluter Unsinn, denn der hat das sofort als Aufforderung betrachtet, Wiener Intrigantenspiele zu beginnen. Ich hätte das nicht machen sollen. Das war mein bester Freund. Und für ein Einzelkind wie mich hat das ja noch eine höhere Wertigkeit. Intrigiert wird immer, aber schlimm ist es, wenn das jemand tut, der dein volles Vertrauen hat.

ZEITmagazin: Ihre Frau hat nach Ihrer Trennung 2001 ein Buch über Sie geschrieben. Danach sind sie wieder zusammengekommen. Das ist ja auch eine ungewöhnliche Wendung.

Thoma: Bei dem Buch hatten ja alle auf eine richtige Abrechnung gehofft, aber das war es überhaupt nicht.

ZEITmagazin: Warum hatten sie sich denn getrennt?

Thoma: Bei mir war das eine schwierige Phase. Ich war nicht mehr bei RTL, und meine Mutter, an der ich sehr hing, war gestorben. Das waren gewaltige Umwälzungen in meinem Leben. Und dann hatte ich zufällig eine andere Frau kennengelernt. Natürlich war das absoluter Unsinn, den ich mir heute nur mit der Ausnahmesituation erklären kann. Zum Glück hatte ich das aber bald begriffen, und meine Frau und ich sind dann auch wieder zusammengekommen.

ZEITmagazin: Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Thoma: Schwierige Frage. Ja. Ich bin seit Langem Freimaurer. Das ist eine bestimmte Lebensauffassung, die auch ihre esoterische Seite hat. Man glaubt an den großen Baumeister aller Welten, worunter sich alle monotheistischen Religionen einordnen lassen. Es liegt in der Natur des Menschen, dass sich jeder fragt: Woher komme ich, wohin gehe ich? Das muss sich jeder selber beantworten, und die Freimaurerei ist dafür eine schöne Möglichkeit.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold

 
Leser-Kommentare
  1. von der Molkereilehre zu RTL wirklich so radikal - oder einfach nur eine Veränderung in der Art, Käse zu produzieren?

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