Ein perfekter Lebenslauf? Ein Personalmanager (rechts) prüft auf einer Jobmesse in Denver, Colorado, die Unterlagen eines Bewerbers © John Moore/Getty Images

Wir alle wollen in unserem Leben nur eines: perfekt sein. Und zwar in allem, was wir tun: im Beruf und in der Freizeit – die perfekte Mutter mit dem perfekten Ehemann, den perfekten Kindern und dem perfekten Job. Das meint zumindest Klaus Werle, Redakteur beim manager magazin . In seinem Buch Die Perfektionierer schreibt er, dass das Optimale aber nicht immer erreicht werden kann und dass das Streben danach sogar schädlich für den Einzelnen und die Gesellschaft ist.

Als eine der Ursachen für das Streben nach Perfektion identifiziert Werle die Ausweitung der Optionen, die man mittlerweile hat oder von denen man zumindest glaubt, sie zu haben. Theoretisch kann jeder alles in seinem Leben erreichen – sowohl beruflich als auch privat. Daraus resultiere eine unbedingte Verpflichtung, das Beste aus sich herauszuholen.

Laut Werle folgen wir dabei dem in der Realität nicht erreichbaren Modell des Homo oeconomicus. Maximiere deinen Nutzen! Immer! Mach das Beste aus deinem Studium, wähle den interessantesten Urlaubsort, bereite das perfekte Essen zu. Aber statt Perfektion zu erreichen, nütze unser Streben vor allem den anderen: den privaten Bildungsanbietern, den Reisebüros und den Kochbuchverlagen. Nur dem eigentlich Strebsamen nützt sein Bemühen oft wenig. Beispiel Karriereplanung: Weil alle dem Mainstream folgen – schnelles Studium, Auslandsaufenthalt, zahlreiche Praktika –, werden alle immer ähnlicher, und keiner hebt sich mehr ab. Hinzu kommt: Über all der Perfektionierung versäumen sie, ihre wirklichen Stärken zu finden.

Und es kommt laut Werle noch schlimmer: Dass junge Leute, die in eine Richtung gebürstet werden, Mut und Kreativität verloren gehen, schade der Wirtschaft. Denn dann fehlten Innovationen und die Bereitschaft, Risiken einzugehen.

Die Gesellschaft als Ganze leide unter dem Streben nach Perfektion, glaubt Werle. Weil sich vor allem die Mittelschicht um jeden Preis optimal entwickeln und der Oberschicht näherkommen wolle, schotte sie sich von anderen Lebenswelten ab und stehe dem nicht Vollkommenen verständnislos gegenüber. Am Ende gehe die Fähigkeit zu Empathie, Solidarität und Zusammenhalt verloren.

Als Journalist versteht sich Werle darauf, einfach und lebendig zu schreiben. Seine Stärke ist aber gleichzeitig seine Schwäche. Der Journalist bleibt Beobachter des Geschehens. Eine fundierte theoretische Einordnung für seine Beobachtungen fehlt. So wirkt der Autor das gesamte Buch hindurch wie ein Dokumentar.

Die Argumentation des Autors ist zudem nicht immer überzeugend. So mag es ja stimmen, dass Bewerber durch das Streben nach Perfektion erschreckend ähnliche Lebensläufe haben – wer keinen Auslandsaufenthalt vorweisen kann, steht aber auch nicht besser da. Zudem ist das Streben nach mehr kein neues Phänomen. Wären Menschen nicht stets auf der Suche nach Besserem gewesen, säßen sie wohl noch heute in einer Höhle.