Roma-Abschiebungen Raus, raus, raus!Seite 2/2

Die Wagenburg an der Brücke von Bondy ist immerhin legal. Sie hat sogar ein Staatsoberhaupt, das die Bewohner nach außen vertritt und im Inneren für Ordnung sorgt. »Al Pacino« nennt sich der Endvierziger mit den scharfen Gesichtszügen. Unter diesem Namen schreiben ihn auch die Ämter an, mit denen er verhandelt. Er meldet Kinder in der Schule an, ist Auskunftsstelle, Versorger und Arbeitsvermittler. Wovon er lebt?

»Man gibt dies und jenes«, sagt er und reibt sich die imposante Nase. In seinem Wohnwagen steht eine Holzkiste mit losen Zigaretten ohne Markenangabe. »Diebe haben wir hier nicht«, behauptet Al Pacino. »Die Leute kommen nach Frankreich, um zu arbeiten.« Nur deswegen? »Manche müssen auch ins Krankenhaus, oder sie wollen sich ein paar Monate lang in einer öffentlichen Suppenküche satt essen.«

Da erscheint eine Frau mit Kleinkind in der Türöffnung des Wohnwagens. Al Pacino weist sie ab: »Kein Geld da.« Ein verwahrloster Säufer streift vorbei. Eine alte Frau hängt Wäsche auf. Die Bewohner des illegalen Camps ein paar Hundert Meter weiter hingegen müssen die Wäsche und sich selbst im Industriekanal waschen. Sie haben keine Toiletten und auch keinen Al Pacino. Ein Gerücht besagt, dass ihr Lager bald geräumt wird.

Auch im legalen Camp an der Brücke geht die Angst um. Die Bewohner haben meist kein Aufenthaltsrecht. »Wenn man uns abschiebt«, faucht Al Pacino, »dann gibt es Krieg. Und wenn das in ganz Europa so weitergeht, dann gibt es eben Krieg in ganz Europa.« Er stamme von »jugoslawischen Juden« ab, sagt er, der Großvater sei im KZ gewesen, »wir haben nichts vergessen«.

Ein deutscher Papst, sagt ein Vertrauter des Präsidenten, sollte dazu schweigen

Fotos von Polizeieinsätzen, auf denen Familien zu sehen sind, ihre Babys und die Siebensachen tragend, haben besonders im katholischen Milieu Empörung ausgelöst. Dass der Papst kürzlich auf Französisch für die »menschliche Vielfalt« betete, werten sie als Zeichen. Alain Minc, ein Vertrauter des Präsidenten, konterte, ein deutscher Papst sollte zu diesem Thema besser schweigen. Nun eskaliert der Streit zwischen Klerikalen und Laizisten in der Regierungspartei. Ein hoher Preis für die Sympathiegewinne, die Sarkozy Umfragen zufolge am rechten Rand verzeichnet.

Zumal er, der aus innenpolitischen Gründen nach internationaler Anerkennung lechzt, sich nun mit Kritik aus dem Ausland herumschlagen muss. Die EU-Kommission zitierte diese Woche seine Minister zum Rapport. Frankreichs Außenminister wiederum brachte das Kunststück fertig, zur selben Zeit dem Ausland Unsachlichkeit vorzuwerfen und sich von seinen Regierungskollegen abzusetzen; er habe an Rücktritt gedacht, sagte Bernard Kouchner. Was putzig ist, denn kaum jemand glaubt, dass er die für Oktober angekündigte Regierungsumbildung politisch überleben wird.

Premierminister François Fillon sucht ebenfalls Distanz zu Sarkozys Hardlinern und erntet dafür in den eigenen Reihen nicht nur Kritik. Es wird genau registriert, dass Fillon die Rollenverteilung umkehrt: Während Sarkozy den Mann der Tat gibt, tritt sein Premier, der doch Vollstrecker des präsidialen Willens sein soll, staatsmännisch wie ein Präsident auf. Ob die Regierungsrechte noch einmal darüber nachdenken wird, wer für sie die Präsidentschaftswahl 2012 gewinnen kann?

Mit Al Pacino, Dimitru und ihren Gefährten hat dieses Machtspiel nichts mehr zu tun. Auch nicht mit Pàl, einem gebürtigen Ungarn, der kürzlich in seiner Autobiografie beschrieb, wie er einst frierend, hungrig, verdreckt und stinkend in Paris angekommen sei. Schwärmerisch erinnert er sich an die Abende mit den Roma der Stadt.

Pàl kam und blieb, um zu arbeiten und anständig zu leben. Eine Erfolgsgeschichte. Sie gipfelte vor drei Jahren darin, dass die Franzosen seinen Sohn Nicolas zu ihrem Präsidenten wählten.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Ach so

    Zitat
    "Wenn man uns abschiebt, dann gibt es Krieg"

    Wenn wir nicht bekommen was wir wollen, wird eben Gewalt angewandt. Eine feine Geste gegenüber dem Gastland finde ich.

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    @MilleMiglia

    Anscheinend haben sie sich den Artikel nicht genau durchgelesen. Ein Kommentar zu genau diesem Zitat ist völlig überflüssig.

    Kommentieren sie doch lieber diesen Absatz:
    Er stamme von »jugoslawischen Juden« ab, sagt er, der Großvater sei im KZ gewesen, »wir haben nichts vergessen«

    Jeder Mensch ist gleich. Nur weil wir in einer Gesellschaft leben, der es gut geht, heisst das noch lange nicht, das man auf jemanden herabschauen darf. Denken sie mal darüber nach.

    @MilleMiglia

    Anscheinend haben sie sich den Artikel nicht genau durchgelesen. Ein Kommentar zu genau diesem Zitat ist völlig überflüssig.

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    Er stamme von »jugoslawischen Juden« ab, sagt er, der Großvater sei im KZ gewesen, »wir haben nichts vergessen«

    Jeder Mensch ist gleich. Nur weil wir in einer Gesellschaft leben, der es gut geht, heisst das noch lange nicht, das man auf jemanden herabschauen darf. Denken sie mal darüber nach.

  2. @MilleMiglia

    Anscheinend haben sie sich den Artikel nicht genau durchgelesen. Ein Kommentar zu genau diesem Zitat ist völlig überflüssig.

    Kommentieren sie doch lieber diesen Absatz:
    Er stamme von »jugoslawischen Juden« ab, sagt er, der Großvater sei im KZ gewesen, »wir haben nichts vergessen«

    Jeder Mensch ist gleich. Nur weil wir in einer Gesellschaft leben, der es gut geht, heisst das noch lange nicht, das man auf jemanden herabschauen darf. Denken sie mal darüber nach.

    Antwort auf "Ach so"
    • CM
    • 03.09.2010 um 13:38 Uhr

    Für diejenigen, die es noch nicht verstanden haben: die weitaus meisten Roma sind EU-Bürger!

    Sie bekommen jede beliebige Volksgruppe dazu, in völliger Verzweiflung zu leben, wenn Sie so vorgehen:

    1. Grenzen Sie sie rassistisch aus.
    2. Schließen Sie sie völlig aus der Gesellschaft aus.
    3. Enthalten Sie ihnen Jobs, Unterkunft, Sozialleistungen, Wahlrecht vor.
    4. Behandeln Sie sie polizeilich grundsätzlich als Schuldige dritter Klasse.
    5. Verhindern Sie jede Integration.
    6. Drohen Sie Ihnen, egal mit was.
    7. Benutzen Sie sie für Ihren Wahlkampf.

    Genau das macht man mit diesem Volk seit... ja, seit wann eigentlich? War es je anders?

    Wer kann es den so behandelten verdenken, wenn ihnen diese Behandlung nicht gefällt? Was würden Sie tun, wenn Sie ein Roma wären?

    Leider geben sich Rumänien und Frankreich in dieser traurigen Disziplin nicht viel. Jeder Mexikaner hat als illegaler Einwanderer in den USA bessere Chancen als die Roma als EU-Bürger in Frankreich und Rumänien.

    • Holmes
    • 03.09.2010 um 13:39 Uhr

    wenn ich mich illegal im rümänien aufhalte und die polizei meine papiere kontrolliert werde ich abgeschoben.

    wenn ich mich illegal in der schweiz aufhalte und die polizei meine papiere kontrolliert werde ich abgeschoben.

    wenn ich mich illegal in den usa aufhalte und die polizei meine papiere kontrolliert werde ich abgeschoben.

    wenn ich mich illegal in frankreich aufhalte und die polizei meine papiere kontrolliert erwarte ich einen arbeitsplatz und eine wohnung für meine familie angeboten zu bekommen.

    was ist hier falsch?

    die armut der roma und ihre lebensumstände sind fragen die rümänien dringend zu lösen hat, nicht frankreich.

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    • CM
    • 03.09.2010 um 14:28 Uhr

    Ihr Vergleich hinkt nicht nur, der sitzt im Rollstuhl:

    - Die USA sind kein EU-Mitglied, Sie haben nur ein zeitlich beschränktes Aufenthaltsrecht.

    - Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, Sie haben nur ein zeitlich beschränktes Aufenthaltsrecht.

    Wie wollen Sie sich denn als EU-Bürger illegal in einem EU-Land aufhalten?

    Dazu müssen Sie entweder straffällig werden - und das muß schon mehr sein als ein Ladendienstahl oder Falschparken - oder den Sozialsystemen sehr heftig zur Last fallen.

    Wenn's danach geht müßte Frankreich sehr viel mehr Leute ausweisen, macht es aber an der ethnischen Zugehörigkeit fest, ohne Einzelfallprüfung, und verzichtet dabei auch gerne auf die dafür nötigen Kriterien. Die französische Regierung verhält sich also ganz klar gesetzwidrig. Von ihrem Präsidenten und seiner Parteienfinanzierung ganz zu schweigen...

    • CM
    • 03.09.2010 um 14:28 Uhr

    Ihr Vergleich hinkt nicht nur, der sitzt im Rollstuhl:

    - Die USA sind kein EU-Mitglied, Sie haben nur ein zeitlich beschränktes Aufenthaltsrecht.

    - Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, Sie haben nur ein zeitlich beschränktes Aufenthaltsrecht.

    Wie wollen Sie sich denn als EU-Bürger illegal in einem EU-Land aufhalten?

    Dazu müssen Sie entweder straffällig werden - und das muß schon mehr sein als ein Ladendienstahl oder Falschparken - oder den Sozialsystemen sehr heftig zur Last fallen.

    Wenn's danach geht müßte Frankreich sehr viel mehr Leute ausweisen, macht es aber an der ethnischen Zugehörigkeit fest, ohne Einzelfallprüfung, und verzichtet dabei auch gerne auf die dafür nötigen Kriterien. Die französische Regierung verhält sich also ganz klar gesetzwidrig. Von ihrem Präsidenten und seiner Parteienfinanzierung ganz zu schweigen...

  3. [...]

    Entfernt. Bitte richten Sie Ihre Kritik sachlich und differenzert an die Argumente in Artikeln und nicht pauschal gegen Autoren. Danke, die Redaktion/fk.

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    Die Rechte eines Menschen sind völlig unabhängig davon, ob irgendjemand diesen Menschen kennt oder nicht.

    Da es hier um eben solche Rechte und um den Umgang damit geht, ist es also unerheblich, ob der Autor die betreffenden Menschen oder Menschen der gleichen Herkunft, Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht oder Haarlänge kennt oder nicht kennt.

    [...]

    Und hier nochmal die Frage an den Autor von Randow:
    Wie viele Roma kennen Sie persönlich und wie viele Roma leben in Ihrer Nachbarschaft?

    Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion von Artikelinhalten vorgesehen. Danke, die Redaktion/fk.

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    [...]

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    Wie viele Roma kennen Sie persönlich und wie viele Roma leben in Ihrer Nachbarschaft?

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  5. Die Rechte eines Menschen sind völlig unabhängig davon, ob irgendjemand diesen Menschen kennt oder nicht.

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    Ein Autor sollte das Thema, welches er beschreibt aus eigener Erfahrung kennen.
    Meinung ohne Erfahrung ist wertlos.

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  6. 8. [...]

    [...]

    Und hier nochmal die Frage an den Autor von Randow:
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