UN-Bericht über RuandaWenn die Opfer töten

Gab es in Ruanda nach dem ersten Völkermord noch einen zweiten? Ein geheimer UN-Bericht stellt die alten Gewissenheiten infrage von 

Ruandische Flüchtlinge in einem Lager in Zaire

Ruandische Flüchtlinge suchen Schutz vor einem Regensturm. Das Foto entstand 1994 in einem Flüchtlingslager nahe Goma in Zaire  |  © IERRE VERDY/AFP/Getty Images

Im Spätsommer 1994 reiste ein amerikanischer UN-Mitarbeiter namens Robert Gersony durch Ruanda. Das Land war zu diesem Zeitpunkt ein offenes Massengrab. Der Genozid extremistischer Hutu an 800.000 Tutsi und moderaten Hutu lag nur wenige Wochen zurück; gerade erst hatten Tutsi-Rebellen unter dem heutigen Präsidenten des Landes, Paul Kagame, die Macht übernommen. Fast zwei Millionen Hutu, unter ihnen die Täter und Mitläufer, waren daraufhin aus Angst vor Vergeltung in die Nachbarländer, vor allem in den Osten des Kongo geflohen.

Gersony war voll der Sympathie für das neue ruandische Regime, das den Genozid gestoppt hatte. Im Auftrag des Hohen Flüchtlingskommissars der UN sollte er untersuchen, wie man die Mehrheit der Hutu-Flüchtlinge, die kein Blut an den Händen hatte, möglichst schnell wieder repatriieren könnte.

Anzeige

Doch Gersony entdeckte etwas ganz anderes: eine Serie von Massakern an Zivilisten, die das Täter-Opfer-Schema auf den Kopf stellte. Einheiten von Kagames Ruandischer Patriotischer Front (RPF) hatten während ihres Vormarsches im Sommer 1994 mehrere Zehntausend Hutu ermordet.

Der Amerikaner erstattete Bericht im UN-Hauptquartier in New York, wo man seine Erkenntnisse zwar nicht anzweifelte, ihm aber einen Maulkorb verpasste. Ein Verbrechen von ungleich größerem Ausmaß, ein Völkermord, hatte stattgefunden. Die Weltgemeinschaft hatte durch Tatenlosigkeit schwere Mitschuld auf sich geladen, die Tutsi waren die Opfer, Kagames Armee war der militärische und moralische Sieger, seine neue Regierung der Hoffnungsträger. Also wurde der Gersony-Report versenkt.

Auf 545 Seiten schildern die UN den schlimmsten Krieg seit 1945

Sechzehn Jahre später gibt es erneut einen Bericht, dieses Mal erstellt durch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Er behandelt nicht die Verbrechen in Ruanda 1994, sondern den zweiten Akt dieser afrikanischen Apokalypse, die beiden Kongo-Kriege zwischen 1996 und 2003. Dieses Mal überlegt man in den Chefetagen der UN nicht, den Report wegzuschließen, sondern ihn zu entschärfen.

Karte Kongo
Um die Karte zu vergroeßern, klicken sie auf das Bild

Um die Karte zu vergrößern, klicken sie auf das Bild  |  © ZEIT-Grafik

Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie bitte hier

Menschenrechtsorganisationen haben über die Jahre zahlreiche Verbrechen dokumentiert, und dass alle Konfliktparteien im Kongo Gräueltaten an Zivilisten verübt haben, weiß man seit Langem. Aber dies ist die erste umfassende, wenn auch keineswegs vollständige Dokumentation von Verbrechen am schlimmsten Kriegsschauplatz nach 1945.( Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie bitte hier )

Die vorläufige Fassung besteht aus 545 Seiten, sie ist durch ein leak schon jetzt an die Öffentlichkeit geraten. Gleich auf Seite 14 wird der schlimmstmögliche Verdacht erhoben: dass es nach Ruanda 1994 einen zweiten Völkermord gegeben haben könnte – wohlgemerkt: könnte . Auf kongolesischem Boden, verübt an Hutu-Flüchtlingen durch die ruandische Armee Paul Kagames und die Rebellen ihres damaligen kongolesischen Alliierten, des späteren Präsidenten Laurent Kabila. Kagame hatte mit Kabilas Hilfe 1996 eben jene Flüchtlingslager mit Gewalt aufgelöst, in denen Hutu-Extremisten sich neu aufgerüstet hatten, um die Macht in Ruanda wieder an sich zu reißen.

Was damals als Akt der Selbstverteidigung dargestellt wurde, war das Vorspiel zu zwei Kongo-Kriegen unter Beteiligung fast sämtliche Nachbarländer. An den Folgen starben bis 2003 rund drei Millionen Menschen durch Seuchen, Hunger, Durst, Bombardements oder Massaker, wie wahrscheinlich mehrere Zehntausend Hutu-Flüchtlinge aus Ruanda. Mit Zahlen ist vorsichtig umzugehen in dieser Region, wo es mehr Verschwörungstheorien als zuverlässige Statistiken gibt. Aber für den Tatbestand des Völkermords sind nicht Opferzahlen ausschlaggebend, sondern die Absicht, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe vernichten zu wollen.

Leserkommentare
  1. Ein aussagekräftiger Doktorand zu diesem Thema ist Lars Hüning, Universität Sheffield. Sein Forschungsgebiet lautet "The contested role of the Rwandophone communities in eastern Congo in the public discourse of the Kinshasa-based printed press, 1991 – 2005".
    Er hat bereits eine Rezension verfasst zu "Segesser, Daniel M.: Recht statt Rache oder Rache durch Recht? Die Ahndung von Kriegsverbrechen in der internationalen fachwissenschaftlichen Debatte 1872-1945. Paderborn 2010, in: H-Soz-u-Kult, 30.06.2010, ".
    Seine Mailadresse L.Huening@sheffield.ac.uk

    • spalter
    • 04. September 2010 20:41 Uhr

    Wie kann es sein, dass heutzutage gigantischer Völkermord jahrelang unbemerkt bleibt? Wie kann es sein, dass völkermordende Regimes jahrelang von westlichen Regierungen unterstützt werden?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... und vielleicht auch "unwichtig", im perversesten aller Sinne, denn Konflikte rufen nicht pauschal die friedliebenden Staaten auf den Plan, sondern zuerst die, die sich aus der dem Konflikt selbst und der Intervention einen Zugewinn erhoffen.
    Kommuniziert wird das anders, aber erlebt doch exakt so und aktuelle Einsatzorte auch unserer Armee zeugen davon.

    Des Weiteren kann auch die Duldung eines Konfliktes, also die Nicht-Intervention, durchaus interessengestützt sein und destabilisierte Länder sind nicht nur Graus für die Einwohner, sondern auch "gute" Verhandlungsorte für ebensolche Geschäfte. Sie haben keinen starken Verhandlungspartner und auch keinen zuverlässigen, also nimmt dieser was er kriegen kann (und geboten bekommt) und schon wechseln Grund und Erzeugnisse den Besitzer - legal.

    Es gibt durchaus stabile Zonen in solch kriegsverseuchten Ländern: Industriegebiete - gut bewacht und beschützt von privaten Firmen.
    Dass drumherum dann Bürgerkriege toben und Menschen sterben, ist da gelebte Nebensache.

    Einige der instabilsten Staaten dieser Welt verfügen in Sparten meist über die erheblichsten Rohstoffvorkommen des Planeten. Coltan z. B. sagt bestimmt nur wenigen Menschen Etwas, ist aber industrielles Primärziel.
    Ein Schelm, wer denkt, dass sich das mit stabilen und verhandlungsfähigen Regierungen besser abbauen ließe als in einer ständig prekären Lage.

    Menschenleben sind also kommuniziert das höchste Gut auf Erden, erlebt stellt sich das oft anders dar.

    • helgam
    • 04. September 2010 20:42 Uhr

    Europa in seiner Todesstarre der Demokratie wird noch von Afrika lernen können.
    warum urteilt der Eu-Gerichtshof in der Regel zugunsten der Unrechtsmachthaber?
    Warum sind diese in der Regel amerikahörig?
    Werden wir alle schon von geheimdiensten der CIA-SCIENTOLOGY
    regiertß
    Warum wehren sich die redlichen Schreiberlinge und familienväter der zeit im Interesse ihrer Kinder gegen diese Entwicklung?

    • WHF
    • 04. September 2010 21:41 Uhr

    Was will uns die Zeit mit diesem Artikel sagen??? Warum jetzt dieser Artikel??? Also lieber Redaktor geben sie Antworten zu diesem ihrem Artikel.
    Danke

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 04. September 2010 21:53 Uhr

    Lernen Sie etwas aus dem Artikel. Und wenn sie die üblichen Amerika, Westen, EU, Coltan ein wenig in den Hintergrund stellen, dann werden Sie merken, dass in diesem Konflikt die Opfer auch irgendwann die Täter waren.

    Zur begleitenden Unterhaltung empfehle ich "Die geheime Melodie" von John Le Carree.

  2. ... und vielleicht auch "unwichtig", im perversesten aller Sinne, denn Konflikte rufen nicht pauschal die friedliebenden Staaten auf den Plan, sondern zuerst die, die sich aus der dem Konflikt selbst und der Intervention einen Zugewinn erhoffen.
    Kommuniziert wird das anders, aber erlebt doch exakt so und aktuelle Einsatzorte auch unserer Armee zeugen davon.

    Des Weiteren kann auch die Duldung eines Konfliktes, also die Nicht-Intervention, durchaus interessengestützt sein und destabilisierte Länder sind nicht nur Graus für die Einwohner, sondern auch "gute" Verhandlungsorte für ebensolche Geschäfte. Sie haben keinen starken Verhandlungspartner und auch keinen zuverlässigen, also nimmt dieser was er kriegen kann (und geboten bekommt) und schon wechseln Grund und Erzeugnisse den Besitzer - legal.

    Es gibt durchaus stabile Zonen in solch kriegsverseuchten Ländern: Industriegebiete - gut bewacht und beschützt von privaten Firmen.
    Dass drumherum dann Bürgerkriege toben und Menschen sterben, ist da gelebte Nebensache.

    Einige der instabilsten Staaten dieser Welt verfügen in Sparten meist über die erheblichsten Rohstoffvorkommen des Planeten. Coltan z. B. sagt bestimmt nur wenigen Menschen Etwas, ist aber industrielles Primärziel.
    Ein Schelm, wer denkt, dass sich das mit stabilen und verhandlungsfähigen Regierungen besser abbauen ließe als in einer ständig prekären Lage.

    Menschenleben sind also kommuniziert das höchste Gut auf Erden, erlebt stellt sich das oft anders dar.

    Antwort auf "Unfassbar"
    • TDU
    • 04. September 2010 21:44 Uhr

    Mich hat gewundert, dass die Gesellschaft für bedrohte Völker ein paar Tag nach dem Ende des Konflikts vor der Ausrottung der Hutu warnte. Diesen Begriff hielt ich für völlig übezogen und den für solche Gesellschaften leider typischen letztlich unkonstruktiven Alarmismus.

    Das plötzliche "Hochjubeln" der Tutsis einschliesslich Kagames hat mich ebenfalls verwundert. Hätte die Gesellschaft für dbedrohte Völker recht gehabt, hätte sie doch vor der Ausrottung der Tutsis warnen müssen.

    Und wenn Kagame später Rache genommen hätte, würde mich das gar nicht wundern. Das übliche "Rohstoffe Rohstoffe" taugt überhaupt nicht allein dazu, die Schlachterei, die da abgelaufen ist, zu erklären.

    Angesichts der Unkenntnis der Urteilenden über die Verhältnisse, wäre es jetzt ein Fehler da mit westlichem Gerechtigkeitsimpetus nach Schuld und Unschuld zu suchen, statt sich mal mit dem relativ friedlichen Ruanda zufrieden zu geben.

    Streitet man sich dann im Westen noch untereinander, geht das nur auf Kosten der Bevölkerung, die immer noch die Toten betrauert, und in der eine Menge bereit sind, wieder zur Rache zu schreiten, egal ob Tutsi oder Hutu.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 04. September 2010 21:48 Uhr

    Ein paar Tage nach dem "Anfang" des Konflikts.

    • TDU
    • 04. September 2010 21:48 Uhr

    Ein paar Tage nach dem "Anfang" des Konflikts.

    Antwort auf "Wundern muss man sich"
    • TDU
    • 04. September 2010 21:53 Uhr

    Lernen Sie etwas aus dem Artikel. Und wenn sie die üblichen Amerika, Westen, EU, Coltan ein wenig in den Hintergrund stellen, dann werden Sie merken, dass in diesem Konflikt die Opfer auch irgendwann die Täter waren.

    Zur begleitenden Unterhaltung empfehle ich "Die geheime Melodie" von John Le Carree.

    Antwort auf "Wenn die Opfer töten"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service