Wer im Internet die Debatte über Sarrazins Thesen gegen Muslime verfolgt, dem fällt auf, dass nur sehr wenige Muslime daran teilnehmen. Warum ist das so? Können sie etwa nicht lesen? Sind sie so dumm, wie Sarrazin in seinem Buch Deutschland schafft sich ab behauptet?

Am Wochenende habe ich türkische und arabische Freunde auf die Sarrazin-Debatte angesprochen. Sie waren recht desinteressiert, ihr Thema zurzeit ist der Ramadan, das bedeutet: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen. Sie fasten aus demselben Grund wie Christen, nämlich um sich äußerlich und innerlich zu reinigen, um dem Frieden des Herrn näherzukommen. Da ist man nicht so in Stimmung für Sarrazin-Debatten.

Wenn also demnächst mal wieder jemand eine Kampagne gegen Türken lostreten möchte, so wäre es eine nette Geste, das nicht während des Ramadan zu tun.

1. Fremde Fremde

1. Die Sarrazin-Debatte gibt es nicht wegen Sarrazin, sondern weil uns die Fremden fremd sind

Wenn man diese ganze Debatte für einen Moment mal sehr kalt anschaut, so kann man darin auch etwas Beruhigendes finden. Offenbar ist es immer noch so, dass ein deutscher Rechtspopulist wie Thilo Sarrazin nicht tagelang über Genetik, Überfremdung und Bevölkerungspolitik sprechen kann, ohne dass ihm irgendwann das Wort »Jude« rausrutscht. Sarrazin hat also gesagt: »Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.« Natürlich fügte er gleich hinzu, dass er die Juden viel positiver sehe als etwa die Muslime, aber das half dann auch nichts mehr. Die deutsche Öffentlichkeit möchte in ihrer Mehrheit nach wie vor nicht wieder über die Qualität jüdischer Gene diskutieren und schließt darum jemanden, der damit anfängt, aus dem Kreis der wohlgelittenen Mitdiskutanten aus.

Offenbar ist es schwer, hier bei uns eine Politik zu machen, wie sie etwa Geert Wilders in Holland treibt. Der Vorsitzende der Partei für die Freiheit hat einen modernen Rassismus entwickelt, der sich explizit nicht gegen Juden richtet, sondern ausschließlich gegen Muslime. So lupenrein schafft das Sarrazin einfach nicht und verdirbt so einen Teil seiner Wirkung.

(Wir haben übrigens aus reiner Neugier Henryk M. Broder zu der Sache mit dem Juden-Gen gefragt. Der bekannte jüdische Publizist hat in den letzten Jahrzehnten allen Deutschen stets verborgenen Antisemitismus nachweisen wollen. Sarrazin jedoch unterstützt er rückhaltlos wegen dessen nassforschem Antiislamismus. Und nun das: ein Juden-Gen! Verfügt Broder auch über ein solches? Er sagt, das sei ihm »scheißegal«.)

Sarrazin ist nun vielleicht erledigt, die Debatte nicht. Die hat ohnehin nicht deswegen eine solche Wucht bekommen, weil der Bundesbanker so brillant argumentieren würde, sondern weil die Gesellschaft kein richtiges Verhältnis zu ihren Einwanderern findet. Nein, diese Debatte sagt mehr über uns aus als über ihn. Am wenigsten geht es um die Muslime, die ja, wie gesagt, ohnehin kaum zu hören sind.

2. Unkenntnis und Ahnungslosigkeit

2. Kennen Sie einen Türken? Alle Übel kommen aus der Ahnungslosigkeit

Allerdings würden allzu viele Beiträge von Migranten die Debatte eh nur stören. Schließlich dient sie vor allem dazu, dass die Deutschen sich anhand der Muslime erregen können. Wenn das Interesse an den in der Tat eklatanten Problemen in Teilen der türkischen und arabischen Gemeinschaft so stark wäre, wie es jetzt scheint, dann würde man nicht Sarrazins Buch diskutieren, sondern das der verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Auch würde man nicht mit Sarrazin über all das sprechen, sondern beispielsweise mit Heinz Buschkowsky, dem Bezirksbürgermeister von Neukölln.

Heisig und Buschkowsky verstehen nicht nur von der Sache etwas, sie kennen auch reale Menschen. Das jedoch macht sie so unsexy im Vergleich zu Sarrazin, der mit überhaupt keinem Türken und Araber persönlich bekannt ist. Mit den Praktikern müsste man schließlich über Deutschkurse reden, über Jugendgefängnisse, über die Identitätsprobleme junger Muslime und wie man ihnen helfen kann, darüber, ob es richtig ist, wenn muslimische Sportler unter der Dusche die Unterhose anbehalten, über die Ambivalenz des Kopftuchs für junge Frauen und dergleichen. Das alles ist furchtbar konkret, viele können da auch gar nicht richtig mitreden, weil sie mit dem Rücken zu den Migranten leben, weil sie nie bei ihnen auf dem Sofa saßen, um über die Welt und das Wetter zu reden.

Ganz anders liegt die Sache hingegen bei der Genetik, der Demografie und der Intelligenz, da haben alle schon mal was von gehört, da geht es um Abstraktionen, Ideologien und Statistiken, da hat jeder eine Meinung oder auch zwei, diskursive party time.

Und weil das alles so abstrakt und von vorgefassten Meinungen bestimmt ist, läuft die neue Sarrazin-Debatte exakt genauso ab wie die erste vor einem Jahr, mit denselben Kombattanten, denselben Argumenten, denselben Austritts- und Rücktrittsforderungen. Sarrazin II ist wie Sarrazin I. Nur irgendwie größer. Auch das ist ein Grund, warum die Migranten wenig Lust haben, dabei schon wieder mitzumachen.

3. Eigene Angst und Scham

3. Die Wut entspringt nicht aus den Missständen, sie kommt aus Angst und Scham

Ein deutscher Bekannter von mir, man kann auch Kumpel sagen, hat seine Tochter kürzlich auf eine Privatschule geschickt, die er sich als einfacher Arbeiter eigentlich nicht leisten kann. Warum das? Weil in ihrer Klasse zehn Türken, zehn Araber und nur zwei Deutsche waren. Ein schlimmer Zustand für alle – und ein guter Grund, zum Muslimenhasser zu werden. Das wurde er aber nicht, er lebt mit ihnen ganz ordentlich zusammen. Ein echter Liberaler, auch wenn er sich selbst nie so nennen würde. 

Die enorme Wut, die sich in den Zigtausenden von Mails und Leserbriefen entlädt, kommt nur bei wenigen aus konkreten Negativerfahrungen etwa mit jugendlicher Gewalt (wer das erleben musste, hat jedes Recht zur Wut, keine Frage) oder aus anderen Missständen. Die meisten haben eine abstrakte Angst, sie versuchen die eigene Scham abzuwehren, darüber, dass sie so wenig wissen über die Türkei und den Islam, darüber, dass sie unfähig sind, die Muslime als ganze Personen zu betrachten. Das Kopftuch schützt die Deutschen davor, die türkischen Frauen wirklich sehen zu müssen. Die sind sehr verschieden, auch sehr verschieden emanzipiert.

Die Sarrazin-Debatte über Muslime ohne Muslime lebt von der impliziten Vorstellung, dass diese Menschen auch wieder weg sein könnten, die ganze Diskussion ist ein Schwelgen in dieser Fantasie. Das entlastet. Kurz.

4. Unwissenheit der Medien

4. Die Medien wissen viel zu wenig über die Migranten

Wenn alle Übel aus der Ahnungslosigkeit kommen, woher kommt dann die Ahnungslosigkeit? Und wie lässt sie sich überwinden? Natürlich kann man niemandem vorschreiben, er solle sich gefälligst mit Muslimen anfreunden, damit er künftig keine Sarrazin-Debatten mehr braucht. Allenfalls könnte man zu bedenken geben, ob man sich nicht der sehr multikulturellen Lebenswelt der eigenen Kinder entfremdet, wenn man sich so wenig interessiert.

Die eigentliche Verantwortung für konkrete Kompetenz, für lebendige Aufklärung liegt jedoch bei den Medien. Tatsächlich leidet die öffentliche Wahrnehmung der Migranten unter einer bedenklichen Schieflage: Diejenigen, die über das geringste konkrete Erleben verfügen, haben das Sagen in den Medien, zu allen Themen, auch zu diesem. Die hingegen, die auf deutscher Seite die Hauptlast (und manchmal auch -lust) der Integration tragen, kommen kaum je zu Wort. Das sind diejenigen, die dafür bezahlt werden, wie ein Teil der Lehrer und Sozialarbeiter, vor allem aber die Deutschen aus der unteren Mittelschicht, die mit den Migranten wohnen, arbeiten und Fußball spielen.

Die Redaktionen von Zeitungen und Fernsehen hingegen sind in fast schon absurder Weise homogen und hermetisch. Kaum Ostdeutsche, so gut wie keine Migranten, immer weniger Arbeiterkinder, dafür Mittelschicht allüberall, mit sehr ähnlichen Biografien. Dass sich daraus keine lebendige Wahrnehmung der wirklichen Welt der Migranten ergibt, liegt auf der Hand.

Zwar sind in den Medien zumeist migrantenfreundliche Menschen tätig, doch wirkt das, was sie sagen, oft steril, die Absichten scheinen durch, Correctness ersetzt Kenntnis. Darum ist die – überwiegend liberale – Öffentlichkeit so anfällig für Attacken aus dem Dumpfen und Dunklen wie jetzt wieder mal bei Sarrazin. Alles das ließe sich leicht ändern, wenn man im großen Stil Migranten einstellen würde. Oder ist das zu praktisch gedacht?

5. Weniger Arroganz durch eigenes Erleben

5. Wer mehr erlebt, ist nicht milder, höchstens weniger arrogant

Es wäre naiv anzunehmen, dass mit besserer Kenntnis und mehr Erleben zugleich ein positiveres Bild von den Migranten und Migration entstehen würde. Der Blick wird nicht milder, eher schärfer. Zu sehen, dass ein begabter türkischer Junge in der Schule auf der Strecke bleibt, weil er als Einziger in der Familie Deutsch redet und an der damit verbundenen heimischen Chefrolle scheitert, der kriegt Wut auf seine Eltern. Mitzubekommen, dass ein kluges Mädchen zur Friseurlehre gedrängt wird, weil es eben einfacher scheint, das enttäuscht. Zu erleben, dass ein talentierter tunesischer Junge keine Gymnasialempfehlung bekommt, weil sein deutscher Lehrer nicht gelernt hat, zwischen Fremdheit und Dummheit zu unterscheiden, das schmerzt.

Der Unterschied zu Sarrazins abstrakter Muslimenfeindlichkeit und zu seinem kalten Statistikerblick liegt eher darin, dass man von Nahem die Geschichten sieht, Lebenswege, die in der Regel weit turbulenter waren als die von Westdeutschen. Oft ist es einfach so, dass der Realschulabschluss eines jungen Türken ihm selbst und seiner Familie weit mehr Kraft und Disziplin abverlangt als der Hochschulabschluss eines deutschen Mittelschichtkindes der seinen. Es gibt bei uns sogar türkische Elektriker, die intelligenter sind als mancher deutsche Apotheker oder Banker.

Und vor allem übersieht man aus der Nähe nicht die vielen Geschichten vom Gelingen, man erlebt die Mühe, die Liebe und die Solidarität, die dazu führen, dass zwei Drittel der Türken ganz gut integriert sind, dass sie Steuern zahlen, dass sie ihren Kindern mehr mitgeben, als sie selbst einst bekommen haben.

6. Rückkehr der Ideologien

6. Ausländerfeinde gegen Deutschenfeinde – die Ideologien kehren zurück

Wo das Leben nicht konkret wird, da entsteht Platz für Ideologien. Deswegen zeigen sich in der aktuellen Debatte noch die Frontlinien des vergangenen Jahrhunderts. Da standen auf der einen Seite ausländerkritische, auch ausländerfeindliche rechte Politiker, die daran glaubten, die Fremden seien hier nur zu Gast, sie warnten vor Überfremdung. Auf der anderen Seite standen die Linken, die einen regelrechten Selbsthass auf die spießigen, nach wie vor faschistoiden Deutschen verspürten, denen man als Gegengift gar nicht genug Ausländer ins Land holen kann. Beide Gruppen, Ausländerfeinde wie Deutschenfeinde, hegten kaum ein wirkliches Interesse an den Ausländern, sie dienten ihnen als politische Waffe. Aus dieser Zeit stammen jene Reflexe, die sich nun wieder bemerkbar machen. Die einen tun so, als könnten man die Ausländer doch noch wegschicken, die anderen relativieren die Probleme mit Migration.

Es ist aber noch etwas anderes aus der ideologischen Phase übrig geblieben: eine falsche, häufig zu weiche und blauäugige Einstellung bei vielen Lehrern, Richtern, Sozialarbeitern und auch Journalisten. Kirsten Heisig hat davon ein Lied gesungen, und sie ist daran verzweifelt.

7. Deutsche Migrationsgeschichte

7. Wir Fremden – die deutsche Migrationsgeschichte ist ein großer Erfolg

Zwischen den Fronten zerrieben wird bis heute auch die wahre, die Erfolgsstory der Integration. Dieses Land hat eine ermutigende Geschichte der Verwandlung von Fremdheit in Heimat.

Fast schon vergessen sind die Anfänge der deutschen Migrationsgeschichte ausländischer Arbeitskräfte zum Ende des 19. Jahrhunderts. Millionen Polen kamen da ins Land, um die deutsche Industrie mit aufzubauen. Über 13 Prozent betrug der Anteil der polnischen Bevölkerung in Städten wie Recklinghausen oder Gelsenkirchen bei der Volkszählung von 1900.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten zwölf Millionen Vertriebene in das neue Westdeutschland integriert werden. Fremde durften sie aus politischen Gründen nicht genannt werden, doch war die Integrationsleistung der Deutschen und der Vertriebenen immens. Die deutsche Linke stand dieser Leistung ignorant gegenüber und hat sie bis heute nicht in die deutsche Migrationsgeschichte eingeschrieben.

Seit den sechziger Jahren kamen in Wellen Italiener, Spanier und Portugiesen hierher. 1989/90 ereignete sich die Einheit, die von Ost- wie Westdeutschen nicht nur als Glück, sondern auch als verstörende Fremdheitserfahrung erlebt wurde. (Damals wurden übrigens die Türken links liegen gelassen, sie wurden nicht mit vereinigt, sondern wieder türkisiert.)

Während der Balkankriege kamen zahllose Kroaten und Bosnier, viele blieben für immer. Zweifellos gab es stets Probleme, besonders als nach der Einheit die Asylbewerberheime brannten. Doch unter dem Strich war all das eine gigantische Leistung der Deutschen und ihrer Zuwanderer. Vieles ist besser gelungen als in unseren Nachbarländern. Darum ist das gängige Bild von den ach so integrationsfeindlichen Deutschen schlicht falsch. Deutschland ist ein Einwanderungsland par exellence.

Dass es so oft gelungen ist, garantiert keineswegs, dass es auch diesmal, mit den Türken, wieder gut geht. Aber ein Grund zu verzweifeln besteht erst recht nicht. Ein Grund, Debatten zu führen, die von der Fiktion leben, man würde das Fremde wieder wegbekommen, noch weniger.

8. Politik ist Kommunikation

8. Politik ist Kommunikation. Und wo bleibt der Bundespräsident?

Von dieser Erfolgsgeschichte spricht die Politik bis heute kaum, immer noch ist sie auf dem linken oder dem rechten Auge blind. Die Bundeskanzlerin hat in der Sarrazin-Debatte getan, was die diskursive Not gebot und ihn scharf kritisiert. Aber was macht eigentlich der Bundespräsident, der sich so sehr für das Thema Integration interessiert? Mit einem gewissen Sensorium für die Situation könnte Christian Wulff schlagartig alles Gift aus dieser Debatte nehmen. Wenn er zum Beispiel unseren Türken diesen einen Satz auf Türkisch sagen würde: Siz Almanya‘nin bir parcasisiniz, ama sizde caba sarf etmelisiniz! (Sie sind ein Teil Deutschlands, aber auch Sie müssen sich mehr anstrengen!).

In ihrer emotionalen Unbeholfenheit ist die Politik bei Fragen von Fremdheit und Heimat auch nicht weiter als die Medien. Aber das wird noch besser, nicht wahr, Herr Präsident?!

Mitarbeit: Jonathan Rosenkranz