Slowakei Die Frau, die Nein sagte
Warum sich die slowakische Regierungschefin als Einzige in Europa gegen die Hilfe für Griechenland stellte.
© Sean Gallup/Getty Images

Madame No: Die slowakische Regierungschefin Iveta Radičová beim Staatsbesuch in Berlin
Sie fällt auf, sie leuchtet fast. Als sie Angela Merkel in Berlin besucht, trägt Iveta Radičová ein Kleid in Pink und ein Jackett in Lila, die Föhnwelle ist blondiert und sorgfältig onduliert. Alle Blicke richten sich auf sie. Auf die Frau, die erst seit fünf Jahren Politikerin ist und seit Juli die erste Ministerpräsidentin in der Geschichte der Slowakei. Und die in der EU als Madame No berüchtigt ist.
Mit diesem Wort ist Iveta Radičová bekannt geworden. Nein zu Griechenland, das vor dem Bankrott steht und auf Hilfe angewiesen ist. Die Portugiesen, selbst in einer schwierigen Lage, haben mit sich gerungen, aber schließlich zugestimmt. So auch die Spanier. Iveta Radičová aber hat die Hilfe verweigert. 110 Milliarden Euro werden der Internationale Währungsfonds und die Staaten der Euro-Zone Griechenland in den kommenden Jahren als Notkredite zur Verfügung stellen. 817 Millionen hätte die Slowakei beisteuern sollen. Hätte. Aber das Land hat sich geweigert.
Müsste nicht gerade sie, die erste Frau an der Spitze ihres Landes, wissen, was Solidarität in der Politik heißt?
Iveta Radičová wird 1956 in Bratislava geboren und studiert dort Soziologie. Nach der Wende wechselt sie nach Oxford. 2005 erhält sie einen Lehrstuhl für Soziologie in Bratislava. Der Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda holt sie als Arbeitsministerin in seine Regierung, 2006 tritt sie der christlich-demokratischen SDKU bei. 2009 wird ihr das Mandat aberkannt, weil sie stellvertretend für eine abwesende Kollegin votierte. Seit Juli 2010 ist sie Ministerpräsidentin.
»Die Griechenlandhilfe hat nichts mit Solidarität zu tun,« sagt Iveta Radičová. Ihre Stimme klingt rau, aber angenehm. Für sie sei Solidarität ein christlicher Wert, der mit Vergangenheit und Zukunft zusammenhänge: Jenen müsse geholfen werden, die selbst nicht mehr arbeiten könnten, aber das dürfe nicht auf Kosten der Nachkommen geschehen. »Solidarität«, sagt Radičová, »ist ein Lebensprinzip. Du kannst nicht glücklich sein, wenn du von unglücklichen Menschen umgeben bist. Du kannst nicht lachen, wenn dein Partner weint. Du kannst nicht zufrieden sein, wenn zu viele Menschen um dich herum im Desaster leben.« Und die Griechen? Man wartet darauf, dass Radičová erwidert: Und die Slowaken?
In ihrer Begründung klingt trotziger Stolz durch. »Wir wissen, wovon wir reden, wenn wir über Griechenland sprechen.« Musste die Slowakei nicht auch, als sie vor 20 Jahren vor dem Staatsbankrott stand, schmerzliche Reformen durchsetzen? Radičovás Stimme wird bestimmt. 1500 Firmen gingen damals pleite, Löhne wurden gesenkt, der Bankensektor restrukturiert – ohne fremde Hilfe. Und die Griechen drückten sich davor – und bekämen dafür auch noch Hilfe? »Ich möchte betonen, ich lehne eine Solidarität mit denen, die unverantwortlich sind, ab – ohne Veränderungen!« Für Radičová ist es unbegreiflich, dass Griechenland Hilfe bekäme, ohne dass sich etwas ändere – obwohl alle Institutionen versagt hätten. »Erstens: Jeder musste einen Stabilitätspakt unterzeichnen. Was soll das also heißen, wenn ihn jemand nicht erfüllt? Ist das normal?« Radičová wird wütend. »Zweitens: die Rating-Agenturen… sorry! Im Februar war noch alles okay und drei Wochen später nicht mehr? Und drittens: Wo war die Europäische Kommission, wo war Eurostat? Sie sagten, es gebe kein Problem mit Griechenland. Wie konnten sie?«
Radičová ist für ihr Nein heftig von der EU und anderen Ländern angegriffen worden, die möglicherweise ähnlich gedacht, aber anders gehandelt haben. Denn haben nicht gerade die Mittelosteuropäer die Solidarität zum Handlungsprinzip erhoben? Und nun verweigert ausgerechnet eines der kleinsten dieser Länder Griechenland die Unterstützung? Der EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn warf der Slowakei unsolidarisches Verhalten und Vertragsbruch vor. Angela Merkel, Radičovás großes Vorbild, versuchte sie zu überzeugen. Aber in der Slowakei respektierte man das Vorgehen der Ministerpräsidentin – denn auch das slowakische Parlament hat gegen die Hilfe gestimmt.
Erst wenige Wochen ist Iveta Radičová im Amt, aber schon jetzt lässt sich erkennen, dass sie anders regiert als ihr Vorgänger Robert Fico – und das liegt nicht nur daran, dass Radičová Christdemokratin und Fico Sozialdemokrat ist. Fico bemühte eine offensive, bisweilen derbe Sprache, seine Gegner diskreditierte er, wo er nur konnte. Journalisten beschimpfte er als Hyänen, als Idioten, mit den Medien lieferte er sich gerichtliche Auseinandersetzungen, weil er sich schnell persönlich beleidigt fühlte. Seine Kritiker warfen ihm vor, dass er zur Verrohung der politischen Kultur beitrage. Radičová dagegen bemüht sich um Höflichkeit. Sie wolle in erster Linie zuhören, sagt sie. Und als Frau einen neuen Umgang in der Politik schaffen. Selbst Linke sind froh über diese Frau an der Spitze, die eine wenig stabile Koalition aus vier Parteien regieren muss.
- Datum 04.09.2010 - 10:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Diejenigen die den Maastrichtvertrag gebrochen haben sitzen in Brüssel, Paris, Berlin usw. Das sollte Herr Rehn eigentlich wissen.
Letztlich wurde nicht Griechenland, sondern die Gläubiger-Banken in Frankreich, der Schweiz und Deutschland gerettet. Natürlich auf Kosten der Masse der kleinen Steuerzahler und der Empfänger von Sozialleistungen, die jetzt gekürzt werden.
2004 fanden in Athen die Olympischen Spiele statt. Damals haben Medien und Leser den Kopf geschüttelt. Unfertige Bauten, gebrochene Terminzusagen, ausufernde Kosten. Bei Olympia hat das Volk geklatscht. Heute bekommen wir Alle - die Betonung liegt auf ALLE - die Rechnung präsentiert. Südafrika wird der nächste Schauplatz sein. Die Fußball-WM. Überdimensionierte Stadien, die Arbeitslosen des Landes dürfen den ausländischen Zuschauern nur zuschauen. Eine Kanzlerin, die sich tausende Kilometer zu einem Fußballspiel fliegen läßt.Im Unterschied zu Griechenland hat Südafrika Rohstoffe. Mit Rohstoffen läßt sich keine politische Stabilität erkaufen. Längst haben wir uns an wachsende Staatsverschuldung als Normalität gewöhnt. Die öffentlichen Haushalte werden aufgplustert als gäbe es kein Morgen. Hut ab vor Frau Radicova!!! Ein wenig wirkt die Slowakei wie das gallische Dorf in den Asterixheften. Hoffentlich hat Frau Radicova genug Zaubertrank.
eine Frau Radicova hätten, dann ginge es endlich wieder aufwärts in diesem unserem Lande!
Nein, ganz bestimmt nicht...
Nein, ganz bestimmt nicht...
nur Frau Merkel und ihre Konformistenschar. Und Rot-/Grün bietet keinerlei vernünftige Alternativen !
wie schnell sich die Slowakei in der EU integriert hat. Die Slowaken mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren während meiner Zeit in D-land bei Kooperationen die angenehmsten Leute.
Die wussten um vorwärts zu kommen muss man sich selber kümmern und versuchen eine gemeinsame Basis zu finden und nicht, wenn es einem nicht passt, nationale Ressentiments raus zuholen.
Dabei haben sie aber immer das Wohl der Slowakei im Auge gehabt, was imho auch richtig ist. Aber wenn man in anderen Ländern Aussenminister und Staatshäupter hat, die lieber ausländischen Regierungen zum Munde reden, als die eigene Bevölkerung zu schützen, siehe Westerwelle bei Polen und China, dann ist klar, dass die damit nicht klar kommen. Denn sie verkaufen lieber ihr Volk um ihren Herren aus dem Finanz- und industrielen Komplex zu dienen. Denn die "Rettung" Griechenlands ist ja nichts anderes.
Es ist wirklich ungerecht, wenn Länder wie die Slowakei und Slowenien, die jahrzehntelang unter der kommunisitschen Planwirtschaft gelitten haben, für ein Land wie Griechenland bezahlen müssen, das jahrzehntelang mit EU Milliarden subventioniert worden ist !! Eigentlich müsste es umgekehrt sein.
Die EU Milliardenhilfen sollten nur eine kurzfristige Anschubhilfe geben, um Staaten dabei zu unterstützen ihre Industrie und Wirtschaft zu modernisieren. Für einige Länder des Club Med sind die EU Milliardenhilfen jedoch zu einer Art Dauerzustand geworden, auf den man glaubt ein Recht habe. Warum eigentlich ? Nur wegen der geografischen Lage ?
Ich finde es falsch zu meinen allein durch die EU Mitgliedschaft hätten alle Länder das Anrecht auf zeitlich unbegrenzte Milliardenhilfen, um den Lebensstandard zu steigern, wenn sie sich nicht gleichzeitig anstrengen die Produktivität und die Induistrieproduktion zu steigern.
Vielleicht sollten die EU Subventionen für jeden neu beigetretenen Staat auf 30 Jahre beschränkt werden und danach auslaufen. Das könnte die Motivation erhöhen das Geld richtig einzusetzen, anstatt es für Prachtbauten, Geisterstädte und Straßen ins Nichts zu verschwenden.
Endlich mal ein Staatsoberhaupt, was sich traut den Finanzrechnungen konkret ins Gesicht zu blicken und die Gesamtlage des Landes Griechenland zu betrachten. Das Finanzieren dessen, die Hilfen der EU werden Griechenland kaputt machen...da die gesamte Wirtschaft in Griechenland reformbedürftig ist und keine Olympia dafür die Verantwortung trägt, denn diese pumpte Geld ins Land hinein. Wenn ein Land kippt, werden auch andere EU Länder folgen. Hilfe ein nicht funktionierendes Wirtschaftssysthem zu unterstützen ist wie Geld zum Fenster hinaus zu werfen...es wird die Inflation antreiben und vor allem die gesamte EU Wirtschaft schädigen. Prima, dass eine Frau die schlimme Lage erkennt und anspricht.
Nach Jahrzehnte des leisen Umkrempeln und Reformierens der Slowakei hat man dieser Lady allen Respekt zu zollen, denn das war hart genug. Die Slowakei mausert sich und langsam bemerkt das auch Europa... (Was wurde eigentlich aus den anderen "Bezirken/Staaten des ehemaligen Jugoslawien??).
Hier könnte man doch mal wirtschaftliche Kontakte aufnehmen, die Wege wären nicht so weit und es gibt doch sicher innovative Firmen in der Slowakei und Umland, die sich gerne auf den europäischen Markt etablieren/versuchen würden.
können Sie! Die Slowakei ist niemals Teil des ehemaligen Jugoslawien gewesen, sondern war ein Teil der CSSR. Das sollte man wenigstens wissen, wenn man hier kommentiert!
können Sie! Die Slowakei ist niemals Teil des ehemaligen Jugoslawien gewesen, sondern war ein Teil der CSSR. Das sollte man wenigstens wissen, wenn man hier kommentiert!
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