Jessica Alba in Venedig © Andreas Rentz/Getty Images

Symbolisch gesehen, ist es ungefähr so, als ob man den Markusplatz gesprengt hätte. Das Hotel Des Bains, morbides Wahrzeichen des Lido di Venezia, hat geschlossen. Unsterblich wurde der elegante Belle-Époque-Bau durch Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig, die Luchino Visconti zu Mahler-Klängen im Hotel Des Bains verfilmte. Nun wird das Des Bains zu einem Appartementkomplex umgebaut. Zum ersten Mal also müssen die Filmfestspiele von Venedig ohne diesen historischen Ort auskommen, in dem stets die Jury residierte und auf dessen Terrassen sich die Stars interviewen ließen.

»Die Schließung des Hotels Des Bains ist eine Tragödie«, sagt Venedigs Festivalchef Marco Müller, »dieses Gebäude ist ein Teil der Kinogeschichte. Aber die Filmbiennale wird trotzdem überleben!« Müller sitzt im Palazzo del Cinema, sieht übernächtigt aus und fiebert der Eröffnung der 67. Mostra del Cinema entgegen. Sein Festival hat es nicht leicht. Immer härter wird die Konkurrenz zwischen Cannes, Berlin und Venedig, immer begehrter ist der Kinokuchen, den sich die Festivalchefs für ihre Premieren teilen müssen. Es gibt keine Nachfolger für die Woody Allens, Almodóvars und Kaurismäkis dieser Welt, die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Nach einem durchwachsenen Wettbewerb hatten die Berliner Filmfestspiele in diesem Jahr eine ebenso durchwachsene Resonanz. Vor dem Festival von Cannes gab dessen Leitung erstmals zu, dass es schwierig gewesen sei, den Wettbewerb zusammenzustellen. Ist Venedig nun der Nachzügler, der die letzten Kinokrümel des Jahres aufsammelt? Oder ist Müller am Ende der lachende Dritte?

»Die Zeit der großen Festivalmaschinen ist vorbei«, sagt er. »Wir können uns nicht mehr automatisch darauf verlassen, dass genügend herausragende Filme fertig werden. Deshalb müssen wir umso mehr an die einzelnen Filme glauben.« Das beste Beispiel sei Kathryn Bigelows Film The Hurt Locker , der vor zwei Jahren im Wettbewerb von Venedig lief: »Ein Film, an den die Amerikaner nicht glaubten, der viel zu klein ins Kino kam. Von Venedig aus schaffte er den Weg zum Oscar-Triumph.«

In diesem Jahr gelang es Marco Müller, Sofia Coppola, Tom Tykwer und François Ozon in seinen Wettbewerb zu holen. Aber die amerikanischen Studios, die den Lido früher gern als Werbeplattform für den Kinoherbst nutzten, halten ihre Star-Filme zurück. Das Geld für Privatjets, Partys und teure Hotelzimmer sitzt nicht mehr so locker wie einst. Auch in dieser Hinsicht müssten die Festivals ihre Zukunft selbstbewusster gestalten, sagt Müller. »Wir brauchen nicht immer Superstars, wenn wir andere Stars haben.«

Sein Festival setzt auf eine ungewöhnliche Strategie. Es wird gleich mit zwei amerikanischen Filmen eröffnet: Darren Aronofskys Thriller Black Swan mit Natalie Portman und Wynona Ryder sowie Robert Rodriguez’ Rachefilm Machete mit Jessica Alba. Vielleicht liegt hier ja wirklich die Festivalmathematik der Zukunft: 1 x Portman + 1 x Ryder + 1 x Alba = 1 x George Clooney.