Wie lässt sich Energie aus dem Meer gewinnen? Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik als PDF herunterzuladen
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Die Autofähre MV Hamnavoe legt dreimal täglich von Scrabster an der Nordküste Schottlands zu ihrer Überfahrt auf die Orkneys ab. Neunzig Minuten dauert die Fahrt zu dem Archipel aus rund hundert Inseln, Holmen und Schären. Kurz bevor das Schiff in eine enge Wasserstraße zu seinem Zielhafen Stromness einbiegt, kann man vom Deck aus mit dem Fernglas eine gelbe Röhre ausmachen. Das Ding, um die zehn Meter lang und einen Meter dick, treibt knapp einen halben Kilometer vor der Küste in der Dünung des Atlantiks. Winzig ist die Röhre im Vergleich zur Fähre und erst recht, wenn man sie an der Weite des Meeres misst. Dennoch, das Ding ist das derzeit größte Wellenkraftwerk der Welt.

Die Anlage besteht aus einer Klappe, die, auf dem Meeresboden verankert, im Rhythmus der Wellen Seewasser durch eine an Land installierte Turbine pumpt. Auf den Namen Oyster wurde sie getauft, Auster. Dazu reiste der schottische Ministerpräsident Alex Salmond letzten November eigens aus Edinburgh an.

Salmond war von hohen Erwartungen getrieben, denn der Carbon Trust, eine Regierungsbehörde, die mit der landesweiten Reduktion des CO₂-Ausstoßes betraut ist, hatte vorgerechnet, langfristig könne ein Fünftel des britischen Stromverbrauchs aus Wellen- und Gezeitenkraftwerken gedeckt werden. Renewables UK, eine Lobbygruppe alternativer Energieerzeuger, stellt maritime Elektrizitätskapazitäten für 1,4 Millionen Haushalte schon bis zum Jahr 2020 in Aussicht – vorausgesetzt, dass die Regierung 200 Millionen Euro in die technologische Entwicklung investiere.

In diesem Frühjahr prophezeite der Ministerpräsident Schottland gar eine Zukunft als "das Saudi-Arabien maritimer Energie". Ausgelöst worden war seine Begeisterung von der weltweit ersten Lizenzvergabe für die Nutzung von Seegebieten zur Stromerzeugung. Neun dieser zehn Areale liegen im Meer vor den Orkneyinseln. Bis 2020 wollen vier Unternehmen dort 1200 Megawatt Wellen- und Gezeitenstrom produzieren – genug zur Versorgung von 350.000 Haushalten. Der deutsche Energie- und Gaskonzern E.on ist mit 100 Megawatt dabei. Scottish and Southern Energy (SSE), ein führendes britisches Elektrizitätsunternehmen, hat mit 800 Megawatt das ambitionierteste Ziel. Große Pläne – doch wie sieht die Realität aus?

Als die MV Hamnavoe in Stromness anlegt, dirigiert der Kapitän sie mit zentimetergenauer Präzision in den engen Hafen. Das riesige Schiff dreht sich auf der Stelle um die eigene Achse, ein Wunder moderner Seefahrtstechnik. Seine zwei Dieselaggregate legen allerdings fast 12.000 PS auf die Schrauben und die Bug- und Heckstrahlruder um. Das entspricht der 28-fachen Nennleistung der Oyster. Der Prototyp ist gerade einmal für 315 Kilowatt ausgelegt. Ob diese Nennleistung überhaupt erreicht wird, verrät der Hersteller nicht. Das EU-geförderte Wellenkraftwerk Voith Hydro (ein Joint Venture der Voith AG mit Siemens und der nordirischen Queens University) auf der Insel Islay war auf 500 Kilowatt ausgelegt und erbrachte im Jahresdurchschnitt ganze 21 Kilowatt.

Stromness ist ein sehr nordisches 2000-Einwohner-Städtchen mit verwinkelten Gassen und alten Lagerhäusern, in denen einst Waljäger und Pelzhändler lebten. Über dem Hafen thront ein restauriertes ehemaliges Gymnasium. "Orkney – die Energieinseln", steht auf einem Schild im Eingang. Im Erdgeschoss ist ein Institut der Edinburgher Heriot-Watt University untergebracht, im ersten Stock das European Maritime Energy Centre (EMEC). Sein Aufsichtsrat setzt sich aus Vertretern der schottischen Landesregierung, einiger Regionalentwicklungsbehörden und der Lokalverwaltungen zusammen. Der Archipel ist wild entschlossen, sich als Zentrum für alternative Energien neu zu erfinden.

Die schottischen Orkney-Inseln

Die Stromgewinnung aus dem Meer, räumt der Institutsdirektor Neil Kermode ein, befinde sich allerdings technologisch noch auf dem Stand der Flugmaschinen der Gebrüder Wright. Eileen Linklater setzt hinzu, die maritime Technologie hinke der Windkraft zwanzig bis dreißig Jahre hinterher. Sie ist EMECs "Außenministerin", auf den Orkneys geboren und aufgewachsen. Auf die Frage nach der größten Herausforderung für die Erschließung der Meeresenergie sagt sie: "Geld."