S-Bahn-Prozess »Ist der tot?«
Wie Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln starb, hat der Prozess geklärt. Was die Täter trieb, bleibt ein verstörendes Rätsel.
© Peter Kneffel dpa

Die Angeklagten Markus Sch. (r) und Sebastian L.
Die beiden Bilder wollen einfach nicht zusammenpassen. Das eine von dem Gewaltexzess auf dem Bahnsteig in München-Solln, als die beiden Täter auf Dominik Brunner losgehen. Als Markus Sch. einen Schlüsselbund zwischen die Finger nimmt, um sein Opfer besonders schwer zu verletzen, in einem »Kampf ohne Grenzen«, wie die Staatsanwältin später sagt. Als beide hemmungslos auf ihr Opfer einprügeln, »Drecksau« und »Bastard« brüllen. Als Sch. auf den am Boden liegenden Brunner eintritt, ins Gesicht, bis der sich nicht mehr regt.
Und das andere Bild, der Eindruck im Gerichtssaal: An Vorführzangen gekettet, bringen Justizbedienstete die jungen Männer herein; zwei, die unfertig wirken, klein und schmächtig. Die Angeklagten setzen sich, reden kurz mit ihren Anwälten, dann senkt sich ihr Blick für den Rest des Tages auf die braune Tischplatte. Markus Sch. schweigt während des Prozesses, findet nur ein paar Sätze der Entschuldigung. Sebastian L. sagt aus, immer nur wenige Worte, knappe Antworten auf die jeweilige Frage. Er berichtet schleppend über sein bisheriges Leben. Es ist eine Qual, ihm zuzuhören. Zwei junge Männer, die man angesichts ihrer offensichtlichen Antriebslosigkeit schütteln, denen man zurufen möchte, endlich ihr Leben in die Hand zu nehmen. Oder das, was von ihrem Leben noch übrig ist.
Woher aber kam bei ihnen am 12. September 2009 die zerstörerische Energie, der ein Mensch auf grausame Weise zum Opfer fiel? Wie entstand ihr Hass?
Am kommenden Montag wird das Landgericht München das Urteil sprechen. Staatsanwältin Verena Käbisch hat darauf plädiert, den Haupttäter Markus Sch., 18, wegen Mordes zur höchstmöglichen Strafe im Jugendrecht zu verurteilen – zehn Jahre Haft. Sein Komplize Sebastian L., zur Tatzeit 17, soll acht Jahre hinter Gitter, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Der als hart geltende Vorsitzende Richter Reinhold Baier hat während der bisher zwölf Verhandlungstage auf ruhige und sachliche Weise einen beeindruckenden Beitrag zur Wahrheitsfindung geleistet in diesem Kriminalfall, der Deutschland wie kaum ein anderer bewegt hat. Die Sicht auf die Umstände, unter denen Brunner zu Tode kam, hat sich dabei nicht gänzlich verändert, ist aber doch differenzierter geworden (siehe ZEIT Nr. 30/10). Hinter dem Klischee von den »Monstern«, zu denen die Täter nach der Tat erklärt worden waren, kamen zwei Gescheiterte zum Vorschein.
An jenem Samstagnachmittag standen sich auf dem S-Bahnsteig in Solln zwei Welten gegenüber, wie sie gegensätzlicher kaum sein können – hier der Gewinner, der erfolgreiche, geachtete und geschätzte Manager, dort die beiden jungen Männer, zwei Verlierer. Wenn es in der Vergangenheit Momente gegeben haben sollte, in denen Markus Sch. und Sebastian L. ehrlich zu sich selbst gewesen sind, so hätten sie sich eingestehen müssen, dass ihr Leben schon verpfuscht war, bevor es richtig anfangen konnte.
Sebastian L. hat die Schule ohne Abschluss verlassen, Markus Sch. hat immerhin den Hauptschulabschluss geschafft. Ihre Tage verbrachten sie mit Alkohol und Joints. Mit Zigarettenklau und Kioskeinbrüchen. Von Freunden, Betreuern und Lehrern werden die jungen Männer durchweg als »ruhig«, »zurückhaltend«, »introvertiert« und »in keiner Weise aggressiv« beschrieben. Sein Lehrer auf der Berufsschule berichtet, Markus Sch. sei an 13 von 28 Tagen anwesend gewesen und habe dann »den Tag so über sich ergehen lassen«. Sebastian L., sagt eine Freundin aus dem Heim, in dem er zuletzt wohnte, sei noch ein »Kind im Kopf«.
»Warum hat es mit dem Hauptschulabschluss nicht geklappt?«, fragt ihn der Richter. »Ich war zu faul zum Lernen«, sagt Sebastian L. »Was haben Sie in dem Heim gemacht?«, will Staatsanwältin Käbisch wissen. »Nix – ich war halt da«, antwortet der 17-Jährige. »Warum sind Sie nicht zur Berufsschule gegangen?«, hakt Käbisch nach. »Weiß nicht«, sagt L.
Bis zur 8. Klasse verläuft Sebastian L.s Entwicklung vergleichsweise normal. Erst nachdem die Mutter nach einem Hirnschlag zum Pflegefall wird, kommt der Bruch. L. zieht zum Vater, einem Trinker. 2008 findet er ihn tot in der Wohnung. Der Junge kommt unter Amtsvormundschaft, sein Irrweg durch Heime beginnt, der Konsum von Cannabis und Kokain nimmt zu. Anwalt Roland Autenrieth resümiert: »Hier sitzt kein Mörder, hier sitzt ein junger Mann, der nichts auf die Reihe gekriegt hat.« Aber zuschlagen konnte er schon.
Markus Sch. stammt aus einer Familie, die nach außen zumindest so ordentlich aussieht wie die Doppelhaushälfte, in der sie lebt. Sein Zimmer aber sei »eine einzige Katastrophe«, »absolut vermüllt«, berichtet ein Ermittler. Markus‘ Schwester wird nach einem Inzest-Verdacht vom Amt aus der Familie genommen. Sein großes Vorbild ist der Bruder, der wegen Drogenhandels in Haft sitzt. Über ihn findet er mit 14 ins Drogenmilieu, die Eltern kapitulieren. Markus Sch. will Rapper werden, er dichtet Textzeilen wie: »Ich hab kein Vertrauen, bin deswegen unberechenbar.« Sebastian L., sagt ein Sozialarbeiter aus, habe zu dem 18-jährigen Markus aufgeschaut – der sei »so cool«.
Wie die Jugendlichen mit Enttäuschungen umgehen, zeigt die Strafakte der Täter in den Monaten vor der Tat. Am 22. März überfällt Markus Sch. eine Rentnerin und drückt ihr eine geladene Gaspistole auf die Brust – aus Zorn darüber, dass sein Bruder verhaftet worden war. Sebastian L. tritt am 31. August den Außenspiegel eines Autos ab. Er hatte ein Ventil für seinen Ärger darüber gesucht, dass ein Bekannter in ein geschlossenes Heim gekommen war. Im Jahr 2009 wurden aus den Kleinkriminellen Gewalttäter.
Markus Sch. und Sebastian L. lebten in einer Welt ohne Regeln, ohne Konsequenzen für ihr Tun, als sie am 12. September vor Dominik Brunner stehen. Zumindest der Haupttäter ist betrunken, 1,46 Promille, beide haben Drogen genommen. Zeugen schildern vor Gericht eine gespenstische Stille, nachdem Brunner, für die jungen Männer wohl unerwartet, den ersten Schlag setzt. Der Schlag wirkt auf sie, nach allem, was im Prozess zu hören war, wie eine Demütigung. Wie eine harte Erinnerung an das eigene Versagen. War der folgende Gewaltexzess die Antwort in ihrer simplen wie verachtenswerten Logik? Die Staatsanwältin sagt, Markus Sch. habe mit seiner Reaktion beweisen wollen, »dass er sich von niemandem etwas sagen lässt«.
Warum es aber zur tödlichen Eskalation der Gewalt gekommen ist, das bleibt ein verstörendes Rätsel – auch für die Täter selbst. »Ich möchte, dass Sie beginnen zu verstehen, was sie getan haben«, fordert Annette von Stetten, die Anwältin von Dominik Brunners Eltern, deshalb zu Recht in ihrem Plädoyer von den Angeklagten. Ungläubig über die Folgen der Schläge und Tritte, hatte Sebastian L. nach seiner Festnahme am S-Bahnhof einen Polizisten gefragt: »Ist der tot?«
Als der 17- und der 18-Jährige ihr Opfer töteten, befanden sich ihre Namen nicht auf der Liste der schwersten Intensivtäter von München. »Sie waren bis dahin noch zu harmlos«, sagt eine Ermittlerin. Es dürfte Hunderte, wenn nicht Tausende junger Männer in Deutschland geben, die ähnlich perspektivlos und antriebsschwach vor sich hinleben wie Markus Sch. und Sebastian L. Kaum einer von ihnen rastet aber derart aus wie die Täter von Solln.
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- Datum 03.09.2010 - 15:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.09.2010 Nr. 36
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Wer ist "Sie"?
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UNSERE GESELLSCHAFT!
Herzlich willkommen in den 68er Jahren!
Viele - wahrscheinlich CDU und FDP wählende - 68er Feinde die sich in den Komentaren unter mir tummeln und sich darüber aufregen, dass eine Gesellschaft die Ihnen den Hintern kräftig pudert nicht verantwortlich sein kann für Gewalttaten, verstehen scheinbar den Zusammenhang zwischen Verantwortlichkeit und Entschuldigung nicht. Entschuldigen kann eine Gewalttat nichts. Wenn aber ein junger Mensch durch eine Zeit im Heim - also einer Zeit in der er von unserer Gesellschaft aufgefangen wurde weil er sonst nicht überlebensfähig gewesen wäre - auf die schiefe Bahn kommt und beginnt Drogen zu nehmen, dann hat hier die Gesellschaft versagt, denn unsere Heime dürfen kein Sammelbecken für aufgegebene Kleinkriminelle sein, was sie aber leider oft sind!
Und was macht unsere gloreiche Regierung? Sie kürzt im Sozialbereich - wo auch sonst!
Herzlich willkommen in den 68er Jahren!
Viele - wahrscheinlich CDU und FDP wählende - 68er Feinde die sich in den Komentaren unter mir tummeln und sich darüber aufregen, dass eine Gesellschaft die Ihnen den Hintern kräftig pudert nicht verantwortlich sein kann für Gewalttaten, verstehen scheinbar den Zusammenhang zwischen Verantwortlichkeit und Entschuldigung nicht. Entschuldigen kann eine Gewalttat nichts. Wenn aber ein junger Mensch durch eine Zeit im Heim - also einer Zeit in der er von unserer Gesellschaft aufgefangen wurde weil er sonst nicht überlebensfähig gewesen wäre - auf die schiefe Bahn kommt und beginnt Drogen zu nehmen, dann hat hier die Gesellschaft versagt, denn unsere Heime dürfen kein Sammelbecken für aufgegebene Kleinkriminelle sein, was sie aber leider oft sind!
Und was macht unsere gloreiche Regierung? Sie kürzt im Sozialbereich - wo auch sonst!
So lange ein Angeklagter nicht verurteilt ist, spricht man bei uns von mutmaßlichen Straftätern. Auch die Zeit sollte sich an den Pressekodex halten, insbesondere wenn sie hier wegen banaler Kleinigkeiten ständig Massenlöschungen vornimmt udn die Meinungsfreiheit behindert.
"Ziffer 13 – Unschuldsvermutung
Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse. "
http://www.presserat.info...
Wobei es hier nicht um Geschmackfragen wie bei vielfältigen Interventionen der Zensoren hier geht, sondern um Verstöße, die vor den Presserat gehören.
Die Überschrift: "Was Brunners Mörder trieb, bleibt ein Rätsel" ist vor der Urteilsverkündung ein grober Verstoss gegen Pflichten.
hat unter der Chefredaktion von Herrn di Lorenzo für mich erkennbar abgenommen und sich der Boulevardpresse angenähert. Ob der Zensor soviel Kritik zuläßt?
Gelöscht. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.
... an der Schuld der beiden war nicht zu zweifeln, die Beiden waren schuldig wie Ödipus ! Es stellte sich nur die Frage, wessen sie sich schuldig gemacht haben. Die Haftstrafe, die natürlich berechtigt ist, wird allerdings kaum wertzvolle Mitglieder der Gesellschaft aus ihnen machen, das Kainsmal wird ihnen ewig anhängen.
hat unter der Chefredaktion von Herrn di Lorenzo für mich erkennbar abgenommen und sich der Boulevardpresse angenähert. Ob der Zensor soviel Kritik zuläßt?
Gelöscht. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.
... an der Schuld der beiden war nicht zu zweifeln, die Beiden waren schuldig wie Ödipus ! Es stellte sich nur die Frage, wessen sie sich schuldig gemacht haben. Die Haftstrafe, die natürlich berechtigt ist, wird allerdings kaum wertzvolle Mitglieder der Gesellschaft aus ihnen machen, das Kainsmal wird ihnen ewig anhängen.
hat unter der Chefredaktion von Herrn di Lorenzo für mich erkennbar abgenommen und sich der Boulevardpresse angenähert. Ob der Zensor soviel Kritik zuläßt?
Die Bilder, die nicht zusammenpassen: Hier die Realität am Bahnhof, dort die Inszenierung im Gerichtssaal. Die Täter gehören nicht zu den schwersten Intensivtätern. Wie beruhigend. Wir unterscheiden folglich zwischen nicht so schweren, schweren und schwersten Intensivtätern. Zynismus oder unfreiwillige Komik? Nicht mehr komisch ist die Art wie dem Leser untergeschoben wird, daß Herr Brunner angefangen habe, die Täter durch Alkohol und Drogen fast außer Gefecht gesetzt waren?!
Inzwischen interessiert mehr als der Prozeß und das Verfahren wer die Darstellung der Täter steuert. Wer ist an der Weichzeichnung der Täter so interessiert, daß man sie fast adoptieren möchte? Das Verfahren fällt außer durch die Brutalität der Täter durch die eigenartigen Aussagen einzelner Zeugen und die sympathisierende Hinlenkung der Berichterstattung auf. Wer möchte mit den armen Hascherln kein Mitleid haben, die sogar für den Überfall auf eine Rentnerin einen plausiblen Grund aufweisen können??
So kann man sich täuschen. Genauso wie eben nicht jedem die Brutalität im Gesicht geschrieben steht. Schwierige Familienverhältnisse sollten auch nicht zu einer Strafminderung führen. Viele Menschen, die in ihrer Kinheit oder Jugend unter nicht optimalen Bedingungen aufwuchsen, haben die Kurve noch gekriegt und wurden nicht kriminell.
Diese Brutalität der beiden muß mit dem Höchstmaß bestraft werden.
Herzlich willkommen in den 68er Jahren!
ich möchte mit dem ÖPNV unbehelligt unterwegs sein...;
möchte NICHT angebaggert werden von rotzigen Monstern,
die nur unterwegs sind, um Leute zu klatschen...,
in ihrem versackten Alltagsdelirium;
ich möchte in der Fußgängerzone NICHT angepöbelt werden;
ich möchte eine saubere Stadt, kein MP-3-Gekreische
im Bus...; keine lärmenden RupfensackTeenies...;
ist denn das so schwer zu begreifen..., und wenn nun ein
Rechtsstaat so lange Zeit benötigt, um die Grundrechte
der Bürger zu definieren...; die Rechtspflege geht zwar
auf dem Zahnfleisch...; aber ich habe das Recht auf nicht
nur von Politikern 'gefühlte Sicherheit', sondern ich
habe das Recht auf eine REALE Wohlfühlumgebung...; zumidest
eine Umgebung, da ich NICHT um meine Unversehrtheit bangen
muß...; das kann doch nicht zuviel verlangt sein...
... nicht mit jemandem wie Sie wohl sind in einem Land, einer Stadt, einer Straße leben, geschweige denn Sie in der Bahn antreffen...
Und nun?
Was soll der Rechtsstaat jetzt mit unseren "Möchten" machen?
... nicht mit jemandem wie Sie wohl sind in einem Land, einer Stadt, einer Straße leben, geschweige denn Sie in der Bahn antreffen...
Und nun?
Was soll der Rechtsstaat jetzt mit unseren "Möchten" machen?
sollte heißen..., wo denn bitte ist dir BearbeitenButton
zu finden...
danke für eine Auskunft.
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