Konjunktur Trutzburg DeutschlandSeite 3/3

Dass die Löhne stärker zulegen als in den vergangenen Jahren, kann sich auch Ferdinand Fichtner vorstellen, der die Konjunktur für Horns früheren Arbeitgeber, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, erforscht. Bloß, widerspricht er, »der Konsum ist zuletzt nicht so stark gestiegen wie die Einkommen. Das zeigt: Die Verbraucher sind noch skeptisch. Mit keynesianischer Politik mehr Geld zu verteilen, ist da nicht die Lösung. Die Regierung muss für Vertrauen und Zuversicht sorgen, etwa durch eine glaubhafte Sanierung der Staatsfinanzen.«

Da ist er, der so schwer zu fassende psychologische Faktor. Hilmar Schneider, Arbeitsmarktforscher am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit, hat viel Lob übrig für die Deutschen. Sie hätten gegenüber dem Ausland die Löhne gesenkt, hätten den Mut zu den Hartz-Reformen gehabt, wegen derer sich Arbeitslose heute schneller neue Arbeit suchten – man müsse sich nur mal überlegen, was Arbeitslosigkeit heute bedeute, sagt Schneider. Da drohe nach einem Jahr Vermögensverlust, sodass Arbeitslose bei der Suche viel konzessionsbereiter seien. Selbst in der großen Krise hätten sie im Schnitt schneller wieder einen Job gefunden als früher. Nicht unbedingt einen guten, aber eben einen Job.

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Schneider ist noch nicht fertig mit der Erfolgsgeschichte: Bis 2007 habe sogar mancher Geringqualifizierte wieder Arbeit gefunden, und auch der Trend könne nun wiederaufleben. Ganz wichtig war es für ihn auch, dass »der Kündigungsschutz in der Krise erstmals in Deutschland wieder wirken konnte«, wie er sagt – »und nicht ausgehebelt wurde durch Anreize zur Frühverrentung«. In früheren Abschwüngen hätten die Unternehmen eifrig von dem Angebot Gebrauch gemacht und sich älterer Mitarbeiter entledigt, die dann nie wieder auf dem Jobmarkt aufgetaucht seien. Diesmal behielten sie die allermeisten Leute – »und mussten sie nach dem Abschwung dringend auslasten«, erklärt der Fachmann. Der Vorteil der deutschen Exportfirmen gegenüber amerikanischen oder spanischen Konkurrenten sei gewaltig: »Die Deutschen sahnen jetzt alles ab.«

Wenn es läuft, dann richtig. Wäre da nur nicht der deutsche Pessimismus, argwöhnt Hilmar Schneider. Die Deutschen seien sich ihres eigenen Erfolgs nicht bewusst und lehnten stattdessen mehrheitlich die eigenen Reformen ab, »da hinkt das Selbstbewusstsein hinter den Fakten her«.

Mediziner wissen, dass Optimisten widerstandsfähiger sind. Da hat Deutschland noch Nachholbedarf – wie auch dabei, »die Voraussetzungen für das Wachstum weiter zu verbessern«, sagt Roland Döhrn. »Bildungspolitik, Forschungsförderung, Innovationspolitik, das sind Felder, bei denen man ansetzen muss.«

Tatsächlich rettet Berlin in jüngster Zeit lieber als zu reformieren. Entbürokratisieren wollte man die Bundesrepublik im Wahlkampf, was laut Weltbank auch bitter notwendig ist. So gut deutsche Konzerne im Weltvergleich abschneiden, so schlecht sieht es laut eines Weltbank-Reports von 2009 bei den heimischen Bedingungen für innovative Unternehmer aus. Gründer müssen demnach hierzulande mehr Hürden überwinden als in 101 anderen Ländern auf dem Planeten – schlimmstes Entwicklungslandniveau. In Kanada kommen sie mit einem Verwaltungsvorgang aus, in Deutschland sind es derer neun. In Australien lassen sich alle Formalitäten kostengünstig in zwei Tagen erledigen, wenn es sein muss – in Deutschland braucht es dafür 18 teure Tage.

Seit 2006 läuft ein Regierungsprogramm zur Deregulierung, das Staatsminister Eckart von Klaeden nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit koordiniert. Über sechs Milliarden Euro Kosten habe man den Unternehmen seit 2006 schon erspart, erklärt die Abteilung – und jetzt das Tempo beschleunigt. Das Potenzial aber scheint gewaltig.

Auch die Innovation wollte Schwarz-Gelb fördern, durch einen Steuerbonus für Forschungsausgaben, wie ihn 21 Industrieländer längst haben. Das könnte manche staatliche Projektförderung ersetzen. Zwar kommt das Vorhaben regelmäßig zum Vorschein, wird aber dann nicht umgesetzt.

Von mehr Flexibilität für Dienstleistungen wird ebenfalls häufig geredet. Sie könnten weiterhin manchen Exportjob in der Industrie ersetzen. Unbedingt notwendig, sagt der Kieler Experte Scheide: »Das Gesundheitswesen und die Pflege sind Wachstumsbranchen. Aber da greifen wir mit allen möglichen Vorschriften und Deckelungen ein und hemmen diesen Sektor.«

Neben besserer Bildung mehr Innovation, weniger Regeln und höheren Löhnen dort, wo sie keine Jobs kosten – Deutschland könnte weiter an seiner Widerstandskraft arbeiten, sagen die Experten. Und zwar ab sofort.

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Leser-Kommentare
    • Crest
    • 03.09.2010 um 11:54 Uhr

    in zwei Tagen erledigen, wenn es sein muss .

    Und Australien kennt für handerkliche Dienstleistungen sicher auch keinen Meister-'Zwang'.

    Herzlichst Crest

  1. Wie weit die klassische Schulmedizin mit ihrer mechanistischen Geräteapparatur laut eigener Prognose noch kommt !

    Wenn alle traditionellen Mittel versagen, kann man sich ja immer noch über alternative Heilweisen zur Immunstärkung Gedanken machen !

  2. dass das untere Drittel der GEsellschaft davon nichts haben wird(war schon beim vorherhgehenden Aufschwung).Und irgendeinen Unsinn werden sich die Arbeitgeber schon ausdenken,um die Lohnforderungen der Gewerkschaften abzuwatschen.

  3. Ich würde mir mal wünschen, es würde nicht immer nur pauschal von irgendwelchen Regeln gesprochen, die abgeschafft wurden oder in Zukunft wegfallen sollen.

    In meinem beruflichen Alltage merke ich da noch nichts von, eher im Gegenteil.

    Wenn man die pauschalen Aussagen, die in manchen Artikeln enthalten sind genaus bemängeln würde wie in den Leserbeiträgen, wäre mancher Artikel ziemlich kurz.

    • Lyaran
    • 03.09.2010 um 13:39 Uhr

    Warum gleuben die Deutschen denn nicht and den Aufschwung und gelungene Maßnahmen? Weil in der Lohntüte davon nichts ankommt!

    Drückt die Arbeitslosenquote denn auch aus dass zwar viele arbeiten aber der Lohn so mager ist dass dennoch über ALG2 aufgestockt werden muss?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Menschen sind skeptisch, weil sie merken, dass sie dreist belogen werden. Laut offizieller Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind z.B. über 6,5 Millionen Menschen arbeitslos und nicht wie propagiert 3 Millionen kurz vor Vollbeschäftigung.
    http://statistik.arbeitsa...
    Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor und die schlechteste Reallohnentwicklung aller Zentraleuropäischen Staaten. Der Aufschwung kommt ausshliesslich beim reichsten Zehntel der Republik an.
    Das Volk ist nicht so dumm, wie schwarz-gelbe Politiker hoffen. Zu offensichtlich haben sie käufliche Politik für wohlhabende Klientel gemacht.

    Die Menschen sind skeptisch, weil sie merken, dass sie dreist belogen werden. Laut offizieller Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind z.B. über 6,5 Millionen Menschen arbeitslos und nicht wie propagiert 3 Millionen kurz vor Vollbeschäftigung.
    http://statistik.arbeitsa...
    Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor und die schlechteste Reallohnentwicklung aller Zentraleuropäischen Staaten. Der Aufschwung kommt ausshliesslich beim reichsten Zehntel der Republik an.
    Das Volk ist nicht so dumm, wie schwarz-gelbe Politiker hoffen. Zu offensichtlich haben sie käufliche Politik für wohlhabende Klientel gemacht.

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