Biografie Die Tragik des PatriotenSeite 4/4
Segev: Was sich an sogenannten Beweisen im Kreisky-Archiv in Wien findet, sind alles Berichte von alten Nazis aus Südamerika, die erst eintrafen, nachdem Kreisky seine Anschuldigungen geäußert hatte. Es gibt nicht den Funken eines Beweises. Es gab nur Gerüchte, sehr früh schon. Aber niemand weiß, wo die ihren Ausgang nahmen. Sie haben sicherlich Wiesenthals Schuldkomplex verstärkt.
ZEIT: Ich weiß nicht, ob Wiesenthal Kreisky hasste. Aber fraglos hasste Kreisky Wiesenthal.
Segev: Das hat auch ideologische Gründe. Der Zionist Wiesenthal erinnerte Kreisky daran, dass er dem jüdischen Volk angehörte. Das zerstörte seine Identität als echter Österreicher, auch wenn Kreisky stets beteuerte, er leugne seine jüdischen Wurzeln nicht. Das war alles nicht rational.
ZEIT: Etwas plakativ formuliert, sagen Sie, Wiesenthal sei der Schatten gewesen, dem Kreisky zu entkommen trachtete.
Segev: Exakt, das war es.
ZEIT: Auf einer höheren Ebene warf der Konflikt aber auch die Frage auf, was es nach dem Holocaust bedeutet, Jude zu sein.
Segev: Deswegen hat mir Kreisky einmal in einem langen Interview unter Zuhilfenahme von viel austromarxistischer Literatur beweisen wollen, dass es kein jüdisches Volk gebe und dies bloß eine zionistische Fiktion sei.
ZEIT: Letztlich ist Wiesenthal aus dem Konflikt rehabilitiert hervorgegangen.
Segev: Aber es war ein sehr schmerzhafter Sieg. Wiesenthal hat vier Jahre lang sehr unter dem Streit gelitten.
ZEIT: Nachdem Wiesenthal diese Auseinandersetzung überstanden hatte, stolperte er in den größten Fehler seines Lebens: Er nahm Kurt Waldheim in Schutz. Sie glauben, das habe ihn den Friedensnobelpreis gekostet.
Segev: Ja, ich bin mir ziemlich sicher: Nach der Waldheim-Affäre hatte Wiesenthal keine Chance mehr. Außerdem benötigte das Nobelpreiskomitee Wiesenthal nicht. 40 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sollte eine Person den Preis erhalten, die mit dem Holocaust in Beziehung stand. Und da bot sich auch noch Elie Wiesel an, der ja ebenso eine internationale Größe war.
ZEIT: War das die größte Niederlage in Wiesenthals Leben?
Segev:
Nein. Ich glaube, dass ihn etwas anderes viel mehr frustrierte. Er bestand darauf, die Schuld jedes einzelnen Kriegsverbrechers müsse vor Gericht bewiesen werden, zugleich war ihm bewusst, dass das liberale System der Rechtsprechung inadäquat ist und bei diesem Typ von Verbrechen nicht für Gerechtigkeit sorgen kann. Man benötigte für diese Massenmörder ein anderes System.
Das Gespräch führte Joachim Riedl
- Datum 08.09.2010 - 13:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
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Das ist ein anderes Arrangement: http://www.zeit.de/2010/3...
Welches ist denn nun das ursprüngliche Interview?
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