Sie sind viele. Das ist eine sichere Schätzung. 1.333.000.000 hingegen ist eine Zahl, über die man streiten kann. Der Religionshistoriker Georges Minois hatte in seiner Geschichte des Atheismus zu Beginn des neuen Jahrtausends die Schar der Atheisten auf weltweit 262 Millionen geschätzt. Die Zahl der Agnostiker, die die Frage nach Gottes Existenz für ungeklärt, unklärbar und letztlich irrelevant halten, bezifferte er auf 1,071 Milliarden. Zusammen also 1,333 Milliarden Menschen ohne Religion – weder Muslime noch Katholiken sind zahlreicher. Auch wenn Minois mit seiner Kalkulation daneben läge: Das Phänomen ist weitverbreitet.

Und ganz gewiss trägt Deutschland überproportional zu dieser Schar bei. Sie zieht sich quer durch die Gesellschaft, und je genauer man hinsieht, desto größer scheint die Gruppe zu werden: Ein Viertel, ein Drittel, vielleicht gar die heimliche Mehrheit der Bevölkerung glaubt einfach nicht(s). In diesem Sinne sprechen wir in diesem ZEIT -Titel von "Atheisten". Wissenschaftler würden das eine breite Definition nennen.

Wie viele also sind es? Schon eine erste grobe Näherung lässt die Größenordnung des Phänomens erahnen. Wer nur zählt, was in den amtlichen Meldedaten unter "Konfession" firmiert, der kann die Deutschen schnell in drei etwa gleich große Gruppen einteilen: knapp 25 Millionen Protestanten (ohne Freikirchen), gut 25 Millionen Katholiken und mittlerweile 28 Millionen Menschen, deren Lohnsteuerkarte bloß " -- " zeigt. Konfessionslosigkeit korreliert statistisch mit anderen Merkmalen, wie sie der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack zusammengefasst hat: Männer, Hochgebildete, Städter und Besserverdiener sind überrepräsentiert.

Aber sind sie auch alle Atheisten? Da ist die amtliche Statistik keine große Hilfe: Der jährlich vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Mikrozensus berücksichtigt Glaube (oder Unglaube) nicht. Und die letzte Volkszählung liegt schon 23 Jahre zurück.

So mussten empirische Sozialforscher zum Fragebogen greifen, etwa in der groß angelegten Europäischen Wertestudie. Die zeigt einen eklatanten Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland: In den neuen Bundesländern rechneten sich über 20 Prozent der Menschen zu den Atheisten, in den alten Ländern knapp 7. Das entspräche einem bundesweiten Anteil von unter 10 Prozent, knapp 8 Millionen also. 8 von 28? Der Bayreuther Professor Christoph Bochinger, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft, hält nicht viel von Zahlen auf Basis von Selbstauskünften: "Es gibt viel mehr Menschen, die faktisch Atheisten sind, als solche, die sich auch so nennen würden."

Tatsächlich zeigen ausführliche Interviews, dass sich viele Menschen nicht als Atheisten bezeichnen, obwohl in ihrem Leben keinerlei Götter eine Rolle spielen. Eine EU-weite Erhebung im Jahr 2005 kam auf 25 Prozent der Deutschen, für die "weder Geist, noch Gott oder höhere Macht" existieren. Das ist deutlich mehr als in vielen anderen Ländern, nämlich ein Viertel der Bevölkerung. Im Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann-Stiftung spricht die Leipziger Kultursoziologin Monika Wohlrab-Sahr gar vom "stabilen Drittel jenseits von Religiosität".

Was sind das für Leute? Es gibt mehr Atheisten als Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen, und es gibt mehr Agnostiker als Menschen, die sich als unreligiös bezeichnen. Neuere Untersuchungen stützen diese These, für das Zerrbild von eifernden Religionsfeinden allerdings bieten sie keinen Beleg. Über ihren Unglauben definieren sich offenbar nur die wenigsten Ungläubigen.

Dafür trifft man sie quer durch die Gesellschaft. So wurden für die repräsentative soziologische Studie Allbus Menschen nach persönlichen Überzeugungen befragt. Dabei stimmten immerhin drei von fünf Konfessionslosen der Aussage zu, "Ich glaube nicht, dass es einen persönlichen Gott, irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht gibt". Nichts anderes bedeutet das griechische Adjektiv átheos ja, "gottlos". Aber auch jedes fünfte für Allbus befragte evangelische und fast jedes zehnte katholische Kirchenmitglied stimmte der Aussage zu – entpuppte sich also als reiner "Namenschrist".