Den Anfang von allem vermag kein Mensch zu denken. Wer den Anfang denken oder gar zeichnen will, dem wirft sich gleich der berühmteste deutsche Philosoph in den Weg, Hegel, der warnend die Arme schwenkt und ruft: Am Anfang ist das Nichts! Aber das Nichts kann man nicht widerspruchsfrei denken, weil alles Denkbare ein Etwas ist! – Es besteht also ein unlösbarer Widerspruch zwischen dem Sein und dem Nichts. Tatsächlich können wir den Ursprung unserer Welt noch immer nicht richtig erklären. Deshalb beginnt der Comiczeichner Jens Harder sein Buch über die Entstehung der Welt auch nicht mit einer leeren Seite, sondern mit einem winzigen, beinahe unsichtbaren roten Punkt.

Harder hat diesen Punkt zum Urknall aufgebläht. Aus einer blumenkohlförmigen Masse knallt ein Blitz, entstehen Wirbel, Wellen, Strudel, Sternenstürme, Spiralnebel, Lichträder und rotierende Sonnenwolken. So schön kann Evolution sein! Der Zeichner hat für seine fantasievolle und trotzdem naturwissenschaftlich präzise Evolutionsgeschichte Alpha gerade die höchste Auszeichnung der Comic-Gilde erhalten. 14 Milliarden Jahre auf 350 Seiten. Vom Anfang des Universums bis kurz vorm Holozän. Woran glaubt ein Künstler, der ein Faible für die exakten Wissenschaften hat? Woran können Atheisten überhaupt glauben, auf halbem Weg zwischen religiöser Tradition und säkularem Gesetz?

Wenn man Jens Harder in seinem schlichten Berliner Büro, im Hinterhof der Schönhauser Allee, besucht, dann protzt er nicht mit seinen wilden Bildern von der Erdentstehung oder mit Dinosauriern. Dann schlägt der 40-Jährige einfach die erste Buchseite auf. Ausführlich erklärt er uns den Punkt – diesen Fliegenschiss inmitten des großen Weiß. Warum blättert er nicht endlich weiter? Weil er ein penibler Atheist ist, an dem das Urknall-Problem offenbar noch nagt. Weil er sich nicht vorbeimogeln will an dem Schwierigsten, das für uns, sein Publikum, am langweiligsten aussieht: der Übergang vom Nichts ins Sein. Harder sucht wie all die berühmten Astrophysiker noch nach der genialen Lösung, die den alten Hegel widerlegt.

»Ich glaube an gar nichts.« Dessen immerhin ist er sich sicher. Aber auf die Frage, woran Atheisten glauben, verweigert er die Antwort. »Weil Glauben das Gegenteil von Wissen ist, wäre das eine Bankrotterklärung des Intellekts. Ich stelle mich einfach der Tatsache, dass es im Universum keinen höheren Sinn gibt.« Am Anfang also war der Punkt? Vielleicht ist der Ursprung unseres Seins ja weniger eine Glaubensfrage als ein Darstellungsproblem.

Harder ist in der DDR aufgewachsen, in Weißwasser in der Oberlausitz, im Braunkohlerevier und Dinosaurierland. Dort haben eiszeitliche Gletscher die Landschaft immer wieder umgeformt. Nicht weit von seinem Hause gab es einen Saurierpark mit Urviechern aus Stahlbeton. Damals erwachte auch seine Leidenschaft für Naturkundemuseen. Die Geheimnisse der Erde ergründen. Die Vielfalt der Lebewesen erforschen. Es gibt Zeichnungen des Neunjährigen, auf denen sind Krebstiere zu sehen, fein säuberlich beschriftet von Kinderhand: Seepocke, Kugelassel, Wollhandkrabbe. Bevor Harder in Berlin sein Grafikstudium absolvierte, machte er eine Lehre im Braunkohlekraftwerk Boxberg. »Unter unserer Gegend lagen gewaltige Braunkohleflöze. Monströse Bagger fraßen sich in die alten Urwaldhinterlassenschaften, Dörfer und Wälder zermalmend. Hinter sich ließen sie eine sandige Marsödnis zurück.«

Die Herausforderung heute ist in Harders Augen: die wissenschaftliche Sicht der Welt anschaulich zu erzählen. So bewegt er sich autodidaktisch durch die verschiedenen Abteilungen des Menschheitswissens: Astronomie, Biologie, Geologie. Und wo ist der Sinn? »Wenn man sich die Evolution mit ihren Fehlern anschaut, dann wird klar, dass es im Universum kein Ziel gibt, auf das sich alles hin entwickelt.« Vielleicht kommen deshalb in seinen Evolutions-Comics auch Götter vor, als Reminiszenz an unsere ewige Sinnsuche. Ägyptische Tiergötter, vielarmige indische Himmelsherrscher, griechische Titanen und immer wieder der christliche Gottvater mit Rauschebart. Das ist vielleicht das Beste an Alpha, dass der Urknall nicht ohne Götter stattfindet. In Harders Büro hängt ein großer Comic über die drei monotheistischen Weltreligionen. Man sieht: Überzeugte Atheisten müssen keine Betonköpfe sein. Zum Abschied scherzt Harder: »Hoffentlich wird dieser Atheismus-Artikel beim Jüngsten Gericht nicht gegen uns verwendet.«