Die Wachsfigur von Karl Marx. Marx sagte, die Religion sei Seufzer der bedrängen Kreatur, das Opium des Volkes © Sean Gallup/Getty Images

Atheismus ist ein Witz. In Molières Komödie Don Juan fragt der Diener seinen Herrn: "Woran glauben Sie?" – und der sizilianische Freigeist antwortet: "Ich glaube, dass zwei und zwei vier ist und vier und vier acht." Daraufhin der Diener: "Wie ich sehe, ist Eure Religion also die Arithmetik."

Mit diesem Witz zielte Molière auf ein Publikum, das unter dem Glauben nicht irgendetwas Weltliches verstand. Und das, wie jener Diener, von dem Gedanken befremdet war, dass jemand ohne Glauben leben könnte. Diesem Unbehagen ist wohl jeder Atheist schon einmal begegnet. Nicht grundlos. Schließlich hat sich im Atheisten eine Bindung gelöst, und darin liegt ein Risiko, man kennt ja den alten Adam. Wenn mit dem Gottesglauben eine ganz bestimmte Verankerung der Moral verloren geht, fragt sich, was das bedeutet: das Ende der Moral?

Woran diejenigen glauben, die keinen Gott haben, interessiert noch aus weiteren Gründen. Immerhin dürfte es sich um ein Drittel der deutschen Erwachsenen handeln, und da wäre es einigermaßen beunruhigend, wenn sie einem riskanten Ersatzglauben anhingen. Etwa dem, dass die Nation, der Staat, die Wissenschaft oder eine Endzeitutopie dem Dasein seinen Sinn verliehen.

Die Frage nach dem Glauben der Gottlosen ist auch deswegen wichtig, weil sie das Verhältnis zwischen Religiösen und Nichtreligiösen betrifft. Allein schon um des lieben Friedens willen muss der Graben zwischen beiden Gruppen ausgelotet werden.

Gläubige und Ungläubige sind füreinander bis heute ein provozierendes Rätsel. Wohl nicht zuletzt deswegen wird dem Atheisten oft vorgehalten, auch er habe einen Glauben: daran eben, dass es Gott nicht gibt. Weil sich aber weder Existenz noch Nichtexistenz Gottes beweisen lasse, stünde es gewissermaßen null zu null, und der Rest sei halt "Glaubenssache" – ein achselzuckender Ausdruck, der gleichbedeutend mit Willkür geworden ist.

Es lohnt sich, diesem Argument nachzugehen, um herauszufinden, wie es um den Glauben der Ungläubigen bestellt ist. Richtig daran ist, dass sich die Nichtexistenz eines Objekts nicht beweisen lässt. Wohl aber lässt sich für manch eine Existenzbehauptung zeigen, dass sie in sich widersprüchlich oder leer ist. Könnte ein Ungläubiger seine Gottlosigkeit auf diese Weise begründen? Vielleicht gar mit einer Sicherheit, die derjenigen des Glaubens gleichkommt?

Bis heute existiert eine "natürliche Theologie", die Gottesbeweise konstruiert. Ihr Kern ist die 1714 von Leibniz formulierte Frage: "Wieso gibt es etwas und nicht nichts? Denn das Nichts ist einfacher und leichter als ein Etwas." Heute, fast 300 Jahre später, verweigern die meisten Philosophen dieser Frage eine Antwort. Denn wenn das "Nichts" kein bestimmtes "Etwas" ist, dann ist sein Begriff leer. Über das "Nichts" lässt sich keine Aussage treffen, erst recht keine Existenzaussage.