Atheismus ist ein Witz. In Molières Komödie Don Juan fragt der Diener seinen Herrn: "Woran glauben Sie?" – und der sizilianische Freigeist antwortet: "Ich glaube, dass zwei und zwei vier ist und vier und vier acht." Daraufhin der Diener: "Wie ich sehe, ist Eure Religion also die Arithmetik."

Mit diesem Witz zielte Molière auf ein Publikum, das unter dem Glauben nicht irgendetwas Weltliches verstand. Und das, wie jener Diener, von dem Gedanken befremdet war, dass jemand ohne Glauben leben könnte. Diesem Unbehagen ist wohl jeder Atheist schon einmal begegnet. Nicht grundlos. Schließlich hat sich im Atheisten eine Bindung gelöst, und darin liegt ein Risiko, man kennt ja den alten Adam. Wenn mit dem Gottesglauben eine ganz bestimmte Verankerung der Moral verloren geht, fragt sich, was das bedeutet: das Ende der Moral?

Woran diejenigen glauben, die keinen Gott haben, interessiert noch aus weiteren Gründen. Immerhin dürfte es sich um ein Drittel der deutschen Erwachsenen handeln, und da wäre es einigermaßen beunruhigend, wenn sie einem riskanten Ersatzglauben anhingen. Etwa dem, dass die Nation, der Staat, die Wissenschaft oder eine Endzeitutopie dem Dasein seinen Sinn verliehen.

Die Frage nach dem Glauben der Gottlosen ist auch deswegen wichtig, weil sie das Verhältnis zwischen Religiösen und Nichtreligiösen betrifft. Allein schon um des lieben Friedens willen muss der Graben zwischen beiden Gruppen ausgelotet werden.

Gläubige und Ungläubige sind füreinander bis heute ein provozierendes Rätsel. Wohl nicht zuletzt deswegen wird dem Atheisten oft vorgehalten, auch er habe einen Glauben: daran eben, dass es Gott nicht gibt. Weil sich aber weder Existenz noch Nichtexistenz Gottes beweisen lasse, stünde es gewissermaßen null zu null, und der Rest sei halt "Glaubenssache" – ein achselzuckender Ausdruck, der gleichbedeutend mit Willkür geworden ist.

Es lohnt sich, diesem Argument nachzugehen, um herauszufinden, wie es um den Glauben der Ungläubigen bestellt ist. Richtig daran ist, dass sich die Nichtexistenz eines Objekts nicht beweisen lässt. Wohl aber lässt sich für manch eine Existenzbehauptung zeigen, dass sie in sich widersprüchlich oder leer ist. Könnte ein Ungläubiger seine Gottlosigkeit auf diese Weise begründen? Vielleicht gar mit einer Sicherheit, die derjenigen des Glaubens gleichkommt?

Bis heute existiert eine "natürliche Theologie", die Gottesbeweise konstruiert. Ihr Kern ist die 1714 von Leibniz formulierte Frage: "Wieso gibt es etwas und nicht nichts? Denn das Nichts ist einfacher und leichter als ein Etwas." Heute, fast 300 Jahre später, verweigern die meisten Philosophen dieser Frage eine Antwort. Denn wenn das "Nichts" kein bestimmtes "Etwas" ist, dann ist sein Begriff leer. Über das "Nichts" lässt sich keine Aussage treffen, erst recht keine Existenzaussage.

 

Vertreter der "Natürlichen Theologie" lassen von der Frage nach dem Nichts gleichwohl nicht ab. In Europa sind dies vor allem der Philosoph Richard Swinburne in Oxford und sein Kollege Paul Clavier in Paris. Clavier lehrt an der École normale supérieure, der ersten geisteswissenschaftlichen Adresse Frankreichs. Er hängt der Leere ein blickdichtes Kleid um und fragt, was der Existenzgrund der Welt sei. Mit "Welt" meint er kein Universum im physikalischen Sinn, denn der Philosoph betreibt nicht Physik, sondern Metaphysik; gemeint ist mit "Welt" vielmehr alles Existierende, sozusagen das Weltganze.

Doch bevor man wie Clavier fragt, was der Grund des Ganzen sei, müsste erst gezeigt werden, dass das existierende Ganze einen Grund benötigt. Die zweite Schwierigkeit liegt darin, dass dieser Grund ja nicht zum bereits Existierenden gehören darf. Anders gesagt: Das Ganze hat keinen Grund. Um zu existieren, braucht die Welt keinen Gott.

Dergestalt sind die Einwände, die Paul Clavier in seinen Seminaren vor großer Anhängerschar diskutiert. Er sagt: "Sie stehen im Stau auf der Autobahn, und jemand fährt Ihr Auto von hinten an. Sie steigen aus, um ihn zur Verantwortung zu ziehen, aber der diskutiert bereits mit seinem Hintermann, und so geht es immer weiter. Nun stellen Sie sich, Gott behüte!, eine unendliche Autobahn vor: Jeder Unfall hat einen anderen als Ursache, bis ins Unendliche. Wen zieht Ihre Versicherung zur Verantwortung?" – Nun, niemanden, denn auf einer unendlichen Autobahn fährt kein "erster Beweger", wie Aristoteles gesagt hätte.

Das Problem derartiger Argumente ist, dass sie voraussetzen, was sie begründen wollen. Sie scheitern regelmäßig. Deshalb lehnen die meisten Theologen rationale Gottesbeweise mittlerweile ab. Wollte man Gott irgendwoher leiten, dann hätte seine Existenz eine Voraussetzung – aber Gott ist unbedingt und voraussetzungslos. Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel schreibt in seinem großen Werk Gott als Geheimnis der Welt, Gott sei "grundlos" und "nicht notwendig", sondern "mehr als notwendig". Auf diese Weise entzieht Jüngel den Gottesbegriff der Folgerungslogik, und zwar gewissermaßen nach oben; er nimmt die Unbeweisbarkeit Gottes hin und hält dennoch an dessen Existenz fest. Ist dieses Verfahren zulässig? Die mathematische Logik kennt immerhin unbeweisbare Sätze, deren Wahrheit feststeht. Sie hat sogar bewiesen, dass solche Sätze existieren. Nur haben sie mit Gott nichts zu tun.

Nicht einmal denkbar sei Gott, so lautet eine theologische Argumentation, die bis auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (circa 1225 bis 1274) zurückgeht. Denn Gott zu definieren hieße, die Menge seiner Eigenschaften zu begrenzen. Wenn er sich aber nicht definieren lässt, dann lässt er sich eben auch nicht begreifen – so steht es in den Pensées des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (1623 bis 1662). Dennoch spreche Gott zu uns, schrieb Pascal, nämlich zu unseren Herzen.

An dieser Stelle muss der Atheist passen. Denn solche Sätze über Gottes Existenz zeigen auf nichts Sagbares. Wie das Rascheln der Blätter, wie das Meeresrauschen und der Abendhauch. Sogar der Satz "Gott ist möglich" bleibt leer. Nach heute gültiger Argumentationslogik hat der Atheist daher keinen Grund, an seiner Gottlosigkeit zu zweifeln. Die Einschränkung "nach heutiger Argumentationslogik" muss freilich sein. Weil nicht auszuschließen ist, dass all unser Argumentieren, Denken, Fühlen und selbstverständlich auch das Glauben und Zweifeln etwas ganz anderes ist, als wir uns vorstellen. Womöglich halluzinieren wir nur.

Selbst solche Atheisten, die nur mit äußerster Vorsicht den schwankenden Boden der Überzeugungen betreten, dürfen sich ihrer Sache also sicher sein. Wenn jemand das einen "Glauben" nennen will, nun gut. Fragt sich nur, ob den Atheisten ihre Sache auch heilig ist.

 

Einige erwecken diesen Eindruck. Etwa die "Neuen Atheisten" um Richard Dawkins, die gegen die Religionen kämpfen. Dass Atheisten danach suchen, "durch die Beipflichtung anderer bestärkt zu werden", weshalb sie, "wie es bei anderen Sekten geschieht, bemüht sind, Jünger zu werben", das war für den englischen Philosophen Francis Bacon (1561 bis 1626) ein Zeichen dafür, "dass Gottesleugnung mehr auf der Lippe denn im Herzen der Menschen wohnt". Gut möglich, dass Bacon recht hatte. Zu seiner Zeit gab es freilich noch eine weitere Erklärung: Ungläubige mussten um ihr Leben fürchten, weshalb es wohl ganz in Ordnung ging, dass sie die "Beipflichtung anderer" suchten – ebenso wie heute die Entscheidung Salman Rushdies, sich den Neuen Atheisten anzuschließen, kaum getadelt werden kann.

Die meisten Ungläubigen von heute indes sehen keine Notwendigkeit darin, ihre Umwelt mit gottlosen Auffassungen zu behelligen. Im Westen jedenfalls ist die Haltung des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq verbreitet, der von sich schreibt, sein Atheismus sei weder engagiert noch antiklerikal, noch gar heroisch oder befreiend, sondern einfach "kalt".

Die Mehrzahl der Atheisten ist nicht sonderlich am Für und Wider der Existenz Gottes interessiert. Gläubige mögen dieses Verhalten borniert finden. In ein und demselben Herzen, staunte Pascal, herrsche "Empfindlichkeit für die kleinsten Dinge", für finanziellen Verlust zum Beispiel – und zugleich "diese eigenartige Unempfindlichkeit" für das Allergrößte. Der Atheist hat aber normalerweise auch kein Interesse daran, anderen Leuten ihre Religion madig zu machen.

Erstreckt sich seine Gleichgültigkeit auf Gut und Böse? Verbreitet ist der Vorwurf, wer keinen Gottesglauben habe, dem fehle auch Moral. Daran ist etwas Wahres. Denn der konsequente Atheist kennt nichts von vornherein Fragloses. Er sieht Religionen als historisch gewachsene Systeme, Gesellschaften beisammenzuhalten, ihre Konflikte in Bahnen zu lenken. Religionen sind Legislative und Exekutive zugleich, sie legitimieren Normen und beschäftigen ein imaginäres Wachpersonal: Gott schaut den Lebendigen über die Schulter. Er ist "eine Kugel, deren Zentrum überall und deren Umfang nirgendwo ist", wie es im Mittelalter hieß – totale Überwachung. Der Atheist hingegen muss selbst sehen, welchen Weg er geht.

Das kann durchaus ein guter Weg sein, schreibt Eberhard Jüngel: Jeder Mensch könne "menschlich sein ohne Gott". Dazu muss er noch nicht einmal an objektive Werte glauben. Denn mag er auch sämtliche Normen in Interessen und Machtverhältnisse auflösen wollen, selbst das hindert ihn keineswegs daran, gut zu sein. Nehmen wir Michel Houellebecq, der nicht an die Würde des Menschen glaubt: Er stellt empirisch fest, dass er und seinesgleichen Liebe und Mitleid empfinden und den Forderungen der Moral Folge leisten.

Viel Sicherheit gibt das nicht. Leider ist auch die Philosophie nicht weit gekommen mit ihren Versuchen einer weltlichen Begründung der Ethik. Dem Atheisten bleibt ein schwieriges Konstruktionsproblem aufgegeben. Nicht, dass er moralisch entsichert herumliefe, doch die Sicherung muss er sich selbst zusammenbasteln, ohne Bedienungsanleitung.

Und war nicht gerade das 20. Jahrhundert deswegen so grausam, weil zwei atheistische Ideologien ihr Unwesen trieben, der Nationalsozialismus und der Marxismus-Leninismus? Durchaus. Nur, dass die Verbrechen der Nazis und der Stalinisten nicht im Namen des Atheismus begangen wurden, sondern im Namen der Rasse oder der Klasse. Beide atheistischen Überzeugungssysteme wurden mit Recht als säkulare Religionen bezeichnet, sie handelten vom vorbestimmten Endkampf ums neue Reich und forderten von ihren Anhängern die Bereitschaft zu allerfrommstem Exterminismus. "Nicht der Atheismus stachelt die blutigen Leidenschaften an, sondern der Fanatismus": Der Religionskritiker Voltaire, selbst kein Atheist, wusste zu unterscheiden.

 

Der Ungläubige hat keinen Grund, fanatisch zu sein. Er muss auch nicht wie Karl Marx die Gesellschaft dergestalt verändern wollen, dass die Frage nach Gott überflüssig wird. Marxens angeblich so humanistische Frühschrift Ökonomisch-philosophische Manuskripte gibt keine Mitteilung darüber, was mit denen geschehen soll, die dennoch diese Frage stellen. Die Geschichte hat dann grausame Auskunft gegeben.

Marxisten müssen Atheisten sein, umgekehrt gilt das nicht. "Aber niemand kann dermaßen aus der Menschheit herausfallen", schrieb düster der Psychologe Carl Gustav Jung (1875 bis 1961), dass er nicht Anhänger einer "modernen Abart der historischen Konfessionen" sei. "Gerade sein Materialismus, Atheismus, Kommunismus, Sozialismus, Liberalismus, Intellektualismus, Existenzialismus zeugt gegen seine Harmlosigkeit. Er ist irgendwo, so oder so, laut oder leise, von einer übergeordneten Idee besessen."

Diese Psychologie der Gottlosigkeit ist seit Jahrhunderten Bestandteil der theologischen Literatur. Im Menschen klaffe eine unendliche Lücke, die vollständig nur durch den Unendlichen ausgefüllt werden könne, so geht der Gedanke. Die aggressive Variante vertritt Fabrice Hadjadj, ein derzeit im katholischen Frankreich prominenter Buchautor: Der Atheist ersetze Gott durch Götzen, "den Fortschritt, die Vernunft, die Revolution, den Markt, den Planeten" oder eine unchristliche Spiritualität. Für Hadjadj steht fest, dass dieser Götzendienst des Teufels sei; so steht es in seinem jüngsten Buch Der Glaube der Dämonen .

Hätten wir also hier endlich den Glauben der Atheisten am Wickel? Richtig ist, dass jeder Mensch in Gefahr steht, einer Ideologie anheimzufallen. Das hat Ursachen, die jenseits der Vernunft liegen, ob in der Neurophysiologie, der Tiefenpsychologie, der Kultur oder in allem zugleich. Mit Argumenten allein können diese Triebkräfte nicht neutralisiert werden. "Das Glaubensverlangen kehrt immer wieder zurück", schreibt der atheistische Schriftsteller Pascal Quignard in seinem aktuellen Roman La barque silencieuse, "wie der Schlaf oder der Durst oder der Liebeswunsch. Verlust ruft nach Ersatz, der Hunger nach dem Traum." Doch man kann sich diesem Ruf verweigern. Das ist eine Lebenskunst.

Im 16. Jahrhundert kursierte ein Buch, heimlich wie einst die Samisdats in der Sowjetunion, das Ars nihil credendi hieß, also "Die Kunst, nichts zu glauben". Ein unbeholfener Text, verfasst von einem Mann namens Geoffroy Vallée. Die Existenz Gottes war ihm selbstverständlich, aber er setzte ihn in eins mit der Welt, die sich nicht dem Glauben, sondern nur der Vernunft erschließe. Vallée war 24 Jahre, als er 1574 wegen solcher Gedanken zum Tode verurteilt wurde. Seine christlichen Henker wollten Gewissheit. Sie erhängten ihn erst und verbrannten ihn dann.