Da steht sie, die Raffinerie der Zukunft, effizient, nachhaltig, klimaneutral und ökonomisch ungemein erfolgreich. An ihren Zufahrten werden Bauern die Ausgangsstoffe anliefern: Feldprodukte wie Mais und Weizen, Zuckerrüben, Kartoffeln, dazu Abfälle wie Kuhmist und Kompost. Forstwirte werden Holzschnitzel bringen, Mikrobiologen Algen liefern. Am Ende spuckt diese Raffinerie nicht nur traditionelle landwirtschaftliche Erzeugnisse für den Supermarkt und die Nahrungsmittelindustrie aus, sondern auch Pflanzenfasern für Dämmstoffe, Möbel oder Kleidung, Rohstoffe für Medikamente, Zutaten für die Kunststoffproduktion und andere Bereiche der Chemieindustrie. Und während hier pflanzliche Rohstoffe veredelt werden, soll fast nebenbei noch CO₂-freie Energie geliefert werden.

Mit Bauernhöfen und Agrarfabriken, wie wir sie heute kennen, hat diese Szene nur noch wenig gemein. Hier wird wirklich jedes pflanzliche Molekül verwertet. Schon im Vorfeld haben Züchter bei der Suche nach den besten Pflanzensorten nicht nur auf den Ertrag geachtet, sondern auch auf die optimale Nutzung des Bodens und die Eigenschaften der Pflanzen für die spätere Verarbeitung. Was nicht im Repertoire der Natur steckte, wurde auf gentechnischem Weg von einer Art auf eine andere übertragen. Auf der Suche nach den besten Anbaumethoden haben Ökobauern und konventionell arbeitende Landwirte ihr Wissen vereint, mit Sachverstand und Weitsicht an den jeweiligen Standort angepasst.

Das ist – konzentriert und zugespitzt – die Vision der »Bioökonomie«: Züchtungs- und Ernährungsforscher, Lebensmittelproduzenten und Energiewirte, kurz Wissenschaft und Industrie arbeiten interdisziplinär zusammen, um die Ernährung zu sichern, saubere Energie zu liefern und unsere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu beenden.

Nun legt der Bioökonomierat, ein Gremium hochrangiger Fachwissenschaftler , im Auftrag der Bundesministerinnen Annette Schavan (Forschung) und Ilse Aigner (Landwirtschaft) seine Empfehlungen zur künftigen deutschen Agrarforschung vor. Was den einen weitsichtig erscheint und einen Durchbruch ins postfossile Zeitalter verheißt, löste bei anderen schon im Vorfeld Horrorvorstellungen aus: von gentechnisch erzeugten Monokulturen, die ökologische Wüsten hinterlassen. Von endlos langen Lkw-Kolonnen, die Biomasse quer durchs Land in die Umwälzanlagen karren. Von hungernden Familien in Schwellen- und Entwicklungsländern, deren Nahrung verheizt oder verarbeitet wird. Der Bioökonomierat setze die »lange Tradition« fort, »mit Ingenieurskunst und technischem Fortschritt all die Probleme lösen zu wollen, die aus technischem Fortschritt und einem verengten Verständnis von Natur und Umwelt resultieren«, kritisierte etwa Steffi Ober, Gentechnikreferentin beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) .

Wo doch die Äcker die Menschen in einigen Weltregionen schon bisher kaum ernähren konnten, sollen sie nun Nahrung, Rohstoff und Energie liefern: Bedeutet Bioökonomie, dass sich in von Armut zerrissenen Nationen der Konflikt um die begrenzten Land- und Nahrungsressourcen noch verschärft?

Zielkonflikte nennt man das. Und sie zeichnen sich bereits ab. Zur Lösung empfehlen die Gutachter »Forschung und Technologieentwicklung«. Fragt sich nur: Welche Forschung? Welche Technologie? Und wer entscheidet darüber? Im 60-seitigen Gutachten des Rates wird – das ist die gute Nachricht – kein Lösungsansatz von vornherein abqualifiziert. Im Gegenteil: Die Experten kontern die Komplexität des Themas mit einer überbordenden Disziplinen- und Methodenvielfalt.

Auch die Ziele sind beileibe nicht eindimensional national formuliert. Neben der Wertschöpfung soll der pflegliche Umgang mit den Ressourcen stehen, mit Wasser, Boden und Atmosphäre. Die Artenvielfalt soll ebenso bewahrt werden.