Psychiatrie Briefe aus dem Wolkenkuckucksheim

Mit der Diagnose "Manisch-Depressiv" landete unser Autor in der Psychiatrie. Hier versucht er, die Krankheit seinem kleinen Sohn zu erklären.

Mein lieber Matz,

nun bin ich schon eine Weile hier, und erst jetzt verstehe ich so langsam, was in den letzten Wochen und Monaten alles passiert ist und warum ich schließlich hier gelandet bin. Ja genau. Gelandet, wie ein Raumschiff. Zuerst ist es mir auch wirklich wie ein anderer Planet vorgekommen. Ich war ja so schnell in der letzten Zeit. Wie ein Raumschiff bin ich durchs Leben geflogen. So schnell, dass ich vieles gar nicht mehr sehen konnte. Ja, vor allem auch Dich. Das tut mir leid und war für Dich bestimmt sehr schwer. Damit ich wieder langsamer werden kann, brauche ich Hilfe von speziellen Ärzten, mit spezieller Medizin. Vielleicht hat Dir jemand gesagt: »Dein Papa ist in der Klapsmühle.« So hat man den Ort, wo ich gerade bin, früher tatsächlich genannt. Da kamen eben alle hin, die einen Klaps hatten. Früher sagte man auch Irrenhaus oder Irrenanstalt. Heute heißt das psychiatrische Klinik. Das kann man kaum aussprechen, und es klingt irgendwie unheimlich. Darum habe ich mir überlegt, vielleicht nenne ich es einfach Wolkenkuckucksheim. Was meinst Du?

Das Wort kommt aus einem Theaterstück, das ein alter Grieche vor langer Zeit geschrieben hat. Darin übernehmen die Vögel die Weltherrschaft und erbauen eine eigene Stadt im Himmel. Und die heißt Wolkenkuckucksheim. Das passt gut. Man sagt doch auch: Du hast einen Vogel! Oder: Du hast ’ne Meise! Siehst Du, und diese Spezialärzte hier, die nenne ich Meisendoktoren. Die sollen mir helfen, meine »Meise« einzufangen. Du fragst dich jetzt bestimmt, wie ich die Meise überhaupt bekommen habe. Wo ich doch Dich und Mami habe. Das ist nicht so leicht zu beantworten. Selbst ganz schlaue Forscher haben darauf noch keine Antwort gefunden. Einige sagen, es sei Vererbung. Das heißt, jemand in der Familie hat es schon gehabt, und so ist es immer ein bisschen weitergegeben worden.

Anzeige

Bei mir ist das die Familie von Omi Frauke. Sie hatte einen Onkel, der hieß auch Matz. Über den gibt es sehr lustige Geschichten. Und weil der mir durch diese Geschichten vertraut und lustig, aber auch unbegreiflich vorkam, wollte ich, dass Du seinen Namen trägst. Frag Omi mal danach. Eine Cousine von ihr, Tante Marion, die hat das auch. Und mein Cousin Georg in Amerika. Das, was wir haben, nennen die Ärzte nicht Meise, sondern: bipolar. Klingt nach Nordpol, finde ich. Polarforscher. So bin ich mir auch ein wenig vorgekommen. Ein Forscher, der die Pole auskundschaftet. Ich meine damit, die Endpunkte. Oben und unten. Da, wo es nicht mehr weitergeht.

Zum Nordpol muss man eine weite Strecke zurücklegen. Das habe ich auch getan. Ich bin zwar nicht an die Grenzen der Erde gestoßen, aber an meine Grenzen. Und an Mamis und Deine. Nur, dass ich das gar nicht gemerkt habe. So, wie wenn Du Geburtstag hast, und Du hast alle Deine Freunde zu Besuch, und es gibt den ganzen Tag nur Süßes, und abends siehst Du sogar noch einen Film. Dann willst Du unbedingt, dass es immer so weitergeht. Mehr Geschenke. Mehr Freunde. Mehr Süßes. Mehr Spaß. Und auf einmal werden die Freunde abgeholt, und Du kannst nicht verstehen, dass nun alles vorbei sein soll. So ein Gefühl hat man sonst nur, wenn man noch ein Kind ist. Wenn man älter wird, freut man sich zwar noch, aber es fühlt sich nicht mehr so stark an. Die Erwachsenen sagen, sie haben ihre Gefühle im Griff. Das stimmt. Im Würgegriff. Weil sie das so, wie die Kinder fühlen, gar nicht mehr aushalten würden. So. Und eines Tages vor vier Monaten, kurz nach Deinem Geburtstag, bin ich aufgewacht und habe wieder so starke Gefühle gehabt. Das hat sich erst mal toll angefühlt, wie ein Zaubertrank.

Ja, so war das. Ich muss jetzt Schluss machen. Es ist Zeit für die Medizin. Hier im Krankenhaus gibt es einen langen Flur, von dem gehen die Zimmer ab. Meistens Zweierzimmer. In der Mitte des Flurs gibt es ein Extra-Zimmer für die Ärzte und Pfleger und Schwestern. Um punkt acht Uhr abends gibt es für alle die Medizin. Da muss ich jetzt hin. Ich schreibe wieder. Versprochen.

Ich hab Dich lieb. Papa

Lieber Matz,

heute fällt mir alles schwer. Ich bin so unzufrieden. Möchte gar nicht hier sein. Alles nervt mich. Die anderen Patienten mit ihren Meisen. Die sind fast alle viel langsamer als ich. Und fühlen gar nichts mehr. Als wenn man den Stöpsel aus ihrem Herz herausgezogen hätte. Die hocken den ganzen Tag auf unserem Flur rum und warten. Warten auf die Visite, so heißt das, wenn die Ärzte morgens zur Kontrolle vorbeikommen. Dann wird der Blutdruck gemessen, kurz gefragt, ob es gerade Schmerzen oder Probleme gibt. Nein? Das ist ja prima. Dann gibt’s ja auch schon Mittagessen. Fraß, möchte ich sagen. Du weißt, wie gern ich koche. Bei mir ist immer alles frisch. Frisch kennen die hier gar nicht. Es gibt hier eine riesige Küchenstadt. Die wollte ich mir heute Vormittag mal genauer ansehen. Ich mache immer kleine Ausflüge. In den Park gehe ich am liebsten. Das ist erlaubt. Macht außer mir aber keiner. Wie gesagt, die anderen trauen sich nicht. Und kommen auch nicht auf die Idee.

Wenn ich irgendwohin gehe, muss ich das auf einer großen Tafel vor dem Schwesternzimmer aufschreiben. Am Anfang habe ich mich darüber geärgert. Da habe ich mich überhaupt über alles aufgeregt. Das ist aber auch die Meise. Die ist eben noch nicht eingefangen. So ähnlich hat es mir ein sehr netter Arzt erklärt. Jedenfalls war mir, als sei ich wie Du, wieder ein Kind, das um jede Kleinigkeit seine Eltern um Erlaubnis fragen muss. Das hat mich als Kind schon genervt. Und ich weiß, dass es Dich auch schon nervt.

Auf die Tafel geschrieben habe ich: »Herr S. geht jetzt auf dem Klinikgelände flanieren. Wenn er Glück hat, macht er dabei eine positive Entdeckung oder auch zwei. Er wird pünktlich zum Abendessen zurück sein.« Das Michdarüberlustigmachen hat mir immer schon über die Dinge hinweggeholfen, die ich eigentlich zum Weinen fand. Aber siehst Du. Ich komme immer vom Thema ab. Das gehört auch zu meiner Meise.

Leser-Kommentare
  1. vielen Dank für diesen schönen, persönlichen und sehr berührenden Artikel. Vielleicht schreiben Sie Kinderbücher? Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Ich wünsche Ihnen und Ihre Familie alles Gute.

  2. Ich bin sehr berührt von der Art und Weise, wie sie mit Ihrer Erkrankung umgehen. Zum ersten Mal habe ich verstanden, was diese tatsächlich ausmacht. Ihre Ehrlichkeit und Offenheit ist beeindruckend.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Kreativität auch weiterhib mit Erfolg ausleben können.

  3. Hallo Herr Schlösser,

    sehr guter Beitrag zur Entdämonisierung des seelischen Leidens.
    Weiter so!

    Danke und Grüße

    • alkyl
    • 09.09.2010 um 11:58 Uhr

    ja, ich muß schmunzeln, denn die Ergotherapie (Seidenschals et cetera) ist wahrhaftig ein Käse, dessen Sinn sich mir in der Klinik auch nicht recht erschließen wollte. Oldenburg und Schleswig sind in meinem Erleben Orte, die man allerdings schon gerne kennen darf. Aber davon abgesehen danke ich Ihnen sehr für diese Briefe, die ehrlich und wahr sind. Ich wünsche mir, daß ich auch meinen Kindern mal auf ähnlich angemessene Weise erzählen kann, was die zweipolige Krankheit mit mir angestellt hat, die leider, leider, leider bei mir erst deutlich später beim Namen genannt wurde.

  4. Ich bin auch manisch-depressiv und dieses Bedürfnis sich zu erklären, Ideen wie Profis/Amateure zu haben, die anderen Patienten so passiv zu finden, das kenne ich auch sehr gut. Auch wenn alles sehr liebevoll und offen formuliert ist, sollte man das so nur Erwachsenen gegenüber äußern. Ich war heilfroh, dass sein Sohn die Briefe noch nicht erhalten hat.

  5. Sebastian ist ja nicht der erste mit einer "Meise". Bei den alten Profis in den orientalischen Kulturen, den Yogis und Sufis, gibt es die Geschichte eines Vogels, der Milch von Wasser scheiden kann. Und eines anderen Vogels, der auf dem Baumwipfel sitzt und nichts isst, während ein zweiter unten das tut. Beide werden vom Jäger erschossen, weil der unten so laut ist. Und die lange Geschichte in Attars "Parlament der Vögel". Das muss man von der Gehirndynamik her verstehen, neurologisch-psychiatrisch-psychisch. Die haben auch viel spezielle Übungen aus der Urzeit gepflegt. Bis zu uns ist das nie wirklich durchgedrungen. Auch nicht zu unseren "Profis". Da sitzen die wirklichen Profis, die Chemiker der Medikamente, unbekannterweise in Labors.
    Die Annahme, dass das etwas gar zu grob ist für das, was die "Vögel" produziert, das Gehirn, hat sehr sehr viel für sich.
    Ist es doch das komlpexeseste Wunder der bekannten Natur.
    Sehr viele haben sehr schlechte Erfahrungen gemacht und bei einem knappen Drittel sind allein die Blutwege zu fein für die Medikamente.

  6. 7. Danke.

    Es tut gut, diesen Bericht zu lesen. Morgen werde ich meine ganz persönliche Theaterpremiere nach langer Zeit besuchen. Ich vermute, dass es auch nicht gerade angenehm wird...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service