Psychiatrie Briefe aus dem WolkenkuckucksheimSeite 5/5
Lieber Matz,
ich war für zwei Tage »draußen«. Ich hätte mir die Reise gern erspart. Es war schlimm. In Essen hatte eine Inszenierung Premiere, die am Anfang meine war, und sie haben mich eingeladen.
Mir war bei der Arbeit damals wieder nichts eingefallen. Ich war leer. Hohl. Alle. Kalt. Ich habe gar nichts gespürt. Außer Angst. Ich habe mich vor den Kollegen gefürchtet und hatte Angst vor ihren Fragen, weil ich doch wieder keine Antworten wusste. Stundenlang habe ich in meiner kleinen Gästewohnung in der Badewanne gehockt und mir heißes Wasser über den Körper laufen lassen. Bis die Haut aussah wie verschrumpeltes Obst.
Manchmal bin ich, weil ich nach einem tröstenden Ort suchte, in eine Kirche gegangen. Den Essener Dom. Der ist vom Theater nur ein paar Gehminuten entfernt. Da bin ich oft hin und habe mich ins Halbdunkel gesetzt. Das hat ein bisschen geholfen. Aber nur für kurze Zeit. Bis sie mir wieder gegenübersaßen. Mit den fragenden Gesichtern. Mit jedem Tag ärgerlicher. Die haben gedacht, ich mache mich über sie lustig.
Das ist schlimm für die Leute, wenn man seine Rolle nicht spielt. Nicht mehr mitmacht. Obwohl ich der Chef sein sollte, habe ich mich verhalten wie ein Anfänger. Eines Tages stand ich nach so einer schlimmen Probe in der Fußgängerzone und habe Deine Mami angerufen und gefragt, ob ich das machen kann. Abreisen. Abbrechen. Ob das geht. Ja, das geht. Da gehört auch Mut dazu, hat sie gesagt. Und ich war das erste Mal seit Wochen froh. Fast ein bisschen glücklich, obwohl ich wusste, dass das mein Ende im Theater war. Spätestens jetzt würde sich überall herumgesprochen haben, dass ich eine Meise habe. Aber ich habe vor allem gewusst, dass ich Hilfe brauche.
So, und nun war ich bei der Premiere. Wieder diese Gesichter. Diesmal mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis. Ich musste immer wieder die Kurzfassung der langen und schmerzhaften Meisengeschichte erzählen.
Mein neuer Arzt, Dr. P., passt jetzt auf mich auf. Er hat gesagt, es sei mutig von mir gewesen, dorthin zu fahren. Ich wäre lieber feige geblieben. Ich habe mich geschämt, und ich werde es nie vergessen. Und ich habe mir geschworen, dass es so weit nicht mehr kommt. Nie wieder. Von jetzt an werde ich doppelt aufpassen. Und Dr. P. passt auch auf. Er behandelt mich ab nächste Woche weiter. In seinem Treppenhaus riecht es wie in einer Kirche. Das finde ich ein gutes Zeichen.
Eine Woche noch. Bis gleich. Papa
Hey, Matz,
ich kann es gar nicht erwarten. Das ist für mich so aufregend wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten an einem Tag! Auf der Station herrscht schon seit Tagen Aufbruchstimmung. Jeden Tag ist jemand anderes verabschiedet worden. Wolfgang bleibt noch eine Woche, aber er kommt nächstes Jahr bestimmt wieder, sagt er. Ich hoffentlich nicht. Auch wenn sie am Ende alle sehr nett waren, ich möchte hier nicht wieder rein. Nicht weil es hier so schlimm ist (ich habe für Mami sogar einen Seidenschal angemalt!), sondern weil ich will, dass die Meise gefangen bleibt. Ich habe es geschafft. Dank des Lithiums, dank der Ärzte und Schwestern, dank Mami, dank der Omis und Onkels und Tanten, dank Darian und Peer, dank Wolfgang.
Aber das wäre alles nichts gewesen, wenn es Dich nicht gegeben hätte, mein lieber Matz. Der Gedanke an Dich hat mir immer wieder Kraft gegeben, wenn ich am liebsten aufgegeben hätte oder vor Traurigkeit verschwunden wäre. Tatsächlich warst Du in dieser schweren Zeit für mich, was ich sonst für Dich sein will. Die Orientierung in der Not. Dafür danke ich Dir. So. Jetzt möchte ich Dir erst mal keine Briefe mehr schreiben. Jetzt beginnt mein zweites Leben. Alles beim Alten. Alles neu.
Ich liebe Dich. Los geht’s. Papa
*Alle Namen geändert (außer dem des Verfassers)
- Datum 09.09.2010 - 10:07 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 09.09.2010 Nr. 37
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vielen Dank für diesen schönen, persönlichen und sehr berührenden Artikel. Vielleicht schreiben Sie Kinderbücher? Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Ich wünsche Ihnen und Ihre Familie alles Gute.
Ich bin sehr berührt von der Art und Weise, wie sie mit Ihrer Erkrankung umgehen. Zum ersten Mal habe ich verstanden, was diese tatsächlich ausmacht. Ihre Ehrlichkeit und Offenheit ist beeindruckend.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Kreativität auch weiterhib mit Erfolg ausleben können.
Hallo Herr Schlösser,
sehr guter Beitrag zur Entdämonisierung des seelischen Leidens.
Weiter so!
Danke und Grüße
ja, ich muß schmunzeln, denn die Ergotherapie (Seidenschals et cetera) ist wahrhaftig ein Käse, dessen Sinn sich mir in der Klinik auch nicht recht erschließen wollte. Oldenburg und Schleswig sind in meinem Erleben Orte, die man allerdings schon gerne kennen darf. Aber davon abgesehen danke ich Ihnen sehr für diese Briefe, die ehrlich und wahr sind. Ich wünsche mir, daß ich auch meinen Kindern mal auf ähnlich angemessene Weise erzählen kann, was die zweipolige Krankheit mit mir angestellt hat, die leider, leider, leider bei mir erst deutlich später beim Namen genannt wurde.
Ich bin auch manisch-depressiv und dieses Bedürfnis sich zu erklären, Ideen wie Profis/Amateure zu haben, die anderen Patienten so passiv zu finden, das kenne ich auch sehr gut. Auch wenn alles sehr liebevoll und offen formuliert ist, sollte man das so nur Erwachsenen gegenüber äußern. Ich war heilfroh, dass sein Sohn die Briefe noch nicht erhalten hat.
Sebastian ist ja nicht der erste mit einer "Meise". Bei den alten Profis in den orientalischen Kulturen, den Yogis und Sufis, gibt es die Geschichte eines Vogels, der Milch von Wasser scheiden kann. Und eines anderen Vogels, der auf dem Baumwipfel sitzt und nichts isst, während ein zweiter unten das tut. Beide werden vom Jäger erschossen, weil der unten so laut ist. Und die lange Geschichte in Attars "Parlament der Vögel". Das muss man von der Gehirndynamik her verstehen, neurologisch-psychiatrisch-psychisch. Die haben auch viel spezielle Übungen aus der Urzeit gepflegt. Bis zu uns ist das nie wirklich durchgedrungen. Auch nicht zu unseren "Profis". Da sitzen die wirklichen Profis, die Chemiker der Medikamente, unbekannterweise in Labors.
Die Annahme, dass das etwas gar zu grob ist für das, was die "Vögel" produziert, das Gehirn, hat sehr sehr viel für sich.
Ist es doch das komlpexeseste Wunder der bekannten Natur.
Sehr viele haben sehr schlechte Erfahrungen gemacht und bei einem knappen Drittel sind allein die Blutwege zu fein für die Medikamente.
Es tut gut, diesen Bericht zu lesen. Morgen werde ich meine ganz persönliche Theaterpremiere nach langer Zeit besuchen. Ich vermute, dass es auch nicht gerade angenehm wird...
Ich bin selber Tochter einer bipolaren Mutter.
Ich frage mich inzwischen, ob manche Erklärungen von psychisch kranken Eltern an ihre Kinder nicht vielleicht doch unnötig sind. Sind für Kinder nicht knappe, leicht verständlich aufbereitete Krankheitsbezogene Informationen nicht vielleicht besser, als den individuellen Krankheitsweg der Eltern? Denn egal wie alt wir sind, wir bleiben immer Kinder unserer Eltern, und manchmal sollten Kinder nicht alles über ihre Eltern wissen. In so einer Detailliertheit von der "Meise" erzählt zu bekommen macht kann ganz schön Angst machen. Auch jetzt noch (ich bin inzwischen 23) macht es mir manchmal Angst, wenn meine Mutter von ihren Gedanken/Gefühlen erzählt. Meine Mutter hat mir mal gesagt, mein Bruder und ich wären ihr Grund gewesen am Leben festzuhalten, sich in Therapie zu begeben, sich bessern zu wollen, genau wie im Artikel. Ich glaube kaum jemand kann verstehen, wie sehr das einen unter Druck setzt. Meine Mutter hat vor einiger Zeit dann doch vesucht, sich das Leben zu nehmen. Was denkt ein Kind dabei?
Jetzt reiche ich nicht mehr aus? Ich bin schuld? Ich muss auf mein Elternteil aufpassen! Ich hab Verantwortung!
Liebe Eltern, die eine psychische Störung habe, passt bitte auf, was ihr euren Kindern sagt! Sagt es bitte vorher Vertraute Erwachsene (z.B. Therapeut). Ich verstehe das Bedürfnis, sich erklären zu wollen, allerdings sollte gucken, ob man dem Kind damit wirklich hilft, oder nur sich selber? Manchmal verschlimmbessert man nur
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