Neue Ideen für die Kinder- und Jugendarbeit entwickeln
Die 15 Studenten aus Eduardos und Kathrins Semester kommen aus sechs verschiedenen Nationen, sind unter anderem Religionswissenschaftler, Pädagogen, Künstler und Ingenieure, manche haben keine Berufserfahrung, andere arbeiten schon seit Jahren. »Obwohl wir so verschieden sind, suchen wir alle Lösungen für dieselben Probleme«, sagt Eduardo, »das macht es so spannend.« Er, der ursprünglich vor allem Deutsch lernen wollte, um endlich Habermas im Original lesen zu können, versteht sich eher als der Theoretiker der Gruppe. Wenn er oder andere weniger praxiserprobte Kommilitonen mal wieder übersprühen vor Ideen, kommt manchmal der kritische Einspruch von Kathrin. Die 42-Jährige kennt die finanziellen und organisatorischen Einschränkungen, die im Berufsalltag auftreten, nur zu gut. »Manchmal fehlt sogar den Professoren der Blick für die Realitäten«, sagt sie.
Aus ihren Erfahrungen in der Heimerziehung und als Schulsozialarbeiterin weiß sie aber eben auch, dass viele Jugendliche durch die gängigen Einrichtungen nicht erreicht werden. Sie sieht die Zukunft in einer »aufsuchenden Jugendarbeit«, die raus aus der Schule und auf die Straße geht. Kathrin Römer ist davon so überzeugt, dass sie einige Belastungen für den Studiengang in Kauf nimmt: Jede Woche pendelt sie mit dem Zug vom Bodensee nach Heidelberg, um neben dem Studium weiterhin arbeiten zu können.
Ihr Auto teilt sie sich inzwischen mit jemand anderem – ein Kompromiss, den sie eingehen muss, um sich das Masterstudium leisten zu können. 1800 Euro kostet der Studiengang pro Semester. Für die meisten Studenten ist das nur schwer aufzubringen, und sie müssen nebenher arbeiten. Deswegen gefällt vielen von ihnen auch nicht, dass sie für die zweite Hälfte des Studiums nach Freiburg müssen und sie dadurch entweder einen Umzug und die erneute Suche nach einem Nebenjob oder teure Zugfahrten in Kauf nehmen müssen.
Eduardo hat sich dafür entschieden, das ganze Masterstudium in Heidelberg wohnen zu bleiben und zu pendeln. Im Moment versucht er, sich in Chile für ein Stipendium zu bewerben. Schließlich will er nach dem Master zurück nach Santiago gehen und dort eigene Projekte initiieren. Sein Traum ist, dafür mit dem Erziehungsministerium zusammenzuarbeiten, vielleicht eines Tages selbst Pädagogen speziell für die Situation der Straße auszubilden, um so möglichst viele Kinder und Jugendliche erreichen zu können.
Seit er in Heidelberg ist, beobachtet Eduardo nämlich etwas, das ihm Sorge bereitet: Die Jugendlichen, denen er abends in der Bahn begegnet, erscheinen ihm viel aggressiver als seine Landsleute – ein Eindruck, der sich für ihn auch bei seinem Praktikum mit schwer erziehbaren Kindern bestätigte. »Mit wachsendem Wohlstand scheinen Kinder und Jugendliche immer einsamer zu werden.« Gegen diese Form der Armut möchte er in Chile möglichst früh ankämpfen.
Für das kommende Wintersemester können sich Interessenten übrigens noch bis Ende September in Heidelberg bewerben .
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio
- Datum 09.09.2010 - 09:56 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Wer zahlt denn 1800€ pro Semester zzgl.Fahrtkosten (Heidelberg<-->Freiburg: 188km) für einen Studiengang , der zudem sicherlich keine großen Verdienstaussichten (außer fürs Karma) bietet?
Dazu sollte man wissen, dass die PH-Heidelberg massive Finanznöte hat.
(http://de.wikinews.org/wiki/Pädagogische_Hochschule_Heidelberg_verhängt_Haushaltssperre)
Wie kommt so ein Artikel zustande, der für einen meiner Meinung nach überteuerten Studiengang wirbt?
es gibt eben leute, denen der verdienst und materielle dinge nicht wichtig sind und die mit helfen glücklich werden.
es gibt ja zb. auch in england leute die kunst studieren, und dafür wesentlich mehr zahlen.
1800 p.S. sind für manche ein schnäppchen im vergleich zu studiengebühren in anderen ländern.
von daher ist überteuert relativ.
der studiengang ist so wohl einzigartig in D und ich finds als studentin interessant.
wäre ich finanziell abgesichert würde ich auch was soziales oder sprachen und kultur studieren. das sind die interessantesten fächer.
Mein Eindruck ist eher, dass man sich hier auf Kosten ausländischer Stipendiaten finanziell gesundstoßen möchte. Vielleicht auch als Rechtfertigung zum Erhalt einiger Dozentenstellen.
Dieser Studiengang ist aus der Not geboren, aber nicht der Not der Straßenkinder, sondern der Finanznot der PH.
Mit "Helfen glücklich werden" kann man viel effektiver mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Sozialbereich hierzulande und gleichzeitiger Spende von 4x1800=7200€.
Dass Fachleute für Straßenkinderpädagogik sehr wohl gebraucht werden und wo sie überall eingesetzt werden können, wird deutlich, wenn man sich damit befasst, was die Studenten tatsächlich machen.
Auf www.strassenkinder.de berichten unter anderem Studenten aus dem Studiengang in Heidelberg über ihre Praktikas etc in Straßenkinderprojekten. So z.B. aktuell ein Student, der für einige Monate in Sierra Leone in einem Straßenkinderheim tätig ist.
Reinschauen lohnt sich.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren