Um 17 Uhr, am Freitag, dem 10. September 2010, geschieht in der Strafanstalt Hindelbank Erstaunliches. Das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartment lädt zu einer Gedenkveranstaltung. Es geht um moralische Wiedergutmachung an Menschen, die einst »administrativ verwahrt« wurden. Um Opfer grausamer Behördenwillkür.

Gina war siebzehn, als sie am 13. März 1970 in einem kleinen Zimmer mit Lavabo erwachte. Vor den Fenstern Gitter, die Türe ohne Türklinke. Sie war eingesperrt. Einzelzelle. Mit Betäubungsmitteln war sie tags zuvor außer Gefecht gesetzt worden. Nun, wieder bei Bewusstsein, hämmerte sie gegen die Türe, schrie um Hilfe, vergeblich. »In Hindelbank kannst du so lange schreien und lärmen, wie du willst. Da kommt niemand«, sagt Gina Rubeli heute. Sie ist 57, die Haare rabenschwarz wie einst. »Ich dachte, jetzt bin ich eingeschlossen wie der Iwan Denissowitsch aus Solschenizyns Roman. Und niemand weiß, dass ich hier bin.«

Zwischen 1942 und 1981 konnten in der Schweiz 14- bis 18-jährige Jugendliche ohne Gerichtsverfahren und Anhörung auf unbestimmte Zeit hinter Gitter gesperrt werden. Ohne dass diese eine Straftat begangen hätten, zog die Vormundtschaftsbehörde mit dieser Zwangsmaßnahme Unliebsame aus dem Verkehr. Die Jugendlichen mussten bloß »negativ aufgefallen« sein, wegen eines «liederlichen« oder »unsittlichen« Lebenswandels, wegen «Vaganterei» oder weil man sie als «arbeitsscheu» einstufte. Auch Prostituierte und Drogensüchtige gerieten mit derselben Begründung in administrative Versorgung.

Aufgewachsen war Gina in Altstätten SG, einem kleinen, engen Ort, stockkatholisch. Sie liebte Janis Joplin mit ihrem aufwühlendem Blues. An Wochenenden schlich sie sich von zu Hause weg, per Autostopp ging’s mit ihrer Freundin nach St. Gallen ins Jugendtreff Africana. Musik, Leute, Gesellschaft, Diskussionen. Gina lauschte gespannt, wenn die Studenten über Literatur diskutierten. Sie merkte sich die Wörter, die sie nicht verstand, und schlug sie zu Hause im Lexikon nach.

Sie las Andersch, Zweig, Federspiel, Böll, Tolstoj und Dostojewski und wäre gerne Buchhändlerin geworden. Doch ihr Vater wollte kein Geld für eine Ausbildung vergeuden. So was lohne sich nicht: »Du heiratest später sowieso.« Wenn sie vom Ausgang nach Hause kam, schlug die Mutter mit dem Elektrokabel zu. Irgendwann eskalierte die Situation. Ihre Mutter suchte Rat auf der Gemeinde. Gina erhielt einen Beistand. Der verfügte: ab ins Heim. Als sie abhaute, steckte man sie ins Kloster Fribourg, sie schluckte in ihrer Verzweiflung eine Schachtel Tabletten, fiel ins Koma und landete in der Psychiatrie Wil.

Und schließlich in Hindelbank. Denn Hindelbank war sowohl Straf- als auch Erziehungsanstalt. Obwohl von Erziehung jede Spur fehlte. Ausbeuterische Arbeitserziehung hingegen gab es mehr als genug, in der Wäscherei wurde für die Männeranstalten des Kantons Bern und das Inselspital gewaschen. Die internierten Teenager mussten die gleichen Arbeiten verrichten wie die straffälligen Frauen.

Nur der Kanton Bern weiß noch, wieviele Kinder er damals einsperrte

Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Tausende Menschen hierzulande ohne Straftat weggesperrt worden sind. Viele Schicksale sind in Archiven begraben, zahllose Akten wurden vernichtet. Nur aus dem Kanton Bern weiß man: Von 1952 bis 1981 wurden 2700 Menschen »administrativ versorgt«. 

»Mir ging es ja noch gut«, sagt Gina heute. Was natürlich nicht stimmt. Aber sie meint damit, dass sie eine der wenigen war, die draußen wenigstens eine Familie hatten, eine Mutter, die versuchte zu helfen. Als diese realisiert hatte, dass ihr Kind nicht in einer Erziehungsanstalt, sondern im Knast untergebracht war, setzte sie alles daran, ihre Tochter wieder rauszuholen. Erfolglos. Sie konnte weder ihre Zustimmung rückgängig machen, noch die Verlegung in eine andere Institution bewirken.