Kalter Krieg Schlug er zu?
Chruschtschows Schuh-Auftritt vor 50 Jahren in der Vollversammlung der UN ist eine der beliebtesten Geschichten aus dem Kalten Krieg. Doch was an ihr stimmt wirklich?
© Hulton Archive/Getty Images

Der damalige Kremlchef Nikita Chruschtschow bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung 1960
Hat er oder hat er nicht? Zog der Kremlchef Nikita Chruschtschow im Oktober 1960 vor der UN-Vollversammlung tatsächlich einen Schuh aus und schlug damit wutentbrannt auf das Rednerpult ein? Immer wieder wurde die Szene kolportiert, viele sehen sie geradezu vor sich. Chruschtschow mit seiner diplomatischen Schuh-Note gehört zu jenen Bildern, in denen sich der Kalte Krieg, der die Welt von 1945 bis 1989 in Atem hielt, symbolisch verdichtet hat.
Doch seltsam: Von dieser Szene existiert keine Filmaufnahme und nur ein rätselhaftes Foto. Dafür gibt es umso mehr widersprüchliche Aussagen.
Zunächst die Fakten: Chruschtschow hielt sich im Herbst 1960 etwa einen Monat lang in New York auf und besuchte regelmäßig die Vollversammlung der UN. Seine Auftritte und Reden waren bizarr: Der Mann aus der Ukraine, der 1955 den Kampf um die Nachfolge Stalins gewonnen hatte und seither an der Spitze der Sowjetunion stand, gab den Berserker. Er polterte, schrie, fluchte und pöbelte. Bei fast jeder seiner Reden hob er drohend die Fäuste.
Chruschtschow wollte demonstrieren, dass er die Vereinten Nationen nur für eine nutzlose, von den kapitalistischen Ländern dominierte Quatschbude hielt. Höhepunkt war der Auftritt am 12. Oktober 1960, einen Tag vor seiner Abreise. Als der philippinische Delegierte Lorenzo Sumulong die Sowjetunion beschuldigte, die Völker Osteuropas zu unterdrücken, rastete Chruschtschow erneut aus. Er schwang die Fäuste, eilte zum Rednerpult, gestikulierte auch dort mit den Fäusten und beschimpfte den Diplomaten als »Lakaien des Imperialismus«.
Da muss es passiert sein. Irgendetwas muss mit seinem Schuh gewesen sein. Mit seinem rechten, um genau zu sein. Tags darauf schreiben nämlich die Reporter der New York Times und der Washington Post unisono, Chruschtschow habe seinen Schuh als Schlagwerkzeug benutzt.
Doch wie und wo? Das Protokoll vermerkt die Szene nicht. Der amerikanische Historiker William Taubman, der den dramatischen Auftritt vierzig Jahre später für seine große Chruschtschow-Biografie recherchierte, musste feststellen, dass die Berichte seltsam weit auseinandergehen. Mal sollen es Slipper gewesen sein, dann wieder Sandalen, Letztere von hellbrauner Farbe. Vor allem aber: Der Kraftakt habe sich gar nicht am Rednerpult, sondern am Sitzplatz im Plenum zugetragen. Hier glaubt ein Zeuge bemerkt zu haben, wie Chruschtschow den rechten Schuh abstreifte und damit auf den Tisch vor ihm einhämmerte; es habe rhythmisch geklackt, »wie ein Metronom«. Andere wollten wissen, dass er einen Schuh ausgezogen und ihn von seinem Platz aus drohend geschwenkt habe. Dritte versicherten, er habe den rechten Schuh genommen und ihn nur vor sich auf den Tisch gelegt.
Eine Saalbedienstete gab an, ein Journalist sei Chruschtschow aus Versehen in die Hacken getreten, der Schuh sei ihm von der Ferse gerutscht, woraufhin sie das gute Stück aufgehoben und es, in eine Serviette gehüllt, dem Generalsekretär überreicht habe. »Und dann«, berichtete die Dame, »schlug er damit zu.«
- Datum 10.09.2010 - 16:09 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
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... soweit ich mich erinnere 'kollektives Gedächtnis' oder so ähnlich genannt. Wir erinnern uns alle an Dinge, die wir garnicht gesehen haben. Teilweise sind sie geschehen. Teilweise nicht.
Ich weiss aus Gesprächen mit meinen Geschwistern, dass ich mich z.B. an insgesamt 2 Dingen aus meiner Kindheit erinnern kann, obwohl ich garnicht dabei war. Wobei diese in meinem Fall tatsächlich so geschehen sind. Bei einem war ich noch garnicht geboren.
Ob jetzt Nikita tatsächlich mit seinem Schuh, einem anderen Schuh, oder Fotomontage, ist letzten Endes eigentlich ziemlich egal, da es sich um eine zeitlose Geschichte handelt, die man/frau wahrscheinlich auch in 100 Jahren noch seinen/ihren Kindern erzählen wird.
Vor 10 Jahren, zum vermeindlichen 40 jährigen Jubiläum der Szene, hat der New Statesman einen Artikel von Chruschtschows Tochter gedruckt, die versuchte herauszufinden, ob sie wirklich passiert sei.
Bilder oder Aufnahmen davon gibt es wohl nicht, allerdings soll die Version in der Familie Chruschtschow wohl die sein, dass er beim mit den Fäusten trommeln seine Uhr verlor, die aufgehoben hat, dabei den Schuh sah und die Gelegenheit nutzte.
Der Artikel ist der hier:
http://www.newstatesman.c...
Hier ist zu lesen, Chruschtschow stamme aus der Ukraine. In dem Artikel "Die Wahrheit über den Genossen Stalin" von Wolfgang Zank steht dagegen, Chruschtscho käme aus dem "südrussischen Dorf Kalinowka" (sei aber später Parteichef in der Ukraine geworden).
Was denn nun?
Denn zumindest alle Orte diesen Namens, die Google Earth kennt, befinden sich alle in der Ukraine. Und das ist nicht Südrussland, auch wenn einige Leute da drüben das gern so hätten.
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