Bankenregulierung Showdown in Basel

Deutschland dringt auf eine Lockerung der neuen Eigenkapitalregeln für die Banken. Knickt die Regierung vor der Finanzlobby ein?

Bankentürme in Frankfurt am Main: Symbol für die Macht der Finanzindustrie

Bankentürme in Frankfurt am Main: Symbol für die Macht der Finanzindustrie

Es sind nur ein paar Zahlen, aber die haben es in sich. »Vorschlag für die Kalibrierung des Kapitalrahmens« ist das streng geheime Papier überschrieben, über das der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht am vergangenen Dienstag entscheiden musste. Was die Finanzaufseher aus 27 Ländern da vor sich hatten, ist das Grundgesetz der Finanzbranche: die Eigenkapitalregeln für die Banken.

Ein neues »regulatorisches System« hatten die Staats- und Regierungschefs der G20 vor einem knappen Jahr auf ihrem Gipfel in Pittsburgh beschlossen – und ihren Fachleuten den Auftrag erteilt, die Aufsichtsbehörden umzubauen und die Kapitalvorschriften zu verschärfen. Diese Woche brachte die EU eine gemeinsame europäische Aufsichtsbehörde auf den Weg. Auf dem nächsten G-20-Gipfel in Seoul soll auch die Reform der Eigenkapitalnormen beschlossen werden.

Anzeige

Doch noch wird erbittert um die Details gerungen. Denn von ihnen hängt nicht nur ab, wie stabil das Finanzsystem wirklich sein wird, sondern auch, wer im internationalen Kreditgeschäft künftig das Sagen hat.

Jede Bank benötigt für ihren Betrieb eigenes Kapital. So ist es praktisch überall auf der Welt vorgeschrieben. Je riskanter die Geschäfte und je umfangreicher die Bilanz, desto mehr davon. Eigenkapital bietet Schutz in schlechten Zeiten. Wenn ein Kredit nicht zurückbezahlt wird, kann die Bank mit ihrem eigenen Kapital den Schaden tragen – statt die Einlagen der Kunden oder Steuergelder einsetzen zu müssen. Eigenkapital begrenzt aber auch das Geschäftsvolumen, weil eine Bank keine neuen Kredite mehr vergeben darf, wenn ihr Kapital knapp wird.

In der Krise hatten sich die Kapitalvorräte der Banken indes als unzureichend erwiesen. Im Prinzip sind sich in Basel deshalb alle einig, dass sie größer sein sollen. Die Frage, über die in Basel heftig gestritten wurde: Wie viel größer?

Bislang liegt die absolute Untergrenze für das sogenannte Kernkapital bei vier Prozent des nach Risiken gewichteten Geschäftsvolumens. In der Vorlage für den Basler Ausschuss wird nun vorgeschlagen, diese Quote auf sechs Prozent anzuheben. Dazu kommt ein Sicherheitsaufschlag von drei Prozentpunkten, bei dessen Unterschreitung die Aufsicht in das Geschäft der Bank eingreifen und zum Beispiel Dividendenzahlungen verbieten kann. Obendrein können die Behörden in Boomzeiten noch einmal bis zu drei Punkte mehr Kapital verlangen, um Kreditexzesse einzudämmen. Macht insgesamt 12 Prozent. Schon 2013 sollen die sechs Prozent eingeführt werden, der Sicherheitsaufschlag folgt schrittweise von 2014 an.

Zu viel sei das, sagt die Finanzindustrie. Der Bundesverband deutscher Banken warnt, dass die zehn größten deutschen Institute über 100 Milliarden an Kapital aufnehmen müssten. Der Sparkassenverband rechnet damit, dass seine Mitglieder das Kreditangebot um 200 Milliarden Euro verknappen müssen. Betroffen wären »vor allem mittelständische Unternehmen«. Der Bundesverband Öffentlicher Banken – der die Landesbanken vertritt – hat gar den Finanzausschuss des Bundestags »um Unterstützung« gebeten, »damit die deutsche Verhandlungsdelegation in Basel mit einem robusten politischen Mandat ausgestattet wird«.

Es ist gängige Praxis der Finanzlobby, mit Untergangsszenarien strengere Regeln verhindern zu wollen. Nach einer Modellrechnung des Internationalen Bankenverbands IIF würden die neuen Vorschriften die Wirtschaftleistung in Europa, den USA und Japan bis 2015 um drei Prozent drücken – zum Beispiel weil die Institute die Kosten für das zusätzliche Kapital an die Kreditkunden weiterreichen und sich Ausleihungen damit verteuern.

Leser-Kommentare
  1. Wenn wir genauer hinschauen, merken wir doch:

    1.) Der deutsche Staat ist über die Landesbanken selbst einer der größten Banker. Ihre "Finanzlobby" ("Der Bundesverband Öffentlicher Banken") ist doch beinahe "der Staat" selbst. Das Bild von Wirtschaftslobby und Staat taugt hier wenig.
    Ein Staat der Banker ist, handelt im eigenen Interesse, wenn er Überregulierung verhindert. Das nennt man Interessenskonflikt, nicht Lobby.

    2.) Es ist eben nicht nur eine Frage der Bankgewinne. Die Basel accords haben schon immer den Blutkreislauf der deutschen Wirtschaft (Kreditversorgung) betroffen. Es gibt in einer Gesellschaft einen Trade-off zwischen Risikobereitschaft und Wohlstand.
    Wenn Basel III zu streng wird, dann kostet das Arbeitsplätze. Jede Verschärfung kostet Arbeitsplätze, aber man muss sich fragen, bis zu welchem Punkt das unter Stabilitätsgesichtspunkten Sinn macht.

    Das ist kein Untergangsszenario, sondern ein Konflikt, den diese Gesellschaft ausdiskutieren muss. Dass Sie hier wieder Lobbyängste schüren hilft der Debatte nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 08.09.2010 um 16:10 Uhr

    ....dass es gerade die öffentlichen Banken sind, die wenig EK haben und gerade die amerikanischen, deren Kapitalausstattung höher war. Hieraus erklärt sich nicht, wieso die Amerikaner bremsen sollten. Das geht im Artikel nicht auf.

    • joG
    • 08.09.2010 um 16:10 Uhr

    ....dass es gerade die öffentlichen Banken sind, die wenig EK haben und gerade die amerikanischen, deren Kapitalausstattung höher war. Hieraus erklärt sich nicht, wieso die Amerikaner bremsen sollten. Das geht im Artikel nicht auf.

    • M.M.
    • 08.09.2010 um 15:05 Uhr

    Glaubt irgendjemand hier, dass die Regierung NICHT vor der Finanzlobby einknickt ????

    • Ploetz
    • 08.09.2010 um 15:18 Uhr

    Geld ist kein Mittel zum Glück - sondern ein nicht mehr notwendiges Mittel, welches ursprünglich zur Verteilung nur ungenügend zur Verfügung stehender Nahrungsmittel und anderer Waren diente.
    Heute ist die Versorgung aller Menschen auch ohne Geld möglich - sogar besser. Denn die Ziele wären ohne universelle Tauschmittel folgende: Existenzsicherung und Weiterentwicklung aller Menschen auf jedwedem Bereich des Lebens.
    Durch globalisierte Transportwege und Technologie ist es nicht mehr notwendig, Waren durch Geld zu verteilen - es ist von allem genügend da.
    Wenn jeder arbeitsfähige, erwachsene Mensch etwa vier Stunden am Tag in einem Bereich für diese Versorgung arbeiten würde, der seinen Fähigkeiten entspräche, wäre auch der Begriff "Arbeit" nicht mehr der von heute. Die Möglichkeiten zur reinen Nutzung seiner Fähigkeiten auf Basis der Ziele "Existenzsicherung und Weiterentwicklung aller" würde dazu führen, dass aus Arbeit quasi Hobbies würden.
    Jeder Mensch arbeitete direkt für andere und nicht für indirekte, faktisch gesehen wertlose Tauschmittel. Diebstahl wäre nicht mehr notwendig, Waffengewalt eingeschränkt, Hunger und Krankheiten stark reduziert.
    Der Mensch muss durch das Vergessen des Geldes versuchen, seine Existenz zu sichern und seine Weiterentwicklung (technologisch, kulturell, intellektuell) voran zu treiben.

  2. Also wenn ich das richtig verstehe reicht es nach dieser Rechnung, wenn ich 40 Euro habe, damit ich 1000 Euro verleihen kann - wo genau besteht der Unterschied, wenn ich dann 60 Euro haben muss, um diese 1000 Euro - die ich eigentlich gar nicht habe - verleihen zu dürfen?
    Wirklich sicher wäre eine Eigenkapitalquote von 50% x, aber ich rechne ja noch wie ein Milchmädchen, richtig?
    Nach wie vor ist die Bankenbranche - nach dem Stromsektor - die zweite Lizenz zum Gelddrucken.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 08.09.2010 um 16:05 Uhr

    ...Kredite für 1000 Euro auslegen können, so ist das das 25 Fache des EK. Wenn Sie mit 60 Euro 1000 auslegen können, so sind das das 16,6666 Fache. So können Sie bei gleicher Kapital nur noch 666,6666 Euro Kredite vergeben. Nach einer Regeländerung stünden also zunächst weniger Kredite für die Wirtschaft zur Verfügung.

    Eine Folge könnte sein, dass Mitarbeiter entlassen werden, die früher die weggefallenen Kredite bearbeiteten und die Arbeiter entlassen werden, für die keine Maschinen mit den weggefallenen Krediten gekauft werden können. Es gibt dann natürlich weitere Anpassungsprozesse.

    • joG
    • 08.09.2010 um 16:05 Uhr

    ...Kredite für 1000 Euro auslegen können, so ist das das 25 Fache des EK. Wenn Sie mit 60 Euro 1000 auslegen können, so sind das das 16,6666 Fache. So können Sie bei gleicher Kapital nur noch 666,6666 Euro Kredite vergeben. Nach einer Regeländerung stünden also zunächst weniger Kredite für die Wirtschaft zur Verfügung.

    Eine Folge könnte sein, dass Mitarbeiter entlassen werden, die früher die weggefallenen Kredite bearbeiteten und die Arbeiter entlassen werden, für die keine Maschinen mit den weggefallenen Krediten gekauft werden können. Es gibt dann natürlich weitere Anpassungsprozesse.

  3. "Bislang liegt die absolute Untergrenze für das sogenannte Kernkapital bei vier Prozent des nach Risiken gewichteten Geschäftsvolumens. In der Vorlage für den Basler Ausschuss wird nun vorgeschlagen, diese Quote auf sechs Prozent anzuheben

    Heißt das, daß bei Übernahmen oder großen Geschäften von Banken bspw bei einer Summe von 100 Mio früher 4 Mio Eigenkabital (=Kernkapital??) benötigt wurde und jetzt dann evtl 6 oder 12 Mio, um das Geschäft abwickeln zu können??

    Danke für die Antwort!

    • joG
    • 08.09.2010 um 15:39 Uhr

    " Die Amerikaner belasten nur die großen Institute und haben noch nicht einmal die jüngste Revision der Regeln voll umgesetzt."
    sollte man beachten, das die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung amerikanischer Banken vor der Krise höher war und nur gut höher ist, als die deutscher Banken. Das ist zwar jetzt nicht wichtig, sollte aber erwähnt werden, weil sonst Ressentiments scheinbar bestätigt werden.

    • joG
    • 08.09.2010 um 15:41 Uhr

    ...." Statt die Kapitalquoten pauschal zu erhöhen, hätten einige in Deutschland lieber gezielt die Anforderungen für riskante Geschäfte erhöht, um diese Transaktionen damit unattraktiver zu machen."
    sollte man hinzufügen, dass riskanter erachtete Geschäfte gewichtet werden und daher die pauschale Aussage wenig Inhaltskraft hat.

  4. Hmm ... mal sehen.
    Ist die Regierung vor der Atomlobby eingeknickt? Ist die Regierung vor der Pharmalobby eingeknickt? Ist die Regierung vor der Lobby der Hoteliers eingeknickt? Ist die Regierung vor der Lobby der Besserverdiener eingeknickt? Ist der Papst katholisch?

    Wir alle wissen, was wir zu erwarten haben in dieser Bananenrepublik.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service