Tauchen in Niedersachsen Tief in der Kreide

Autowracks, ein Riesentrichter und die schöne Lilly: Im Kreidesee von Hemmoor erwartet Taucher eine versunkene Industrielandschaft.

Die frühe Sonne taucht den Kreidesee von Hemmoor in ein warmes Licht. Das satte Grün alter Bäume umrahmt eine noch schlafende Welt, nur ein paar Stockenten ziehen durchs spiegelglatte Blau. Mit Mühle und Kirchturmspitze will das Panorama so gar nicht in mein Bild vom unscheinbaren Elbe-Weser-Dreieck passen. Aber was haben die Notruftelefone da am Ufer zu bedeuten? Und was hat es mit der merkwürdigen Straße auf sich, die am See beginnt und dann darin verschwindet? Eine glitschige Buckelpiste, auf der weder Auto noch Fahrrad fährt und kein Mensch flaniert. Nirgendwo ist sie verzeichnet, nicht einmal Google kennt sie. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Straße zu erobern: Man muss über ihr schweben, nachdem man sich in eine Taucherausrüstung gezwängt hat. Am Ende wartet ein besonderes Ziel: der Rüttler. Eine versunkene Industrieruine, wie es sie kein zweites Mal auf der Welt gibt.

Schweigend legen wir unsere Ausrüstung an. Michael Deckert, 47, wird heute mein Partner, mein Buddy, sein. Er ist Instructor in der Dive Station Hemmoor, kennt Baggersee und Rüttler in- und auswendig. Taucher duzen sich. Schon schleppen welche schweres Gerät an, und es ist vorbei mit der Ruhe. Zwei nichttauchende Ehefrauen schauen Stephan Gildehaus über die Schulter. Er ist für die neueste Attraktion, das Mini-U-Boot, zuständig, macht die Kreidesee Eurosub startklar und wird die Damen gleich mit auf Tauchfahrt nehmen.

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Wir haben uns für die härtere Variante entschieden, wollen hinein in die Ruine. Das kann das UBoot nicht. Schnurgerade, leicht abfallend führt unsere Straße in den Baggersee. Mit jedem Schritt scheint unser 45 Kilogramm schweres Equipment an Gewicht zu verlieren. Ein letztes »Okay«, schon schweben wir. Feinstes Sediment hat sich wie eine ockerfarbene Decke auf das Pflaster gelegt. Aber die Bordsteine geben uns Führung. Rechts des Weges erhebt sich eine Böschung mit blattlosen Büschen. Längst haben grünlich-gelbe Algen das schlanke Geäst besiedelt. Wir machen einen Schlenker nach links zu den beiden Ausbildungsplattformen in drei und sechs Meter Tiefe. Später am Tag wird hier richtig Betrieb herrschen. Im Flachwasserbereich bietet der Kreidesee gute Bedingungen für Anfänger.

Bei exakt 6,8 Metern sehe ich für einen Augenblick nur Nebelschwaden, als ich das nur wenige Zentimeter starke Metalimnion durchstoße, besser als Sprungschicht bekannt. In diesem Bereich fällt die Temperatur schlagartig von 22 auf 17 Grad und löst ein weißes Flackern aus – ein für stehende und tiefe Süßwasserseen typisches Naturphänomen. In der kälteren Wasserschicht wird die Sicht deutlich besser: gut zehn Meter, wie in tropischen Ozeanen. Das Thermometer fällt weiter. Die Büsche rechter Hand der Straße sind einem kahlen Wald gewichen. Gespenstisch und unwirklich sieht der aus. Kapitale Barsche und Saiblinge ziehen durchs Gehölz. Wir tauchen durch eine stille Welt. Faszinierend schön und fremd zugleich. Dabei ist es ein von Menschenhand geschaffenes Refugium.

Bis 1976 wurde aus der Hemmoorer Grube Kalk gefördert, den man zum »Portland-Cement – Beste Qualität – Hemmoor« verarbeitete. Mit Ölpapier ausgeschlagen waren die Holzfässer aus der betriebseignen Böttcherei, in denen er zur nahen Oste gekarrt und von dort verschifft wurde. Über die Elbe und den Hamburger Hafen gelangte er in die ganze Welt. Die Röhren des alten Elbtunnels, Getreidesilos im brasilianischen Bahia, deutsche Kolonialarchitektur in Kamerun, Mietskasernen in Hongkong, ja sogar der Sockel der New Yorker Freiheitsstatue – all das ist aus Portland-Cement gebaut. Als die Produktion nicht mehr lohnte, demontierte man auch die Pumpen. Damit endete eine mehr als hundertjährige Industriegeschichte, die 1866 mit der Gründung einer kleinen Fabrik begonnen hatte. Innerhalb der nächsten vier Jahre füllte sich das 1300 Meter lange, 700 Meter breite und 60 Meter tiefe Baggerloch mit Grund-, Quell- und Regenwasser.

Wir gleiten weiter in tiefere Gefilde, vorbei an einer Segeljolle. Aufgetakelt liegt sie bei zehn Metern auf Grund. Die Tauchbasis Kreidesee hat sie versenkt wie andere Artefakte auch. Wohnwagen und Autos in unterschiedlichen Tiefen gehören dazu, selbst ein Sportflugzeug. So soll der Baggersee Taucher aller Qualifikationen anziehen – vom unerfahrenen Bubble Maker bis zum hochgerüsteten Tec Diver. Die Rechnung von Holger Schmoldt, Betreiber der Basis und Pächter des Sees, ging auf. Aus der Kreidegrube von anno dazumal ist eine Goldgrube geworden. Das Geschäft brummt 365 Tage im Jahr.

Zwischen zehn und zwölf Metern fällt die Temperatur abermals rapide. Unangenehme neun Grad misst mein Computer am Handgelenk. Bei 15 Metern hört der Algenbewuchs auf, es wird dunkler, kein Fisch weit und breit. In den Lichtkegeln unserer Xenonlampen erscheinen die Umrisse eines alten Andreaskreuzes. Jetzt können es nur noch ein paar Flossenschläge bis zum Ziel sein. Dann endlich: Vor uns zeichnet sich ein gewaltiges schwarzes Rechteck verschwommen gegen dunkles Grün ab. Die Natur kennt keinen Kubismus. Das muss er sein, der Rüttler. Vor uns am Steilhang thront der Betonkoloss von der Größe eines Luftschutzbunkers. Vollbeladene Laster fuhren einst aufs Dach und kippten ihr Kalkgestein über eine trichterförmige Stahlschütte in den Bauch der riesigen Maschine. Die tonnenschwere Fracht landete auf einem beweglichen Rost, der das Geröll heftig durchrüttelte. Während die Flintsteine im Gitter hängen blieben und später für den Straßenbau aufbereitet wurden, rieselte der kostbare Kalk in den Keller.

Leser-Kommentare
  1. Die unterseeischen Stufen vor den japanischen Yonaguni-Inseln, zum Beispiel.

    Obwohl es nach anderen Berichten Atlanter waren. Oder auch Außerirdische. Wenn sie noch Zeit hatten zwischen all den Kornkreisen...

  2. Nichts für Ungut aber ich halte es trotz bester Begleitung unverantwortlich von dem Tauchführer einen kompletten Neuling beim Tauchen mit auf 32 Meter (maximale Tiefe beim normalen Sporttauchen beträgt für Erfahrene Taucher 40 Meter!) zu nehmen, erst recht nicht in den in Taucherkreisen als extrem gefährlich bekannten Hemmoor (ich habe bereits von einigen Tauchunfällen mit tödlichem Ausgang gehört).
    Ich finde es schön in der Zeit einen Artikel über das Tauchen zu lesen aber bitte nicht über solche waghalsigen Aktionen!

    • mcjr
    • 21.09.2010 um 4:29 Uhr

    Ich stimme Ihnen zu - schoen hier etwas ueber das Tauchen zu lesen! Der Artikel ist zudem sehr gut geschrieben und die Atmosphaere kommt super rueber.

    Der Tauchgang kommt mir auch eher waghalsig vor - aber wenn der Autor sehr viel Erfahrung in kalten Seen hat ist es vielleicht ok. Trotzdem waeren ein paar flachere Tauchgaenge im selben See zur Vorbereitung und Risikominimierung wahrscheinlich eine gute Idee gewesen.

  3. Es ist eine angenehme Abwechslung, Tauchen mal nicht nur mit in Verbindung zu sehen, sondern auch mit Unterwasserlandschaften, die eher Berufstaucher als Freizeit-Tauchsportler zu sehen bekommen.

    Es müssen nicht immer die Malediven-Atolle sein ;)

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