ZEITmagazin: Herr Goetz, in dieser Woche erscheint Ihr Buch »elfter September 2010 – Bilder eines Jahrzehnts«. Wie kamen Sie darauf, erstmals einen Bildband zu veröffentlichen?

Rainald Goetz: Auf Anregung meines Lektors Hans-Ulrich Müller-Schwefe, der bei Suhrkamp mein Lektor von Anfang an war. Er hatte die Idee mit einem Projekt, und dann haben wir zusammen überlegt, was ich machen könnte. Ein Ausgangspunkt war das loslabern-ZEITmagazin , das wir letztes Jahr hier gemacht haben. Da waren ein paar Fragen offengeblieben.

ZEITmagazin: Darin haben Ihre Fotos bereits eine große Rolle gespielt. Ist es eigentlich für Sie leichter, mit Bildern zu erzählen als mit Worten?

Rainald Goetz: Nein, es ist viel emotionaler, aufwühlender.

ZEITmagazin: In dem Buch ziehen Sie eine Bilanz des gerade zu Ende gehenden Jahrzehnts. Wie war es für Sie?

Rainald Goetz: Das weiß ich nicht. Ich habe das Buch gemacht, um es herauszufinden. Ich hatte die Jahre in der Zeit selbst als extrem düster empfunden, ein Finsternisexzess. Aber auf den Fotos ist das so direkt gar nicht drauf, das hat mich verwundert. Der springende Punkt bei der Konzeption des Buches war: totale Konzentration auf die Bilder, schwarz-weiß, ein Layout, das durch seine Ruhe starke Effekte ermöglicht, darunter knappe, öffnende Bildunterschriften. Das führte jetzt zu diesem Buch: Man nimmt es in die Hand, blättert ein bisschen darin und hat es sofort intuitiv erfasst, hat es drin. Andererseits kann man auch richtig einsteigen und sich sehr darin vertiefen. Eine weiterer Punkt war: Suhrkamp, mein Verlag, ist in diesem Frühjahr von Frankfurt nach Berlin gezogen, da wollte ich darauf reagieren.

ZEITmagazin: Wie fanden Sie den Umzug?

Rainald Goetz: Erst war ich entsetzt, ich lebe ja in Berlin. Ich hatte das Gefühl, die Eltern ziehen in die Stadt, in der man wohnt. Als ich das der Verlegerin mal gesagt habe, war sie gleich ganz beleidigt.

ZEITmagazin: Sie ist nur wenige Jahre älter als Sie.

Rainald Goetz: (lacht) Genau. Aber dann sagten meine Lektoren, sie freuten sich auf den Umzug, und von dem Moment an habe ich mich auch gefreut. Dann gab es diese Einweihungsfeier in Berlin, an diesem strahlenden Wintersonnentag, im neuen Verlagshaus in der Pappelallee, wo ich so glücklich war und dachte: Hier kann jetzt wirklich etwas losgehen. Das spiegelt das Buch auch ab, dieses Gefühl. Ich war jetzt praktisch jeden zweiten Tag dort im Verlag, um das Layout zu machen, neue Bilder abzuliefern, am Computer von Frau Knapitsch, meiner Herstellerin, mit der ich schon die Heute-Morgen- Bücher vor Jahren gemacht habe, ist das Buch konkret entstanden. Das wäre gar nicht gegangen, wenn der Verlag noch in Frankfurt wäre.

ZEITmagazin: Sie fotografieren viel, und das schon seit Jahren. Woher kommt diese Leidenschaft? Von Ihrer Mutter? Sie ist Fotografin.

Rainald Goetz: Ja, ich bin von frühester Kindheit an mit diesem ganzen Dunkelkammer-Gewese aufgewachsen und habe das als etwas Faszinierendes, Schönes erlebt. Ich habe immer viel geknipst und damit seit Ende der neunziger Jahre so extrem Gas gegeben, dass das Material gar nicht mehr zu verwalten war.

ZEITmagazin: Sie müssen ein riesiges Archiv besitzen.

Rainald Goetz: Unfassbar groß, ja, aber von Archiv kann man nicht reden, es gibt keine Ordnung, es liegt alles irgendwie herum. Für dieses Buch habe ich viele Tausend Bilder gesichtet und wieder weitere neue Billy-Regale gekauft, um das endlich mal zugänglich ablegen zu können, ein ziemlicher Irrsinn. Jahrelang habe ich jedes Motiv in Serie fotografiert, das hat die Volumina des Ganzen zusätzlich absurd aufgebläht.