ZEITmagazin: Herr Schlösser, Ihre Zeit in der Psychiatrie liegt fünf Jahre zurück. Wie geht es Ihnen heute?

Sebastian Schlösser: Sehr gut, ich fühle mich wie vor dem Ausbruch, nur dass ich nicht mehr diese Ausschläge nach oben und unten habe. Emotional spüre ich keine Einschränkung.

ZEITmagazin: Nehmen Sie weiter Medikamente?

Schlösser: Lithiumsalz, ja. Es sorgt dafür, dass es in meinem Körper die richtige Menge der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin gibt. Ich würde mich ohne dieses Medikament einer großen Gefahr aussetzen.

ZEITmagazin: Sie haben Ihr Leben radikal verändert. Heute sind Sie nicht mehr Theaterregisseur – Sie studieren Jura und wollen Anwalt werden.

Schlösser: Künstlerische Berufe sind für manisch-depressive Menschen nicht zuträglich. Weil so eine Arbeit keine Realität in sich trägt. Wenn man im Theater ausflippt, wird das oft als künstlerischer Ausdruck angesehen, obwohl es eigentlich pathologisch ist.

ZEITmagazin: Die Liste der genialen Künstler, die manisch-depressiv waren, ist lang: Fassbinder, van Gogh, Hemingway… Sie wären ohne die Krankheit wahrscheinlich nicht so kreativ gewesen.

Schlösser: Die Manie macht viel möglich. Ich selbst habe wieder mit dem Gitarrespielen angefangen, ich war von allen Selbstzweifeln entbunden. Wenn man diese Phasen kreativ nutzt, kann das sehr wertvoll sein. Das ist es auch, was man nach einer manischen Phase am meisten vermisst. Die Frechheit der Manie ist wie Dauerbekokstsein. Normal von Koks runterzukommen ist schon hart. Aber das ist kein Vergleich.

ZEITmagazin: Einige Ihrer Verwandten sind auch manisch-depressiv, oder bipolar, wie man heute sagt. Haben die nicht gemerkt, dass Sie krank waren?

Schlösser: Erst als es akut war. Meine Frau hat es auch sehr schnell erkannt, weil ein Bekannter von ihr manisch-depressiv war, daher kannte sie das: den Größenwahn, das viele Geldausgeben, die erhöhte Libido. Sie hat unglaublich viele Verletzungen erlitten, aber sie konnte es rationalisieren. Sie hat ein Netzwerk gesponnen von Freunden, sie alle haben mir geholfen. So bin ich früh therapiert worden – ein Glück, weil die Chancen, es in den Griff zu bekommen, dann viel höher sind.