Mit Yusuf und seinem Vater geht es immer tiefer in den Wald © Piffl Medien

Diesen Film betritt man wie einen tiefen Gebirgswald. Zögernd und behutsam tasten Mensch und Lasttier sich durchs steile Gelände. Die Piüüü-Rufe des Eichelhähers punktieren den Weg der beiden Eindringlinge. Unter einer Gruppe riesiger Buchen bleibt der Mann stehen und späht in die Baumkronen. Etwas ist unsichtbar herabgerieselt und hat seine Schulter gestreift. Er befühlt die Stelle, prüft den Geschmack – er ist fündig geworden. In den Wipfeln über ihm ist ein Waldbienenstock verborgen. Der Honigsammler wirft ein Seil um einen hoch gelegenen Ast und müht sich hinaufzusteigen. Der Ast birst und droht abzubrechen.

Eine der nächsten Szenen von Bal – Honig , einem Film von Semih Kaplanoğlu, zeigt das Haus des Imkers. Frühmorgens wird der kleine Yusuf (Boran Ataş) von der väterlichen Stimme aufgefordert, das Kalenderblatt vorzulesen. Das Kind stottert, bahnt sich mühsam einen Weg durch das Dickicht der Wörter. Yusuf will dem Vater einen Traum erzählen, doch der sagt ihm, Träume dürfe man dem andern nur ins Ohr flüstern. Wir sehen ihn ins Ohr des Vaters sprechen, wir verstehen nicht, was er ihm anvertraut.

Dann sehen wir Yusuf in der Dorfschule. Lesen lernen. Das Zeichnen und Entziffern willkürlicher Zeichen. Was dem Jungen draußen, an der Hand des Vaters, mühelos gelingt – Fährten lesen, Vogelflug verstehen, Tiere und Pflanzen erkennen, sich durch unwegsames Gelände schlagen –, misslingt drinnen, im Klassenzimmer. Das Kind sondert sich ab. Wohl ist ihm nur im »väterlichen« Wald.

Schließlich taucht die Mutter auf, ratlos. Sie versteht nicht, was in dem Jungen vor sich geht, der seine Milch nicht trinken will – bis der Vater es heimlich für ihn tut.

Man kann die Bilder von Bal – Honig als die realistische Darstellung einer auseinanderklaffenden Welt lesen, in der das Kind sich bewegt und bewegt wird. Als einen Gang in die Welt der Kultur und als einen Gang in die Wälder. Und gleichzeitig sind die Bilder dieses so klugen wie beunruhigend schönen Films, der den Goldenen Bären der vergangenen Berlinale gewann, auch Allegorien. Für einen unaufhebbaren Widerspruch: Der Gang in die Welt führt das Kind aus der Welt hinaus. Seine Hingabe an die Natur, an den Wald, an das vorsprachliche Glück der stumm-beredten Dinge verschärft den Konflikt mit der Gemeinschaft der Sprechenden.

Es ist eine Gemeinschaft, die hier in drei großen Ansammlungen als die andere, die geläufige Welt vor dem Kind auftritt. Da ist die Schulklasse, von der sich Yusuf ausgeschlossen sieht. Wenn die anderen Kinder in der Pause spielen, bleibt Yusuf drinnen und blickt aus dem Fenster. Es ist immer ein anderes Draußen, nach dem er sich sehnt. Fast hat es den Anschein, als meide er die Sprache, als ziehe er die Geräusche und die Stimmen des Waldes vor. Immer wieder versickern in diesem Film die Sprache und das Sprechen, und die Tonspur der dinglichen Welt nimmt überhand.

Die zweite Gemeinschaft erscheint, als die Mutter, tief beunruhigt über das unerklärliche Verschwinden ihres Mannes, das Kind in die Obhut der Großmutter gibt. Wie ein Goldsucher hat sich der Mann in abgelegene Wälder begeben, um dort den begehrten schwarzen Honig aufzuspüren, der in seiner Gegend plötzlich verschwunden ist. Die Großmutter nimmt Yusuf mit sich, in ein Frauenhaus auf einer Alm. Dort wir er als einziges männliches Wesen Zeuge einer Koranlesung. Er hört die Geschichte des Erzengels Gabriel und seiner Begegnung mit Maria und Jesus. Auf ergreifende Weise überträgt sich die Naivität des Kindes auf uns. Auch wir werden in diesem Film zu kindlichen Empfängern von Botschaften, die sich vor uns abspielen, die ihren Lauf nehmen ohne unser Zutun und die wir mehr ahnen, als dass wir sie verstehen. So könnte beispielsweise in dem rätselhaften Verschwinden des Honigs eine allegorische Anspielung auf die entschwundene Liebe zwischen dem Ehepaar verborgen sein, steht doch der Genuss des Honigs im Koran ausdrücklich für die Freuden der Liebe.