Roman "Freiheit"Die große Versöhnung

Jonathan Franzen hat mit "Freiheit" einen therapeutischen Roman geschrieben, der die Welt beglücken soll. von Ursula März

Der Schriftsteller Jonathan Franzen, 2009 in New York

Der Schriftsteller Jonathan Franzen, 2009 in New York  |  © Joe Kohen/Getty Images

So etwas nennt man Donnergrollen. Der neue Roman des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen nähert sich dem internationalen Buchmarkt in der Atmosphäre gewittriger Vorerregung, wie man sie eher vom Blockbuster-Kino und in der Literatur nur von Harry Potter kennt. Auf dieses Buch scheint, wer Bücher liest und 2001 Franzens Korrekturen las, gewartet zu haben wie auf kein anderes. Dass das Magazin Time vor ein paar Wochen das Cover mit einem Porträt Franzens und der Titelzeile Great American Novelist füllte, drang bis in die "Kult"-Urteile deutscher Regionalzeitungen. Dass Franzens deutsche Übersetzer bis an den Rand ihrer Kapazitäten schufteten, darf man annehmen. Denn der Roman mit dem Titel Freiheit erscheint, eine Woche nachdem sein Blitz in den amerikanischen Buchmarkt fuhr, nun auf dem deutschen.

Der Autor selbst, der 51-jährige Vogelbeobachter mit dem Dreitagebart, der sich fürs Schreiben in ein mönchisch möbliertes Büro mit verklebten Fenstern zurückzieht und seinen Internetzugang abschaltet, schaut dem Rummel in einer Mischung aus satter Genugtuung und mürrischer Skepsis zu. In einem Internet-Werbefilm für Freiheit sitzt Franzen in einem kurzärmligen Polohemd vor der Kamera und erklärt verlegen, dies sei der "beste Ort, um meinem Unwohlsein über die Notwendigkeit Ausdruck zu verleihen, solche Autoren-Videos zu drehen". Wer nicht weiß, dass dies Jonathan Franzen ist, könnte ihn für einen barmenden Schreiberling halten, der sich nicht anders zu helfen weiß als mit einem Lebenszeichen auf YouTube.

Anzeige

Ein bisschen war dies ja auch Franzens Lage in den Neunzigern, als seine ersten beiden, ziemlich vertrackten Romane Die 27ste Stadt (1988) und Schweres Beben (1992) unter freundlichem Wohlwollen der amerikanischen Kritik und mäßiger Anteilnahme der Käuferschaft erschienen waren, sein Ehrgeiz zwischen postmodernem Formalismus und klassischem Realismus schwankte und die Autorität seiner Hausgötter Thomas Pynchon, Don de Lillo, William Gaddis dem Wunsch im Weg stand, zugänglichere, leichtere, unelitäre Romane zu verfassen. Als, anders gesagt, die Lamberts, diese durchgeknallte Familie der Korrekturen, noch keine Form gefunden hatten. Auch Barack Obama schloss die Lamberts derart ins Herz, dass er die literarische Nachfolgefamilie fiebrig erwartete. Franzens Verlag ließ ihm ein Vorabexemplar von Freiheit zukommen, und der Präsident äußerte sich über seine Sommerlektüre höchst erfreut – mit gutem Grund.

Denn die tiefere Botschaft, die Jonathan Franzen in Freiheit anstrebt, die er im letzten Romandrittel narrativ geradezu erzwingt, diese Botschaft läuft auf den Idealismus nationaler Bekehrung und Selbstreinigung hinaus, der 2008 mit Barack Obama Gestalt annahm. Franzens neuer Roman ist, auf den kürzesten Nenner gebracht, das literarische Fegefeuer der Bush-Ära. Er leuchtet sämtliche Scheußlichkeiten aus, die sich im Tunnel der Jahre 2001 bis 2004 zutrugen, und geht dann dazu über, das Licht am Ende zu feiern. Er leistet sich, was schon verblüfft, ein Happy End auf voller Linie und ist tatsächlich von seinem Ende her am besten zu verstehen: vom Versöhnungsglück der Berglunds. So heißt die Familie, die mit einigen Nebenfamilien und einem Dutzend Nebenfiguren das exorbitante, drei Jahrzehnte amerikanischer Politik umfassende Material bindet. Die Berglunds sind: Walter und Patty und ihre Kinder Jessica und Joey.

Walter und Patty Berglund, die sich seit Collegezeiten kennen, die wirklich alles durchmachen, was ein Ehepaar auseinandertreiben kann, sich trennen, sechs Jahre nichts voneinander hören, finden als Mittfünfziger neu zusammen. Im letzten Absatz des Romans verlassen sie ihr Ferienhaus an einem See in Minnesota und brechen mit einem Miettransporter in ein zweites Leben nach New York auf, "Walter hupend, während Patty zum Abschied winkte". Patty, die seelisch seit je angekratzte, sich neurotisch umkreisende Vorstadtmutter mit Alkoholvergangenheit, Humor und sprödem Liebreiz, weiß nach dreißig Jahren, was Ende der Siebziger schon zu wissen gewesen wäre: dass Walter der Richtige ist.

Walter wiederum, fanatischer Naturschützer und Weltverbesserer, zerfetzt mit einer spektakulären Bekenntnistirade den politischen Teufelspakt, den er mit amerikanischen Kohleunternehmen einging, und lebt seitdem als blamierter, aber moralisch intakter Aktivist. Sohn Joey, der aus seinem liberalen Elternhaus zu den Republikanern überlief und sich während des Irakkriegs ins Waffengeschäft begab, schwört der reaktionären Gesinnung ab und ist nach jahrelanger gegenseitiger Verachtung der beste Freund seines Vaters. Tochter Jessica, immer tüchtig, immer von Patty weniger geliebt als der impertinente Joey, hat der Mutter den Seitensprung mit Richard verziehen. Auch für diesen findet sich ein gutes Ende. Denn Richard, Rockmusiker, Drogenkonsument, unheilbarer Womanizer, der die Ehe der Berglunds von Beginn an unterwanderte (in dieser Dreierkonstellation liegt die Figurenparallele zu Natascha/Pierre/Andrej in Tolstojs Krieg und Frieden ), findet auf seine älteren Tage in New York ins Milieu anspruchsvoller Kunst und zu einer Frau, bei der er es länger aushält als drei Nächte. Ja selbst für zwei Tierarten, die eigentlich auf Kriegsfuß stehen, Katzen und Vögel, ergibt sich auf den letzten Romanmetern eine Friedenslösung. "…während Patty zum Abschied winkte, kam eine Spezialfirma und errichtete rings um das gesamte Grundstück einen hohen, Katzen abhaltenden Zaun."

Was Jonathan Franzen hier bietet, ist ein erstaunliches Genesungsprojekt der amerikanischen Gesellschaft, das mit einem Bein im Kitschverdacht steht. Ein Roman, an dessen Ende man sich fühlt wie bei der Entlassung aus der Reha und weiß: Er ist, nachdrücklicher als die Korrekturen, ganz allgemein auch als Genesungsprojekt für die von Popularitätsschwäche heimgesuchte Literatur gedacht. In einem Essay aus dem Jahr 2002 unterschied Franzen zwischen "Status-Romanen" und "Kontrakt-Romanen". Der Autor des Status-Romans schaffe überhebliche Kunstwerke, die nicht dem Leser, sondern ihrer ästhetischen Kompromisslosigkeit verpflichtet seien (Franzen hatte dabei den Kollegen Gaddis im Auge). Dem Autor des Kontrakt-Romans hingegen liege die kommunikative Vereinbarung mit dem Leser am Herzen. Er wolle ihn nicht befremden, sondern heimatlich umhüllen. Er wolle der Literatur jenen Platz im Zentrum der Gesellschaft zurückerobern, den sie nach Franzens Ansicht im 19. Jahrhundert hatte und von dem sie durch Unterhaltungsmedien, durch Erzählformen von Film und Fernsehserien vertrieben wurde.

In Freiheit gestaltet Jonathan Franzen den Kontrakt verbindlicher, bekömmlicher denn je. Er führt den Leser mit einem sicheren Navigationssystem durch die über 700 Seiten, hält ihn mit Suspense bei Laune, greift jeden Handlungsfaden mehrmals auf, kehrt in Schleifen zu seinen Ausgangspunkten zurück und hält sich an das Prinzip restlos erschöpfender Auskunft. Er verzichtet auf die felsige Metaphorik der Korrekturen, vor allem aber verzichtet er auf eine zwingende Form. Freiheit besteht aus unendlich erweiterbaren, locker verzahnten Erzählmodulen. An jeder Stelle könnten Geschichten von Vorfahren, Ökoprojekten, Washingtoner Schweinereien und erotischen Eskapaden eingefügt werden, ohne dass sich am Gesamtbild des Romans irgendetwas änderte – so sehr ist dieser auf behagliche Breite angelegt. So perfekt macht Franzen tatsächlich jenen sozialpsychologischen Familiensagas Konkurrenz, die Folge um Folge ihr Publikum vor die Fernseher ziehen.

Nur erntet er eben auch deren eher banale Versöhnungsdramaturgie und ihre etwas bieder gleichmäßige Erzählökonomie, die weder Aussparung kennt noch Exzess. Daraus kann gute Unterhaltung entstehen, seltener große Kunst. Freiheit hat Anteile von beidem. Und man muss anerkennen, dass der Versuch, maximal anschlussfähige Literatur zu schaffen, nichts anderes sein kann als ein Balanceakt zwischen Ambition und Affirmation. Wir haben es mit solider, weltweit verkäuflicher Literatur zu tun, nicht mit Weltliteratur. Seine Qualität verdankt Freiheit den Figuren, ihren Charakteren und verwickelten Psychen. In Menschenkenntnis ist der Vogelbeobachter Jonathan Franzen einfach ein Meister. An die Lamberts kommen die Berglunds allerdings nicht heran. Denn die Berglunds haben nun mal die schwere nationale Aufgabe, sich zu besseren Menschen zu entwickeln. Die Lamberts mussten nur den freien Fall ihres Wahnsinns aufhalten.

Die Geschichte, die Franzen erzählt, ist im Kern ein Gleichnis der amerikanischen Selbstbeschreibung des zurückliegenden Jahrzehnts: Erst scheitern alle Figuren; was sie machen, führt in die Paranoia. Patty hält ihre proletenhaften Nachbarn nicht mehr aus und zersticht aus geballter Lebensfrustration deren Autoreifen. Walter glaubt, die vom Aussterben bedrohte Vogelart der Waldsänger sei dadurch zu retten, dass ein gesamtes Waldgebiet für den Kohleabbau entvölkert und weggesprengt wird, um sich im Lauf von Jahren in ein renaturiertes Vogelreservat zu verwandeln. Richard gerät an den Rand der Verwahrlosung. Joey will mit Macht in die Upperclass und lässt das Nachbarsmädchen, mit dem er sich als Zwölfjähriger einließ, ein Jahrzehnt zappeln. Dann er- und bekennen alle ihre Fehler und leisten Abbitte. Sie erfüllen das Ritual, das sich apology nennt und in der amerikanischen Lebensmythologie einigen Rang genießt. Man kann es in der Letterman-Show erleben, wenn Stars mit feuchten Augen ihre diversen Süchte beichten oder sich an Clintons öffentliche Lewinsky-Beichte erinnern. Der Abbitte folgt die Buße. Bei Walter fällt sie am härtesten aus. Die junge Frau, die er während der Trennungszeit von Patty tatsächlich liebt, stirbt bei einem Autounfall. Bei Joey fällt die Buße am komischsten aus.

Das therapeutische Paradigma des Romans aber verkörpert Patty. Sie verfasst im Auftrag ihrer Psychotherapeutin einen autobiografischen Bericht. Er heißt: "Es wurden Fehler gemacht" und ist in den Roman als langes autonomes Kapitel eingegliedert. Der Titel des Romans, Freiheit, mag seine Gesprächsthemen bestimmen. Am Tisch einer reichen jüdischen Familie Washingtoner Republikaner wird über Freiheit geredet und ist die Freiheit gemeint, den Irakkrieg mit Lügen zu begründen. Am Tisch von Demokraten wird in einer Parallelszene über Freiheit geredet. Aber das kommunikative Verfahren des Romans ähnelt dem einer talking cure, das den Leser stärker als jedes andere ins Vertrauen zieht und einbindet. Franzen begegnet dem Leser gleichsam auf persönlicher Augenhöhe, nicht darüber, nicht darunter. Hier liegt der Unterschied zu Tolstojs Werk Krieg und Frieden , auf das sich Franzen überdeutlich beruft. Denn dieses Werk ist mitsamt seinen über 300 Figuren, die Philologen errechnet haben, und seinen zermürbenden Kriegsberichten eine einzige elitäre Zumutung. Ein waschechter Status-Roman. Er war dies auch schon im 19. Jahrhundert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Nach der Rezension habe ich die Befürchtung, daß der Roman
    derart intensiv mit tagespolitischen Ereignissen und
    zeitgeschichtlichen Verhältnissen in den USA verwoben ist,
    daß ein Ausländer ihn nicht richtig verstehen kann, und in 50 Jahren überhaupt keiner mehr.

  2. PS
    Möglicherweise ist das generell eine Eigenheit zeitgenös-
    sischer US-Literatur. So fand ich zu meiner Überraschung in Philip Roth's Roman, The human stain (Der menschliche Makel), Bill Clinton und Monica Lewinski mit ihrer jetzt schon fast vergessenen Affäre namentlich erwähnt.

    • papamax
    • 11. Oktober 2010 12:21 Uhr

    Nachdem der 3Sat-Mann gestern oder vorgestern den Roman so überschwänglich lobte, wollte ich mal sehen, was denn andere Kritiker so schreiben, bevor ich's mir kaufe und lese. Nach der Beschreibung hier oben habe ich jede Lust auf dies Buch verloren. Danke. Es spart Geld.

  3. ......waren die Korrekturen ein unterhaltsames Meisterwerk, das man in wenigen durchlesenen Nächten durchhatte, quäle ich mich seit Wochen mit diesem langweiligen phalluslastigen Buch herum. Vielleicht sollte auch ich mich mal lieber einer der vielen amerikanischen TV-Serien widmen, da wird man wenigstens nur eine dreiviertel Stunde belästigt. Schade um das viele Geld....

  4. muss ich alles anerkennen, was der Autor über das Buch sagt- und dennoch war ich angenehm überrascht. Nachdem ich Korrekturen vor Ewigkeiten gelesen und ins Herz geschlossen habe, traute ich mich an Freiheit lange nicht heran, weil ich ein langweiliges, politikgetränktes Buch erwartete, aber der Ton und die Geschichte machten es lesenswert, auch wenn das Ende entäuscht. Fazit: Es gibt Bücher, an denen sich besser Geld sparen lässt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
  • Schlagworte Barack Obama | Jonathan Franzen | William Gaddis | Harry Potter | Minnesota | Roman
Service