Debatte Der Feind läuft uns davon
Die Debatte um Migranten ist völlig hysterisch. Das ahnt, wer das Buch »Müdigkeitsgesellschaft« liest. Sein Autor, der in Karlsruhe lehrende Philosoph Byung-Chul Han, erkennt in uns überforderte Individuen
© Tobias Schwarz/Reuters

Straßenszene in Berlin
Vielleicht vernebeln die Debatten der Zeit nur, dass wir so friedlich miteinander umgehen wie kaum je zuvor. Die aufgeputschte Diskussion um Zuwanderung deutet eher auf routiniert eingespielte Erregungskurven, denen man letztlich (sosehr sich die Medien auch bemühen, Konfliktpotenzial zu entfalten) mit Achselzucken begegnet. Je schriller der Zuwanderer als integrationsfaul und gefährlich gebrandmarkt wird, umso unbekümmerter flaniert man durch Neukölln – durch einen Berliner Ortsteil übrigens, den diejenigen am wenigsten kennen, die mit panischem Alarmismus über ihn schreiben. Er befindet sich mit seinen Galerien, seinem großstädtischen Wirrwarr und jüngst massiv angewachsener studentischer Kneipenkultur inmitten einer – übrigens vor Ort durchaus beklagten – Gentrifizierungsphase. Vieles spricht überhaupt dafür, dass sich die Integrationskonflikte weniger in den Großstädten selbst ereignen als in dem mechanisch eingeübten Diskurs, der – in verheerender deutscher Tradition – Land und Stadt, Idyll und Moloch, Provinz und urbane Unübersichtlichkeit gegeneinanderstellt.
Der Schluss, dass wir mit abwegiger Lust Feinde sehen, wo keine sind, und Konflikte beklagen, die in diesem Ausmaß nicht existieren, lässt sich jedenfalls aus einem Buch ziehen, das gerade der Philosoph Byung-Chul Han, Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und Kollege von Peter Sloterdijk, vorgelegt hat. Selten hat ein kleiner Essay zeitgenössische Gewissheiten, denen man sich bequemerweise hingab, so unaufwendig und nachhaltig irritiert. Zu den maßgeblichen Gewissheiten, die das Buch beim Leser zerstört, gehört vor allem: dass der Islamismus die Welt nach dem Ost-West-Konflikt erneut gespalten habe, nämlich in jene, die demokratisch-offener, und jene, die autoritärer Gesinnung sind.
Hans Buch heißt Müdigkeitsgesellschaft und ist gerade eben bei Matthes & Seitz erschienen. Der Autor, koreanischer Abstammung, bestreitet darin sowohl die Existenz relevanter Feinde der westlichen Welt als auch die Existenz eines ausgeprägten Rassismus. Die westliche Welt leide, ganz im Gegenteil, insgeheim an einem Mangel an Feinden. Terroranschläge, er geht nicht direkt auf sie ein, erschienen damit als letzte, unzeitgemäße Zuckungen, die dem Siegeslauf der Globalisierung kaum im Wege stünden.
Han markiert 1989 als Jahr der mentalen Epochenwende. Die Welt vor 1989 wird für ihn noch durch eine kollektive Angstneurose charakterisiert. Überall drohten Gefahren für das gesellschaftliche Immunsystem. Man fürchtete sich vor den Juden, denen man vorwarf, den Volkskörper zu unterwandern. Man fürchtete sich im Westen vor dem roten, im Osten vor dem kapitalistischen Virus, man fürchtete sich vor Aids und überhaupt vor allem Fremden, das sich einnisten könnte ins Gemeinwesen und dem man Abwehrkräfte entgegenzusetzen habe. Man fürchtete, abstrakt gesagt, die Negativität des immunologisch Anderen.
Heute dagegen fürchten wir uns nicht vor Infektionen, wir fürchten uns vor Nervenkrankheiten, wir erleiden Infarkte. Wir klagen über Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Burn-out-Syndrom. Krankheiten, die seit einiger Zeit auch in entsprechender Bekenntnisliteratur ihren Niederschlag finden. Das beginnende 21. Jahrhundert, so Han, ist, pathologisch besehen, kein immunologisches mehr, es ist ein neuronales. Wir brechen zusammen unter einem Übermaß an Positivität. Die sogenannte Leistungsgesellschaft hat Individuen geschaffen, die ganz ohne Aufseher engagiert und mit dem Anspruch blendender Laune ihr Werk verrichten. Sie arbeiten sich nicht an Feinden ab, sie arbeiten sich an sich selbst ab. Verwehrt bleibt ihnen für aufkommenden Unmut ohnehin Kritik, die gemeinsam mit den entsprechenden Theoriegebilden wegrationalisiert wurde. Es hat sich schließlich nicht nur in Führungskräfteseminaren herumgesprochen, dass Motivation und gute Stimmung für die Ausbeutung weitaus zweckdienlicher sind als Druck, Peitsche, Wutausbrüche.
Feinde sind heute weder der Chef, der Springer-Verlag, die Sowjetunion, noch sind es, recht besehen, Einwanderer. Der größte Feind ist heute das eigene Nervenkostüm, das vor zu viel Positivität, zu vielen Anregungen, zu vielen Multitasking-Reizen kapituliert. Wir leben in einer Epoche, die keine klare Trennung von innen und außen, von Freund und Feind, Eigenem und Fremdem kennt. Alle Entwürfe, die maßgeblich auf derlei Gegensätzen beruhen, verfehlen im Kern die neurotische und neurologische Verfasstheit der Gegenwart. Sie beenden, wie das Feuerwerk ein Volksfest, das alte Jahrhundert, statt ein neues adäquat zu beschreiben. Letztlich hat sich eben doch erfüllt, was man unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erhoffte (und mitunter auch schon damals befürchtete): Es gibt keine radikalen Ideologien mehr, die einander jeweils ansteckungsgefährdend gegenüberstehen.
- Datum 13.09.2010 - 08:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
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Leider kenne ich das Buch nicht, aber die Beschreibung von Adam Soboczynski ist derart ausführlich, dass ich den Inhalt doch gut erahnen kann. Manches davon ähnelt einem Text, den ich 2001 schrieb (vor dem 11.9.) und der sich mit dem unreflektierten Wandel der Feindbilder beschäftigte. Nach den Anschlägen schrieb ich eine "Fortsetzung" aufgrund der Neuschaffung einer "Achse des Bösen". Auch meine Ansichten zum "Jugendproblem" - hier besonders in der Ausprägung bei Bildung und Kriminalität - passen dazu. Insofern kann ich die Idee eines Gegenentwurfs durch Han bezüglich des Migrationsproblems (bitte nicht Sarrazin-Debatte nennen; das würde diesem Wichtel zuviel Bedeutung zumessen und das gesellschaftliche Phänomen fälschlich reduzieren) verstehen, die der Autor hier erkennt.
Aber so, wie es gegen ein Beispiel Sarasin oder Sarrazin ist, steht es, wenn die Ausführungen zutreffend sind, auch auf einer Gegenseite, womöglich zu extrem gedacht und damit ebenso die Wahrheit verfehlend. Im Punkt des Feindbildes kann ich dies als Frage formulieren, weil ich es nicht im Artikel finde und vielleicht auch nicht in Hans Essay erfasst wird: Kann der Mensch ohne Feind überhaupt sein?
Wir hätten uns noch nicht verabschiedet von einer Welt mit Feinden - heißt es da. Meine alte These ist jedoch, dass die globalisierte Uniformität dem biologischen Wesen Mensch gar nicht möglich ist und manche Debatte fehlgerichtet ist, weil sie immanente Negativfolgen einer Idealisierung ignoriert.
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit Kommentaren an der Diskussion, die eine klare These zum Ausdruck bringen. Die Redaktion/cs
Sehr schöner Artikel.
Trotzdem hat sich doch die Ausgangslage geändert. Früher hat man den "Feind" im Äußeren (Ausland)und damit mit einigem Abstand, verortet. Nun ist der für Menschen notwendige "Feind" wohl eher als große Unbekannte im Innern angekommen. Unbekanntheit bedeutet Ungewissheit, Ungewissheit erzeugt Unsicherheit, die widerum erzeugt Angst. Die Angst wird um so größer, je näher die Ursache der Angst rückt.
der Wissenschaft ist manchmal arg realitätsfremd.
Ähnlich wie das Bild vom weltfremden Gelehrten fehlt dieser Analyse der praktische Bezug, die praktische Erfahrung.
Damit sitzt der Autor im selben Boot wie die Politik und der Rest der Oberschicht.
Diese Arbeit unterscheidet Schein und Sein nicht. Er ist eine Bestätigung der political Correctness, deren Werthaltigkeit aber kräftige Risse zeigt.
Die Umdeutung von Sprache verdeckt die Konflikte nur, sie löst sie nicht. Und genau das ist der Nerv den Thilo Sarrazin getroffen hat.
Es ist logisch, das Vertreter dieser Denke Sarrazin als Brandstifter sehen, negiert er doch die schöne heile Welt, die sie sich zurechtgezimmert haben und wo die Probleme der wachsenden Gruppe der Anderen keinen Platz haben.
Wer je versucht hat sich in Deutschland selbständig zu machen, wer je dem Versprechen mehr Leistung (und nicht etwa mehr Arbeit) würde sich lohnen geglaubt hat, weis, das dies nur sehr bedingt der Fall ist.
Nämlich nur solange, wie etablierte Besitzstände nicht bedroht werden, egal ob auf Kapitalseite, Arbeitnehmerseite oder Alimentationsseite.
Was natürlicherweise zur allmählichen Erstarrung einer Gesellschaft und mangelnde Chancengleichheit führt.
H.
...aber ich sehe durchaus noch einige Feinde, gerade im Innern. Nur sind es nicht Migranten oder sozial Schwache, auf die viele Leute offensichtlich spucken müssen, um sich selbst ein wenig Selbstachtung zu bewahren (..."die da unten"), sondern Hassprediger in der deutschen Politik und im Medienestablishment. Damit meine ich natürlich Leute wie Frau Steinbach und andere in der CDU/CSU aber auch den Springer-Verlag, der vom Autor ja erwähnt wird. Natürlich ist Bild noch böse, bloß weil Alice Schwarzer in Ihrer unglaublichen Eitelkeit für die schreibt, werden die nicht besser.
Ich kann aber aufgrund der sehr ausfürlichen Darstellung des Buches nachvollziehen, was Han anspricht und gerade das Bild des "neuronalen" zeitalters ist absolut plausibel, die Mehrheit in der Bevölkerung denkt inzwischen in diesem Muster, obwohl (wie ich oben beschrieben habe) es genug Dinge gibt im Äußeren, gegen die man kämpfen kann.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und bemühen Sie sich um einen sachlichen Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag
"Fremdenfeindlichkeit verträgt sich einfach nicht mit dem allerneuesten Kapitalismus, .."
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Stimmt. Und deshalb wird immer und überall Fremdenfeindlichkeit als Ausgeburt des deutschen Faschismus gnadenlos bekämpft, vor allem argumentativ.
Bloß: Fremdenfurcht ist angeboren. Darf man das sagen? Immerhin haben doch uns die Medien - beigestanden durch einige wenige eilfertige "Wissenschaftler" - immer wieder erklärt, dass Fremdenfurcht töricht ist und das Fremde eine Bereicherung für unsere Geselslchaft ist.
Nun frage ich mich allerdings ernsthaft, wie eine Jugendrichterin aus Neuköln, dem Stadteil, indem es besonders bunt und überhaupt fast keine Integrationskonflikte gibt, so ein Buch wie "Das Ende der Geduld" schreiben kann? Wenn man den obigen Kommentar liest, muß man doch glauben, dass Frau Heisig ein Märchenbuch geschrieben hat. Oder?
Und dass es nicht nur jammernde deutsche Spießbürger sind ,die keine Durchblick zur Realität mehr haben, kann man an den statements von Alain Finkielkraut über die "Jugendunruhen" in Frankreich lesen:
http://www.welt.de/print-...
Ist die Debatte um Kulturfremde hysterisch oder gibt's inzwischen zu viele "wissenschaftliche" Ignoranten der Realität?
Ich kann dem nur zustimmen! Jetzt kommt halt die Phase der Verschleierung. Erst wurde hysterisch von den politisch Korrekten auf Sarrazin, Kelek und Heise eingeschlagen, dann tut man so als würde man die Sorgen der Bürger ernst nehmen und jetzt präsentiert man uns "Supertürken" und immer wieder solche Artikel, die nur eines sagen: "piep, piep, piep -habt euch alle lieb"!
Schade nur, dass das einer Selbstaufgabe gleich kommt. Denn der ja gar nicht vorhandene Feind - Plünderer der Sozialkassen, Verbrecher (siehe Richterin Heisig) und verhinderte Bombenleger - lacht sich schief!
Ich kann dem nur zustimmen! Jetzt kommt halt die Phase der Verschleierung. Erst wurde hysterisch von den politisch Korrekten auf Sarrazin, Kelek und Heise eingeschlagen, dann tut man so als würde man die Sorgen der Bürger ernst nehmen und jetzt präsentiert man uns "Supertürken" und immer wieder solche Artikel, die nur eines sagen: "piep, piep, piep -habt euch alle lieb"!
Schade nur, dass das einer Selbstaufgabe gleich kommt. Denn der ja gar nicht vorhandene Feind - Plünderer der Sozialkassen, Verbrecher (siehe Richterin Heisig) und verhinderte Bombenleger - lacht sich schief!
Warum kommen wir eigentlich nicht auf die Idee, "Bildungsmängel" der deutschen Unterschicht als Ausdruck eines spezifisch deutschen "Charakters", einer "deutschen Mentaltität" , der "chritlichen Tradtionen" (Eh, die Bibel, voll hart, Alter) oder irgendeiner Gen-kombination zu denken, die hierzulande besonders verbreitet sein soll?
Und: Warum putzen wir nicht einfach alle unsere Büros, Zug- und Kneipentoiletten selbst? Warum werden 50-80% der Krankenpflege nicht von Deutschen geleistet? Warum bauen wir unsere Straßen und Bürotürme, unsere Eigenheime und Schulen nicht in der heißen Sonne oder im eisigen Wind mal eben selbst auf? Warum werden die Drecksarbeiten beim Autobau gerade nicht von den Audi- und BMW-Fahrern selbst erldigt - deren einer Teil hier so groß tönt, dass "Bildung" doch in der zweiten oder dritten Generation der Malocher-Migranten längst vorhanden sein müsste?
Weil man tatsächlich überhaupt gar nicht will dass alle die gleiche Bildung haben.
Schaut mal in die parallel laufenden Debatten um Immigration von Qualifizierten: Im eigenen Beruf wollen die expliziten Sarrazin-Anhänger nämlich bloß keine Konkurrenz (auch wenn sie hier frech behaupten, Sarrazin wolle ja "bloß" qualifizierte Immigration - der will bloß spielen, ja,ja).
Es gibt nicht die jetzt viel zitierte scheinbar "natürliche" Angst vor "dem Fremden" - bloß viel, viel Heuchelei...
Endlich mal ein vernünftiger Kommentar, danke dafür
Endlich mal ein vernünftiger Kommentar, danke dafür
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