Christoph Schwennicke hat ein gutes Buch geschrieben. Es handelt vom Angeln. Es ist nicht einfach, ein gutes Buch übers Angeln zu schreiben, weil sich der Autor wappnen muss gegen eine zweifache Gefahr – die der Literatur und die der Verblödung. Die eine Abwehrschlacht gilt der Versuchung, das Buch so monumental werden zu lassen wie Ernest Hemingways Klassiker Der alte Mann und das Meer, so schwerwiegend wie Norbert Scheuers Roman Unterm Rauschen. Die andere Versuchung ist die Pornografie: dicke Karpfen in feuchten Männerhänden, mächtige Angelruten zwischen strammen Männerschenkeln, das Arsenal der Anglermessen und Zubehörfirmen. Es füllt billige Kataloge und stumpfsinnige Bücher. Wer über das Angeln schreibt, muss sich zuerst überlegen, ob er Günter Grass spielen will oder Dieter Bohlen.

Christoph Schwennicke, politischer Redakteur im Hauptstadtbüro des Spiegels, hat seinen eigenen Weg gefunden. Er schreibt: "Die Kunst des Lebens besteht darin, möglichst viele wertvolle, schöne Momente zu sammeln. Beim Angeln sammelt man diese Momente." Zwei wahre Sätze, in denen Gedanken stecken, auf die nur jemand kommen kann, der sich vom Theater der Koalitionsparteien ablenken lässt durch ein paar verräterische Ringe an der Wasseroberfläche des Schlachtensees. Schwennicke kann die Raffinesse eines Karpfens bewundern, ohne ihn sofort zu einer Metapher zu erhöhen. Wenn es gut läuft, schlägt man den Fisch am Ende nämlich tot, und dann ist die Metapher erledigt.

Es macht Spaß, dem Autor auf seinen Entdeckungsreisen zu folgen, die ihn zum angelnden Verkehrsminister Peter Ramsauer führen, zum Angelprofessor Robert Arlinghaus in Brandenburg, an eine dänische Au mit dem fischenden Reporter Christoph Scheuring. Angeln, sagt der Reporter, sei eine Gleichung mit 30 Unbekannten. Nur wer durch Zufall 30-mal richtig liege, fange einen Fisch. Noch bei 29 Treffern kann es aussichtslos sein. Man versteht danach die Regungslosigkeit vieler Angler, die nicht unbedingt aus innerer Anspannung entsteht, sondern aus dem Wissen um die Vergeblichkeit ihres Tuns. Man ahnt auch die Faszination. Ist es möglich, in einem dunklen See einen Schimmer der Hoffnung zu entdecken? Um die Anziehungskraft einer unwahrscheinlichen Idee geht es. Manchen Anglern geht es auch um den Fang, aber so größenwahnsinnig ist unter den drei Millionen Anglern in Deutschland nur eine verschwindend kleine Minderheit.

Schwennicke untersucht verschiedene Typen von Hobbyfischern. Den Künstler, der Forellen mit lateinisch benannten Fliegen in klaren Gebirgsbächen nachstellt, mag der Autor nicht so gern. Er ist ihm zu überheblich. Der Schwarzfischer hingegen hat es Schwennicke angetan. Ihm gilt seine besondere Liebe. Wo die Liebe ins Spiel kommt, fängt leider auch der Irrtum an. Der Autor glaubt, Schwarzfischen sei ein Privileg der Jugend und erledige sich im Erwachsenenalter. Nein, Herr Schwennicke, so einfach ist es nicht. Das Kindliche macht das Wesen des Anglers ja aus. Das Schwarzfischen bleibt deshalb bis ins hohe Alter die höchste Kunst der Subversion. Noch schöner als das Schwarzfischen im Allgemeinen ist nur das Schwarzfischen in Naturschutzgebieten. Das ist die Krönung.

Der Irrtum des Autors setzt sich noch eine Weile fort. Schwennicke schreibt, man dürfe über das Angeln auf keinen Fall sprechen, wenn man eine Frau kennenlernen wolle. In dem Moment, da sie davon erfahre, sollte man sie besser schon geheiratet haben. Kann sein, aber man darf die Erotik des Absonderlichen nicht unterschätzen. Es gibt einen Schriftsteller, der seine Frauen dadurch herumgekriegt hat, dass er auf den spröden Festen von Intellektuellen über die Magie des doppelten Blutknotens referierte.

Wurmbündel im Kühlschrank, Fischsaft im Kofferraum, die Ästhetik des Verlusts. Schwennicke schweift ab, darin liegt der Reiz seiner Episoden. Das Buch ist eine Einladung, sich in Gedanken hinaustreiben zu lassen. Donald Klein, Deutschlands berühmtester Angler, war den Gedanken ein paar verhängnisvolle Seemeilen voraus. Mehr als ein Jahr lang saß er in einem Teheraner Gefängnis, nachdem er von Dubai aus zu weit aufs Meer hinausgefahren und ins Hoheitsgebiet Irans eingedrungen war. Er wurde festgenommen. Das Foto mit dem Barrakuda in den Armen ging um die Welt. Jetzt ist er wieder in Deutschland. Christoph Schwennicke ist mit ihm zu einem Angelsee in der Pfalz gefahren. Es gibt dort einen Karpfen, den sie Red Eye nennen, einen anderen mit dem Namen Small Eye. Der König der Karpfen heißt Koffer. Der Mann, den die Hoffnung auf einen großen Fisch ins Gefängnis brachte, und der Autor, der ihn nach der Freilassung beobachtete, verbrachten eine lange Nacht an einem Teich neben einer Autobahn, sie verstanden sich prächtig und fuhren am Morgen glücklich heim. Wer sich ernsthaft die Frage stellt, ob sie auch etwas gefangen haben, sollte das Buch noch einmal lesen.