Medizinerausbildung Wehe! Wehe!
Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda – der Aberglaube frisst die moderne Medizin. Zunehmend lehren deutsche Hochschulen alternative Verfahren. Ein Irrweg, findet Harro Albrecht
»Made in Germany«, trotz der Pannenserie unserer Hochgeschwindigkeitszüge zählt dieses Qualitätssiegel in der Welt noch etwas. Produkte aus Deutschland sind für gewöhnlich gut, die internationale Kundschaft reißt sich darum. Einst genoss auch »Med. in Germany« den besten Ruf. Mitte des 19. Jahrhunderts pilgerten Ärzte aus aller Welt nach Deutschland, um eine neue, systematische und vor allem naturwissenschaftlich verankerte Medizin kennenzulernen. Selbst das berühmte Johns Hopkins Hospital in Baltimore ließ sich vom Können deutscher Ärzte inspirieren.
Vorbei. Das einstige Vorbild zerstört sich selbst. An den Medizinischen Hochschulen unseres Landes floriert, was seit den Tagen Rudolf Virchows, Robert Kochs und Paul Ehrlichs endlich überwunden schien: magisch-mystische Lehren, Konzepte der antiken Viersäftelehre und allerlei esoterische Therapieideen, die keiner Überprüfung standhalten. In einem Wort: Paramedizin.
Die Liste der Medizinischen Hochschulen, an denen wissenschaftlich ungesicherte Außenseitermethoden gelehrt und praktiziert werden, wächst zusehends. An einem Drittel der 36 Fakultäten lässt sich Homöopathie als Wahlpflichtfach studieren. Fertig ausgebildete Ärzte, die mehr davon wollen, können sich im Wintersemester in Magdeburg erstmals für einen »Weiterbildungsmasterstudiengang Homöopathie« einschreiben. Überall entstehen neue Lehrstühle für Komplementärmedizin – und auch die Therapie zieht nach.
Mit indischem Ayurveda lassen sich Patienten in Essen die drei »Doshas« ausbalancieren – diese sollen, individuell gemischt, in jedem Menschen die geistigen und körperlichen Funktionen steuern. In München schlucken Kranke homöopathische Kügelchen , in Marburg lassen sie sich akupunktieren . Die deutsche Hochschulmedizin, einst für vorbildliche Wissenschaft gepriesen, verrät ihre Ideale.
»Naturheilverfahren« steht auch auf dem Praxisschild des niedergelassenen Arztes Michael Jansky in Böhl-Iggelheim bei Mainz. Der Allgemeinmediziner ist nebenbei Leiter des Lehrbereichs Medizin an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Seit 2003 gehören Naturheilverfahren zum offiziellen Unterrichts- und Prüfungsstoff für angehende Mediziner. Deshalb bringt Jansky den Studierenden mitunter Seltsames nahe. Halbwegs nachvollziehbar mag da noch die Exkursion in urdeutsche Wasserheilkunst anmuten: Am eigenen Leib lässt der Arzt die Nachwuchsmediziner spüren, wie ein Kneippscher Guss auf der Haut prickelt.
Doch dann wird es befremdlich. Auf Janskys universitärem Lehrplan finden sich Methoden aus der Mottenkiste vorwissenschaftlicher Heilungslehren: Ein Nadelgerät dient dem »Baunscheidtieren«. Carl Baunscheidt, Ackerbaugerätehersteller und Muttermilchpumpenerfinder, hatte im 19. Jahrhundert einen Nadelstichapparat konstruiert. Dieser »Lebenswecker« soll gegen Entzündungen aller Art helfen und ebenso bei Magen-Darm-Beschwerden. Kontrollierte Studien, die eine Wirksamkeit belegen könnten, gibt es bis heute nicht. Das gilt ebenso für das Cantharidenpflaster. »Das ist ein getrockneter und gemahlener Käfer, der als Paste auf die Haut aufgetragen wird«, sagt Jansky. Und was bewirkt die Käferpaste? »Es bildet sich eine Lymphblase, und das soll Entzündungsstoffe nach außen führen.«
Heilen mit der Käferpaste und dem Nadelstichgerät
Der Arzt drückt sich vorsichtig aus. Er ist in heikler Mission unterwegs. Mittelalterliche Therapien zu unterrichten – das passt nicht in eine Zeit, in der medizinische Behandlungen ihren Effekt zweifelsfrei nachweisen müssen. Die Studierenden, findet Jansky, sollten von den Außenseitermethoden zumindest etwas gehört haben: »Es gibt meines Erachtens nichts Schlimmeres, als wenn der Arzt bei jeder zweiten Frage dem Patienten antworten muss: ›Davon habe ich noch nie gehört.‹«
- Datum 13.09.2010 - 09:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.09.2010 Nr. 37
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nach den Risiken von Ersatzreligionen.
Hier finden wir schon einige.
Herzlichst Crest
P.S.
Die Hochschulmedizin ist drauf und dran zu kapitulieren.
Wir nicht! ;-)
Medizin ist ist eine Wissenschaft, keine Philosophie. Jeder, wirklich jeder, der auf empirische Weise belegen kann dass eine Behandlung wirkt ist "Wissenschaftler" und fortan ist - sofern andere Wissenschaftler die Ergebnisse reproduzieren konnten - diese Behandlung ein medizinisches Verfahren. In über 100 Jahren Homöopathie hat sich diese ehm Praktik nicht nur kaum weiterentwickelt - was an sich bereits dagegen spricht - sondern auch nie auf diese Weise beweisen können.
Natürlich haben auch unmedizinische Verfahren eine Wirkung. Die heutige Medizin ist übertrieben fixiert auf Pharmazeutika und Geräte, das liegt nicht zuletzt daran dass die eigentliche Arzttätigkeit - das Gespräch - im Vergleich zu Gerätenutzung mieserabel bezahlt wird. Und nur mal am Rande, nicht ohne Grund heißt der Termin beim Arzt Sprechstunde - das zeigt die Wurzeln der westlichen Medizin, weder Pillen noch Gerätschaften sondern das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Und zwar über längere Zeiträume als die 5 Minuten die man heute üblicherweise zugestanden bekommt (>Sprech_stunde_!).
Da spielt dann vieles eine Rolle, sich verstanden und ernst genommen fühlend, Erleichterung weil Ängste und Zweifel ausgeräumt sind und Gewissheit hat...bis hin zu körperlicher Berührung (Heilpraktiker untersuchen sehr eingehend, auch mit den Händen). Davon kann auch die "Hochschulmedizin" lernen bzw. sollte sich ihrer Wurzeln besinnen. Mehr Sprechstunde, weniger Rezeptblock.
Medizin ist ist eine Wissenschaft, keine Philosophie. Jeder, wirklich jeder, der auf empirische Weise belegen kann dass eine Behandlung wirkt ist "Wissenschaftler" und fortan ist - sofern andere Wissenschaftler die Ergebnisse reproduzieren konnten - diese Behandlung ein medizinisches Verfahren. In über 100 Jahren Homöopathie hat sich diese ehm Praktik nicht nur kaum weiterentwickelt - was an sich bereits dagegen spricht - sondern auch nie auf diese Weise beweisen können.
Natürlich haben auch unmedizinische Verfahren eine Wirkung. Die heutige Medizin ist übertrieben fixiert auf Pharmazeutika und Geräte, das liegt nicht zuletzt daran dass die eigentliche Arzttätigkeit - das Gespräch - im Vergleich zu Gerätenutzung mieserabel bezahlt wird. Und nur mal am Rande, nicht ohne Grund heißt der Termin beim Arzt Sprechstunde - das zeigt die Wurzeln der westlichen Medizin, weder Pillen noch Gerätschaften sondern das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Und zwar über längere Zeiträume als die 5 Minuten die man heute üblicherweise zugestanden bekommt (>Sprech_stunde_!).
Da spielt dann vieles eine Rolle, sich verstanden und ernst genommen fühlend, Erleichterung weil Ängste und Zweifel ausgeräumt sind und Gewissheit hat...bis hin zu körperlicher Berührung (Heilpraktiker untersuchen sehr eingehend, auch mit den Händen). Davon kann auch die "Hochschulmedizin" lernen bzw. sollte sich ihrer Wurzeln besinnen. Mehr Sprechstunde, weniger Rezeptblock.
mich traditioneller Mao-Medizin zu unterwerfen oder wirkstofflose Tropfen zu schlucken, ist mir diese Entwicklung fast egal. Traurig nur, daß ich sie mit meinen Krankenkassenbeiträgen ungefragt mitfinanzieren muß.
Ich arbeite seit zwanzig Jahren als Homöopath ( ca. 50000 Patientenkontakte) - und bin kein Vollidiot noch esoterisch verbrämt. Die Wirkung der Homöopathie geht über den Placeboeffekt hinaus.
Seit zwanzig Jahren war ich nicht mehr bei einem Arzt. Die Krankenkasse hat für mich noch keinen Cent bezahlen müssen.
Dennoch finanziere ich (zwangsweise) mit meinem monatlichen Krankenkassenbeitrag all diejenigen mit, die sich unsinnigerweise mit Antibiotica, Cortison, Psychopharmaka u.a. vollpumpen lassen - und am Ende in meiner Praxis landen, was für viele von ihnen
ein Wendepunkt in ihrer Krankengeschichte darstellt.
Leider kann ich nicht hergehen und sagen, ich möchte das nicht mehr mitfinanzieren -
oder darauf hinwirken, dass bestimmte anerkannte, aber aggressive und im Übermaß angewendete medizinische Verfahren nicht mehr erstattet werden.
Verstehen sie mich?
Die momentan stattfindende Diskussion trägt Züge mittelalterliche Inquisition.
Gott sei Dank wird aber gegenwärtig hierzulande keiner mehr umgebracht....
Ich arbeite seit zwanzig Jahren als Homöopath ( ca. 50000 Patientenkontakte) - und bin kein Vollidiot noch esoterisch verbrämt. Die Wirkung der Homöopathie geht über den Placeboeffekt hinaus.
Seit zwanzig Jahren war ich nicht mehr bei einem Arzt. Die Krankenkasse hat für mich noch keinen Cent bezahlen müssen.
Dennoch finanziere ich (zwangsweise) mit meinem monatlichen Krankenkassenbeitrag all diejenigen mit, die sich unsinnigerweise mit Antibiotica, Cortison, Psychopharmaka u.a. vollpumpen lassen - und am Ende in meiner Praxis landen, was für viele von ihnen
ein Wendepunkt in ihrer Krankengeschichte darstellt.
Leider kann ich nicht hergehen und sagen, ich möchte das nicht mehr mitfinanzieren -
oder darauf hinwirken, dass bestimmte anerkannte, aber aggressive und im Übermaß angewendete medizinische Verfahren nicht mehr erstattet werden.
Verstehen sie mich?
Die momentan stattfindende Diskussion trägt Züge mittelalterliche Inquisition.
Gott sei Dank wird aber gegenwärtig hierzulande keiner mehr umgebracht....
Die Zivilisation, ein Monument des Erfolgs der Wissenschaften, gegen die barbarischen Horden des Irrationalen zu verteidigen. Wissenschaftliche Un- und Fehlbildung führt allenthalben dazu, dass jene, die sich vor Wissenschaft und Medizin fürchten, mit jenen eben das Haus niederbrennen, in welches sie sich vor den eigentlichen Gefahren der unzivilisierten Welt geflüchtet haben.
Wissenschaftsphilosophie gehört wohl in die Schulen, denn jeder sollte in der Lage sein, Wissenschaft von Hokuspokus zu unterscheiden. Dass "Alternative Methoden" besonders in bessergestellten, offenbar nichtakademischen, Kreisen Vertrauen genießen, sollte als wissenschaftlicher und geselleschaftlicher Notstand angesehen werden.
Zunächst muss ich bei vielem was ich hier gelesen habe zustimmen. Ich kenne eine ganze Reihe an Personen die auf Akupunktur oder Homöopathie schwören. Ich bleibe da skeptisch.
Allerdings gibt es auch eine Menge an Leuten die inzwischen der Chemie oder doch zumindest der Pharma Industrie skeptisch gegenüber stehen und lieber direkt auf die Kräuter, Tees und Mittel zurückgreifen die ja doch auch der modernen Medizin als Grundlage dienen. Im Übrigen ist na nuur weil sie im Mittelalter tätig war ist ja nun nicht alles falsch was die gute Hildegart von Bingen uns gelehrt hat.
In anderen Bereichen muss ja sogar die moderne Medizin kapitulieren wenn sie keine Linderung bieten kann und den leidenden Krebspatienten an die klassische Marihuana Inhalation verweisen muss. Eine Pflanze die mindestens seit dem 7 oder 8 Jahrhundert vor Christus in Gebrauch ist.
Also eine etwas stärkere Differenzierung zwischen Humbug und alterehrwürdige Medizin hätte hier sicher nicht geschadet.
Ich habe selbst Medizin studiert und kann die Schilderungen bestätigen. Die meisten Professoren bemühen sich zwar um eine wissenschaftliche Bewertung der alternativen medizinischen Verfahren. Aber es ist auch vorgekommen, dass uns erzählt wurde, es würde nicht schaden bei der Reanimation dem Patienten noch schnell ein paar Kügelchen unter die Zunge zu schieben. (Doch, tut es, schon alleine, weil es eingeübte und standardisierte Abläufe stört.)
Die zunehmende Integration zweifelhafter Verfahren ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Auch die Schulmedizin wird zunehmend entakademisiert. Wichtige Studien finden vor allem mit der Finanzierung und unter der Kontrolle der pharmazeutischen Industrie statt. Es ist blauäugig unter diesen Umständen von validen, unverfälschten Ergebnissen auszugehen. (siehe z.B. hier).
Wie sind diese Missstände zu beheben? Meiner Meinung nach nur über mehr Statistik in der Lehre. Für einen Arzt ist es am wichtigsten zu wissen, ob eine Therapie wirklich hilft. Da die Unterschiede häufig klein sind, der Placebo-Effekt Wirkung vortäuschen kann und und und benötigt jeder Arzt dazu gute Kenntnisse über statistische Methoden.
Fortsetzung folgt.
Wie eine Therapie wirkt ist in der Praxis (und für den Patienten erst recht) meist nicht entscheidend. Außerdem sind viele Zusammenhänge auch gar nicht so genau bekannt, wie die naturwissenschaftliche Forschung uns das glauben machen möchte. (Einige Coxibe, Nachfolgerpräperate von Aspirin, einem der ältesten "schulmedizinschen" Arzneien überhaupt, mussten z.B. wieder vom Markt genommen werden.)
Ein Arzt mit guten statistischen Kenntnissen könnte alle vorgeschlagenen Heilmethoden für seine Patienten kompetent nach dem zu erwartenden Nutzen bewerten und die mit den größten Erfolgsaussichten anwenden. Ob die Methode nun chinesisch, naturheilkundlich oder klassisch medizinisch ist, kann ihm dabei völlig egal sein. Die Erforschung neuer Arzneien (nicht deren Bewertung) kann er dabei getrost Biologen und Chemikern überlassen.
Also, mehr Statistik weniger Naturwissenschaften in der medizinischen Lehre!
Wie eine Therapie wirkt ist in der Praxis (und für den Patienten erst recht) meist nicht entscheidend. Außerdem sind viele Zusammenhänge auch gar nicht so genau bekannt, wie die naturwissenschaftliche Forschung uns das glauben machen möchte. (Einige Coxibe, Nachfolgerpräperate von Aspirin, einem der ältesten "schulmedizinschen" Arzneien überhaupt, mussten z.B. wieder vom Markt genommen werden.)
Ein Arzt mit guten statistischen Kenntnissen könnte alle vorgeschlagenen Heilmethoden für seine Patienten kompetent nach dem zu erwartenden Nutzen bewerten und die mit den größten Erfolgsaussichten anwenden. Ob die Methode nun chinesisch, naturheilkundlich oder klassisch medizinisch ist, kann ihm dabei völlig egal sein. Die Erforschung neuer Arzneien (nicht deren Bewertung) kann er dabei getrost Biologen und Chemikern überlassen.
Also, mehr Statistik weniger Naturwissenschaften in der medizinischen Lehre!
...wegen denen Microsoft Medizinstudenten keine MSDNAA-Lizenzen vergibt? Weil sich da zu oft (10% reichen mMn aus) Naturwissenschaft mit Esoblablubb vermischt?
Verunsicherte Grüße
...
lese ich mal so einen Artikel. Zu lange kamen bunte Kügelchen mit fadenscheinigen Wirkungen schon ungeschoren davon.
So ein Artikel macht Hoffnung, dass noch nicht jeder seine Therapie auspendelt.
Besonders hat mich der Punkt begeistert, dass Laien über ihre Therapie entscheiden wollen. Wie oft erlebe ich im Krankenhaus, dass ein Patient nach einer alternativen pflanzlichen Methode sucht. Spätestens auf der Intensivtation hat der Schamane keinen Zutritt mehr. Ein Polytrauma braucht viel aber als letztes Unterstützung aus einer anderen Ebene.
Viel wichtiger ist es auf die psychische Seite einer Krankheit zu schauen. Oft hilft ein Gespräch mit einem Arzt (oder sogar Sozialarbeiter) dem Patienten viel mehr als Kügelchen aus fern Ost.
...alternativen Behandlungsansätze über einen Kamm zu scheren. Insbesondere die Akupunktur zeigt in meinem Umfeld doch recht erstaunliche Ergebnisse. Und das bei Menschen, die keineswegs Esoterik-Freaks sind, sondern über Sachen wie Schüßler-Salze in erster Linie herzhaft lachen können.
Wenn eine schwer allergiegeplagte Person den Frühling dank Akupunktur weitgehend beschwerdefrei durchleben kann, dann ist das ein Behandlungserfolg. Dass die klassische Medizinerkaste auf das "wie" noch keine hinreichende Antwort finden konnte (und deshalb zur Standardantwort "Placebo" greift), ist in diesem Zusammenhang völlig unerheblich. Wer heilt, hat Recht.
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