Der Wille des Einzelnen erfährt mehr Gehör oder soll es zumindest. Seit Jahren gilt das unter Politikern, Patienten, aber auch unter Ärzten als erklärtes Ziel. Was aber, wenn es um die Behandlung eines Menschen geht, dem gerade kein Urteilsvermögen zugebilligt wird? In dieses Dilemma wurden Psychiater und Psychologen ausgerechnet durch das neue Patientenverfügungsgesetz gestürzt.

Dessen lang umstrittene Regelung gilt zwar vor allem der Sterbehilfe, etwa für Komapatienten, Krebskranke und Demente, und dreht sich um die Frage, unter welchen Umständen man lebenserhaltende Therapien beenden darf. Aber mit einer Patientenverfügung lassen sich neben selbstbestimmtem Sterben auch andere Eventualitäten vorsorglich regeln. Nach dem Gesetz kann seit einem Jahr jeder rechtskräftig festlegen, ob und wie er behandelt werden möchte, wenn er einmal nicht mehr urteilsfähig sein sollte. Bewusst hat der Gesetzgeber darauf verzichtet, dieses Recht an bestimmten Krankheiten oder am unmittelbar bevorstehenden Tod festzumachen. Und das feierten manche derjenigen, die ihre Urteilskraft regelmäßig mitten im Leben verlieren.

So wie Thomas Eichel*. Als seine Gedanken sich zum ersten Mal so sehr überschlugen, dass er sich mitten in der Nacht nackt auszog, um vor einer Kaserne zu demonstrieren, wurde er "in Handschellen eingeliefert, ans Bett gefesselt und mit Neuroleptika zugespritzt", erzählt er. Am nächsten Tag habe man ihn gefragt, was er wolle, aber da konnte er nur noch lallen. Drei Mal passierte ihm Ähnliches. Jetzt hat er eine Patientenverfügung aufgesetzt – geschrieben unter Zeugen und im "Zustand der nichtangezweifelten Normalität", wie er und die anderen Mitglieder des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener es nennen. Darin stehen Art und Menge der Medikamente, die er bereit ist zu nehmen, und dass seine Freunde ihn immer anrufen und besuchen dürfen. Andere in seinem Verband lehnen Neuroleptika für sich komplett ab oder haben aufgeschrieben, dass nichts gegen ihren akuten Willen geschehen solle – egal, wie ungewöhnlich sich dieser auch äußert.

Die Zahl derer, die gegen ihren Willen psychiatrisch behandelt wurden, war von Jahr zu Jahr gestiegen, auf fast 80.000 Menschen. Nun könnte sich der Trend umdrehen. Doch das neue selbstbestimmte Handeln verunsichert viele Angestellte psychiatrischer Stationen. Sie sehen in der Patientenverfügung einen Eingriff in ihre Arbeit. Früher entschied nämlich einzig der Arzt, was gut für den Patienten ist. Er hat schließlich studiert, was ein Körper braucht und welche Mittel den Geist beruhigen. Und handelte danach, was grundsätzlich als richtig angesehen wurde: nicht sterben und nicht durchdrehen – und wer gerade das will, sollte erst recht behandelt werden. Die "Wohl-Schranke" nennen Juristen das.