Martenstein "Menschenfleisch würde ich vermutlich auch dann nicht essen, wenn es mir schmecken würde"

Harald Martenstein über den Genuss, den er empfindet, wenn er Tiere verspeist.

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Ich war in Stuttgart, um eine Reportage über den Protest gegen den neuen Bahnhof zu schreiben. In Wirklichkeit wollte ich in Stuttgart vor allem eines: Kutteln essen. Ich esse wahnsinnig gerne Kutteln. Ja, mein Gott, es ist halt so. Ich bin, glaube ich, ein Durchschnittstyp, ich bin Konformist. Nur in einer Hinsicht bin ich anders als die anderen, ich esse Kutteln. Seit Wochen arbeite ich auch, immer mal wieder, an einer Kolumne über Leberwurst.

Gleichzeitig bekam ich kritische Mails und wurde selbstkritischer. Wie kann ich als Kolumnist Woche für Woche Schnurrpfeifereien über nebensächliche Themen verfassen, wo es doch auf der Welt so viel Leid und Unrecht gibt? Zahlreiche Leser stellen diese Frage.

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Einer der Gründe besteht darin, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. In dem Moment, in dem ich mich für Minenopfer engagiere, ignoriere ich doch automatisch die Opfer der Kinderprostitution, die Hungernden in Haiti und die Überschwemmungsopfer in Pakistan. Es ist unmöglich, das Leid dieser Personengruppen gegeneinander abzuwägen, zu sagen: Die sind am schlimmsten dran. Und es übersteigt die Kräfte jeder Person, sich allen guten Zwecken gleichzeitig zu widmen. Es übersteigt ja auch die Kräfte jedes Staates. Wenn ich mir einen wohlhabenden Staat vorstelle, der sich ganz und gar dem Kampf gegen den Welthunger verschreibt und dafür all seine Ressourcen restlos hergibt – der Staat geht wahrscheinlich daran kaputt, und das nützt auf längere Sicht vermutlich niemandem.

Auch bei den erstrebenswertesten und erfreulichsten menschlichen Eigenschaften, wie Mildtätigkeit oder Hilfsbereitschaft, gilt erstaunlicherweise das Gesetz des Maßhaltens. Man muss ständig abwägen. Wer sich zu sehr in sein Engagement für die großen, edlen Ziele stürzt, vergisst vielleicht die Familie und die Kinder, die ihn vielleicht gerade brauchen. Und wer nicht verdrängen kann, keine Minute, wer ständig an die unerfreulichen Aspekte der Existenz denkt, der macht nur sich selber unglücklich, ohne dass damit irgendjemandem geholfen wäre.

Bitte verstehen Sie mich richtig, ich rede ja nicht gegen Engagement oder gegen Mitleid. Ich sage nur: Ohne ein gewisses Maß an Ignoranz kann man nicht leben. Ein moralisch makelloses Dasein ist nicht möglich. Wer sich radikal und maßlos einer solchen Illusion verschreibt, stiftet eher neues Unglück, als dass er vorhandenes lindert. Im Übrigen muss jeder selber sehen, wo er anfängt, worum er sich kümmert und was er links liegen lässt.

Ungefähr dies waren meine Gedanken, als in der ZEIT über das Vegetariertum diskutiert wurde. Während ich Kutteln esse, ausgerechnet Kutteln, ignoriere ich, was sich in den Schlachthöfen abspielt. Ich will nämlich gar nicht dran denken. Klar, wenn es Biokutteln gibt, kaufe ich Biokutteln. Es schmeckt auch besser. Warum esse ich überhaupt Fleisch? Weil es mir schmeckt.

Irgendwie ein mieser Grund. Das ist mir schon klar. Die Tiere sind den Menschen ähnlicher, als man ahnt. Menschenfleisch würde ich vermutlich auch dann nicht essen, wenn es mir schmecken würde, außer natürlich, ich wäre zufällig in einem Kannibalenstamm aufgewachsen, bei dem das Essen von Menschenfleisch völlig normal ist, dann würde ich es sicher tun. Ich bin ein Konformist. Wenn keiner mehr Fleisch isst, mache ich garantiert mit. Bis dahin suche ich nach Entschuldigungen. Aber wenigstens die Kolumne über Leberwurst habe ich jetzt irgendwie hingekriegt. Die Ausgangsidee war: Sie sollte ein bisschen schmierig klingen. 

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Geht mir genau so. Blöderweise ist das Eingeständnis von Ignoranz und Willkür keine Erleichertung oder Rechtfertigung.

    Ob es vielen Fleischessern so geht?

  2. "Sag mir, was Du isst
    und ich sag dir, wer Du bist!"

    Hat aber jetzt nichts mit Ihnen zu tun ? ! ?

    Über was soll man auch heutzutage noch schreiben, da ham'se schon recht, gelle ?

    Wenn der Kopf blutleer wird, bzw. ist, greift man halt zu Kutteln, das ist ja dann garantiert auch n'Thema, über das wenigstens so noch niemand geschrieben hat.

    Tja dann, Waidmannsheil, Herr Martenstein. Und sicher macht es ihnen ja nichts aus, die Kutteln nächstes Mal selber zu extrahieren (aus dem Ganzkörperzusammenhang Rind). So'n Typ wie Sie, der schafft das doch locker, ey!

    Übrigens, wussten Sie's schon, es gibt da n'en neuen Witz und der geht so:

    "Fische sind doch auch nur schwimmendes Gemüse!"

    Ganz nebenbei: schwimmendes Gemüse schmeckt ihnen doch bestimmt auch gaaanz prima!

    Themen gibt's auf dieser Welt. Also ne, ey, da weiß man würklisch bald nüsch mehr, wo man da noch anfangen, bzw. aufhören soll(te).

  3. Sie erwähnten das Engagement. Dazu habe ich eine Idee. Setzen sie sich doch für: Verein zur Förderung des Ansehens der Blut- und Leberwürste (VBL) in Zürich ein. Das passt auch zu Herbstzeit!
    Guten Hunger!

  4. Auch die eingefleischtesten Vegetarier koennen die Welt nicht veraendern.
    Es soll Leute geben, die als Kinder aus völlig unedlen Motiven vor Dekaden notgedrungen biologische Kutteln aus dem Fenster schnippsten, bis sich Passanten beschwerten. Diese Leute sind immer noch dabei, wenn's um die Wurst geht, wobei die Sorte natürlich entscheidend ist.

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