Ulrich Chaussy, der sich seit vielen Jahren mit der Tat beschäftigt, zieht in diesem Artikel eine Bilanz. Eines steht für ihn fest: Der Fall ist nicht gelöst

Dies blieb allen in Erinnerung, wie eingebrannt: der Widerschein der grellgelben, weißlich-gelben, gelbgrauen, der hellrötlichen Stichflamme, des meterhohen, des dunkelroten, des bläulich roten, zwei bis acht Meter messenden Feuerballs über den Köpfen der festsatt nach Hause strebenden Wiesn-Besucher, damals, am Freitag, dem 26. September 1980, um 22.19 Uhr. Für 13 Menschen waren es die letzten Bilder, bevor ihr Leben im Metallsplitterregen einer zur Bombe umgebauten Mörsergranate verlosch. Viele der 213 zum Teil Schwerstverletzten und andere, unversehrt gebliebene Zeugen berichteten von diesem scharfen, fauchenden Zischen. Sie erzählten davon den Polizisten, die gleich am Krankenbett die ersten Aussagen aufnahmen. Heute noch stecken längliche Zettel mit Notizen über den trichterförmigen Feuerstrahl und andere prägnante Beobachtungen zwischen den teils vergilbten Blättern der Ermittlungsakten, die mittlerweile im Bundesarchiv Koblenz lagern.

Aus mehr als 9000 Seiten versuchten die Sonderkommission Theresienwiese des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA) und der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann das Bild des Verbrechens zusammenzufügen. Und obwohl dies nicht gelang, betrachten die Ermittler das Attentat heute als aufgeklärt – den blutigsten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Rebmann hatte schon am Morgen nach der Tat in München die Ermittlungen an sich gezogen. Es gab alarmierende Erkenntnisse über einen der Toten: einen zum verbrannten Torso verstümmelten Mann mit Armstümpfen, den man nahe dem Papierkorb gefunden hatte, in dem die Bombe explodiert war. Er wurde als Gundolf Köhler identifiziert, 21 Jahre, Geologiestudent aus Donaueschingen. Köhler hatte im Augenblick der Explosion offenbar die Hände an der Bombe gehabt. Der Computer des Verfassungsschutzes spuckte über ihn gleich einen Treffer aus: »Köhler ist Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann. Er war 1977 und 1979 in der wsg-Kartei erfasst, nach einer Notiz des Hoffmann auf der Karteikarte 1979 hat er an zwei Übungen teilgenommen.«

Franz Josef Strauß beschuldigt den liberalen Innenminister Gerhart Baum

Bis zu 400 gewaltbereite Rechtsextremisten gehörten in den siebziger Jahren zu dem paramilitärischen Freiwilligenverband, den der schnauzbärtige Werbegrafiker Karl-Heinz Hoffmann bei Übungen in fränkischen Wäldern schulte. Brandete nach den Offensiven der italienischen Roten Brigaden und der deutschen Rote Armee Fraktion (RAF) nun europaweit der Rechtsterrorismus auf? Acht Wochen zuvor war eine Bombe im Bahnhof der italienischen Universitätsstadt Bologna detoniert; 85 Menschen starben. Nun erhielten Münchner Zeitungen Bekenneranrufe: »Wir sind die Rechten von Bologna.«

Der Generalbundesanwalt war gefordert. Am Sonntag, dem 28. September, trat er vor die Presse: »Wir gehen davon aus, dass die Bombe zu früh gezündet worden ist. Anhaltspunkte dafür, daß Köhler Selbstmord begehen wollte oder begangen hat, liegen nicht vor. Wir nehmen nicht an [], daß Köhler als Alleintäter gehandelt hat.« Und noch einer meldete sich unmittelbar nach dem Anschlag zu Wort: der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß. Noch in der Nacht eilte er zum Tatort am Eingang der Festwiese.

Für Strauß lief es in jenen Tagen nicht gut. Er steckte in der Schlussphase eines Wahlkampfs: Als Kandidat von CDU und CSU wollte er in neun Tagen, am 5. Oktober, 1980 zum Bundeskanzler gewählt werden. Aber er tat sich schwer gegen den eisernen sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt, den RAF-Bezwinger. Jetzt witterte Strauß die Chance, seinen Lieblingsfeind in der Bundesregierung, den liberalen FDP-Innenminister Gerhart Baum, zu attackieren. Während die Ärzte um das Leben der Verletzten kämpften, Beine amputierten und den Opfern die Splitter der Bombe und des Drahtpapierkorbes herausoperierten, in dem sie detoniert war, gab Strauß schon der Bild am Sonntag ein Interview: »Herr Baum hat schwere Schuld auf sich geladen. Erstens durch die Demoralisierung der Sicherheitsdienste, die sich ja heute nicht mehr trauen, im Vorfeld aufzuklären und den potentiellen Täterkreis festzustellen. Zweitens durch die Verharmlosung des Terrorismus. Für mich ist Herr Baum als Innenminister eine Skandalfigur.«