Im Nahost-Konflikt muss der Streit zwischen Fatah und Hamas geklärt sein; die radikalislamische Hamas regiert im Gaza-Streifen (Foto: Markt in Gaza-Stadt) © Warrick Page/Getty Images

Einmal mehr erleben wir, dass die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern wieder aufgenommen werden. Einmal mehr beginnen sie im Schatten eines Terroranschlags. Und wir fragen uns: War das erste Treffen im Weißen Haus auf Einladung von US-Präsident Obama ein Event, das schnell in Vergessenheit geraten wird? Oder wird es als Meilenstein in die Geschichte eingehen, weil es den erhofften Frieden bringen wird? Wird ein Scheitern zum Ausbruch einer dritten Intifada führen, so wie 2000 nach dem Scheitern in Camp David?

Die Antworten auf diese Fragen sind unbequem. Wenn von Beginn an unrealistische Ziele gesetzt werden, wenn nicht klare Lehren aus dem Scheitern früherer Verhandlungsrunden gezogen werden, wenn sich also die Verhandlungen heute von den Verhandlungen früher nicht grundlegend unterscheiden, dann ist ihr Scheitern unvermeidlich.

In ihrem Einladungsstatement hat US-Außenministerin Hillary Clinton erklärt, dass die Verhandlungen ohne Vorbedingungen stattfinden werden. Damit kam sie dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu entgegen, der genau darauf beharrt hatte. Sie hat zudem ihre Hoffnung ausgedrückt, dass die direkten Verhandlungen über die sogenannten Endstatus-Fragen, die sich mit der Sicherheit, mit den Grenzen, mit Jerusalem und mit den Flüchtlingen befassen, innerhalb eines Jahres abgeschlossen werden können. Parallel dazu hat das Nahost-Quartett, dessen Mitglieder die USA, Russland, die UN und die EU sind, an die Verhandlungsparteien appelliert, jede Provokation und hitzige Rhetorik zu vermeiden.

Gemeint damit waren die Fortsetzung des Siedlungsbaus und das Bemühen, Palästinenserpräsident Abbas entgegenzukommen, der den Stopp des Siedlungsbaus fordert. Auch die Mitglieder des Nahost-Quartetts haben deutlich gemacht, dass die Verhandlungen innerhalb eines Jahres abgeschlossen werden könnten. Dabei handelt es sich um dasselbe Quartett, das erst im Juni – also vor wenigen Wochen – von einem Zeitraum von 24 Monaten sprach. Was hat sich seit Juni verändert, dass man die Verhandlungszeit um ein Jahr reduzieren kann?

Natürlich nicht vorhersehbar, was innerhalb eines Jahres passieren kann, erst recht nicht im Nahen Osten. Dennoch: Betrachtet man die gegenwärtige Lage, dann bedarf es sehr viel Fantasie, um die Prognose zu wagen, dass es Abbas und Netanjahu gelingen wird, die existierende Kluft binnen eines Jahres zu überbrücken.

Wie schwierig das ist, hat Israels Ministerpräsident Olmert nach seinem Rücktritt 2008 in einem Interview deutlich gemacht, in dem er erklärte, dass die Palästinenser in den kommenden 50Jahren von keinem führenden israelischen Kopf einen ähnlichen Vorschlag bekommen würden wie den, den er Präsident Abbas unterbreitet hatte. In der Tat ging sein Vorschlag an Abbas noch weiter als der von Ehud Barak 2000 in Camp David, und schon der machte aus Sicht zahlreicher Israelis weitreichende Zugeständnisse (wie zum Beispiel die Bereitschaft, über eine umfassende Lösung zu verhandeln einschließlich eines Rückzugs Israels aus einem großen Teil des Westjordanlandes und einer Teilung Jerusalems). Tatsache ist: Olmerts Angebot war für Abbas nicht ausreichend. Und Tatsache ist auch: Für Netanjahu und große Teile seiner Koalition gilt Abbas als inakzeptabel.

Seit Olmerts Verhandlungen 2007/2008 haben wir Israels militärische Operationen in Gaza und ihre Folgen erlebt. Mit großer Mühe ist es der amerikanischen Regierung, die in dieser Angelegenheit bis heute alles andere als fehlerfrei agierte, gelungen, die Parteien wieder zu Gesprächen über eine Annäherung zu bewegen. Diese Gespräche haben jedoch offensichtlich keine Annäherung gebracht, und zwar weil eine solche unter den gegenwärtigen innerisraelischen und innerpalästinensischen Umständen nicht möglich ist. Das ist die Ausgangslage, und sie bedeutet: Ohne einen Paradigmenwechsel sowohl in der israelischen als auch in der palästinensischen Gesellschaft wird es keinen Frieden geben, nicht weil die Hoffnung auf Frieden in Israel begraben ist, sondern weil die Lage zeigt, dass sie einstweilen eine abstrakte Sehnsucht bleibt.

Die Zugeständnisse, die der israelischen Gesellschaft im Rahmen eines umfassenden Friedensabkommens abverlangt werden, sind erheblich und für manche inakzeptabel. Wenn es sich nicht als zwingend erforderlich erweist, dann neigt keine Gesellschaft der Welt dazu, Entscheidungen von solcher Tragweite zu treffen. So weit ist die israelische Gesellschaft jedoch noch lange nicht. Für sie sieht ihr Leben anders aus.