Die Bundesbank verstößt Thilo Sarrazin , und die SPD will ihr dabei folgen . Die Trennung ist deren gutes Recht: Jede Institution hat ihren Komment und fürchtet Ansehensverlust auf dem Marktplatz der Sympathien. Auf Neudeutsch: Das "Branding" ist so kostbar wie das Kapital.

Doch greift die kapitalistische Analyse zu kurz. Lesen wir deshalb die Story vom Sündenbock in der Bibel (Lev. 16) nach. Auf dessen Kopf soll "Aaron seine beiden Hände legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen". Dann soll er ihn "in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen".

Katholiken kennen ein ähnliches Ritual, den "Exorzismus", der das Böse aus- und vertreiben möge. Freud nannte es "Projektion" – weg von mir zu dir. Doch Fehler und Frevel bleiben in der Welt. Und wenn die Empörung abebbt, bleibt auch das Problem, das jedes Einwanderungsland quält. Nennen wir es ganz korrekt die auffällige kulturelle "Dysfunktionalität" dieser oder jener Gruppe.

Dann was? Nehmen wir die ergrimmte SPD, die älteste und anständigste Partei Deutschlands (siehe ihr Nein zum Ermächtigungsgesetz und zu den DDR-Kommunisten). Im späten 19. Jahrhundert hat die Partei nicht nur Abweichler gestraft. Sie hat Gesang- und Theatervereine organisiert, Musik- und Sportgruppen, Bibliotheken und Arbeiterbildungsschulen. Es war eine gewaltige Kulturbewegung zur "Hebung" des Proletariats in Richtung Mittelschicht. In der heutigen Sprache: Die Partei ist in die "Brennpunkte" gegangen, und das Ziel war die "Integration". Andere Parteien – bis ins katholische Zentrum – taten es ihr nach.

Und wer geht heute in die Ghettos? Das Sozialamt und die Schule, der Staat also, und der schafft es nicht. Die Lehrer brennen aus, und der Staat probt Ersatzhandlungen wie den Bildungs-Chip. Die Parteien, gerade die linken, die einst dem Fortschritt von Mensch und Gesellschaft huldigten, haben sich aus der Kulturarbeit zurückgezogen. Stattdessen bekämpfen sie, wie die Grünen in Hamburg, das klassische Gymnasium , als wenn zwei Jahre mehr "gemeinsames Lernen" auch aus den Müttern, den mächtigsten Kulturvermittlern, Grammatik-Cracks machen würden.

Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als die Dunkelheit (hier: Sarrazin) zu verfluchen. Es ist besser, dem Einwanderer eine Leiter zum Aufstieg hinzustellen, als die Multis ihrem Kulti zu überlassen. Die Leiter heißt "Bildung" und "Aneignung von kulturellen Techniken". Der Staat macht das nicht sehr gut; er verteilt Geld, verhängt Strafen und versetzt Lehrer. Die Aufgabe erfordert Beispiele ("Rollenmodelle"), Anreize und viel Geduld, also die tägliche Fron an der Front von vielen – von Privaten, aber auch von Parteien und Jugendorganisationen. Jusos, Julis and JU könnten hier eine ganz große Koalition im Kleinen aufziehen.

Eine Stunde Vorlesen bringt mehr als zehn Talkshows, ein Tag im Computer-Camp mehr als ein Monat im Jugendarrest (und ist billiger). Die Austreibung des Sarrazin befördert nur die Selbstvergewisserung der Entrüsteten: Wir sind rein, der Frevel ist sein.