ZEITmagazin: Herr Beckstein, Sie haben, bevor Sie sich der Politik verschrieben haben, als Strafverteidiger auch Mörder verteidigt. Erinnern Sie sich noch an einen besonderen Fall?

Günther Beckstein: Ich erinnere mich noch an meine erste große Verteidigung vor dem Schwurgericht. Ein Schwerbehinderter hatte eine Nachbarsfrau, die ihm oft geholfen und ihn betreut hatte, ermordet. Sie fing plötzlich an, ihn als sexuellen Versager zu hänseln, und da ist er so jähzornig geworden, dass er ihr ein Messer in den Rücken gerammt hat. Hinterher hat er dann gesagt: »Das war das schlimmste Versagen meines Lebens, aber die Tat ist nicht mehr rückgängig zu machen.« Für so jemanden dafür zu sorgen, dass seine Rechte im Verfahren wahrgenommen werden, das hat mich als Anwalt fasziniert.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben einen besonderen Wendepunkt, an dem Sie nicht mehr weiterwussten?

Beckstein: Ja, durchaus. Nachdem ich über mehr als zwei Jahre praktisch jeden Tag von früh bis spät einen Wahlkampf geführt hatte und ich dann die Oberbürgermeisterwahl 1987 in Nürnberg verloren hatte, war ich sehr enttäuscht und habe überlegt, ob ich ganz aus der Politik aussteige.

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ZEITmagazin: Wie sind Sie über Ihre Wahlniederlage hinweggekommen?

Beckstein: Wenn man für etwas so lange kämpft und dann scheitert, stellt man sich infrage. Ich habe dann erst einmal ein Stück Abstand gewonnen und einsehen müssen, damals einen schweren strategischen Fehler begangen zu haben. Ich habe im Wahlkampf nicht die geistige Führungsrolle übernommen und mich nicht als wahre Alternative profiliert. Ich habe mir dann auch gesagt, es kann nicht vom Erfolg an der Wahlurne abhängen, ob man sich als Mensch akzeptiert. Dass man eben nicht nur mit großen Siegen fertig werden muss – auch das ist eine wichtige Aufgabe –, sondern dass es noch wichtiger ist, auch Niederlagen zu verarbeiten und einzustecken.

ZEITmagazin: Wer hat Ihnen dabei besonders geholfen?

Beckstein: Meine Frau, sie sagte: Das ist kindisch, wie du dich aufführst, das hast du doch von vornherein gewusst, dass du auch verlieren kannst.