Singapur, das Land der guten Nachrichten: Die Wirtschaft soll in diesem Jahr so rasant wachsen wie noch nie. 13 bis 15 Prozent, schätzt die Regierung, stärker noch als in China. Bei den Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit landet der asiatische Stadtstaat immer ganz weit oben. Dieses Jahr listet das Schweizer Institut IMD ihn sogar auf dem ersten Platz.

Wie schafft Singapur dieses Wachstum nach der Krise? Sind die niedrigen Steuern der Grund? Ist es der geografische Glücksfall, in der asiatischen Mitte zu liegen, oder das schon sprichwörtliche kiasu der Singapurer, also die Panik vor dem Verlieren? Oder liegt es doch am System?

Singapur ist das Paradebeispiel für asiatischen Erfolg, der ohne Demokratie nach westlichem Vorbild auskommt . Wer durch sie geprägt ist, bemerkt in Singapur vor allem eine Regierung, die nie wechselt, drakonische Strafen bereits für Nichtigkeiten, eine niedrige Korruptionsrate, auffällige Sauberkeit und hat dieses unbestimmte Gefühl einer alles überlagernden Effizienz. Das löst bei vielen eine diffuse Angst aus, aber ist sie auch berechtigt?

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Die Stiftung Singapore International Foundation lädt regelmäßig Journalisten aus aller Welt ein. Sie ist formal unabhängig, aber das Geld kommt aus einem staatlichen Topf. Das Programm, eine Woche lang, ist vollgepackt mit offiziellen Treffen in Ministerien, Besichtigungen und Lunchterminen. Darunter sind viele Begegnungen mit Menschen, die sonst kaum zu sprechen sind. Die Verlierer des Systems werden den Besuchern dabei nicht präsentiert, das ist klar. Dafür aber streitbare Befürworter dieser Demokratie light.

Thomas zum Beispiel, ein Schweizer Banker in Singapur, weiß, was er an seiner Wahlheimat hat. Er ist schon viele Jahre hier. Die Schweizer Berge, die vermisst er manchmal, die Schweizer Volksabstimmungen eher weniger. Der große Standortvorteil in Singapur sei die Effizienz, mit der hier gearbeitet werde, sagt er und schwärmt von der »großen Verlässlichkeit der politischen Rahmenbedingungen«. Beiläufig wirft er einem noch diesen Satz hin: »Man wird hier nicht ständig so von Wahlen abgelenkt.« Der österreichische Handelsdelegierte der Wirtschaftskammer spricht vom »wohlwollenden Diktator« und davon, wie gut die Regierung die Krise gemanagt habe, ohne dass es in den Unternehmen Massenentlassungen gegeben hätte.

Ende des Jahres stehen aller Voraussicht nach in Singapur Wahlen an. Die People’s Action Party (PAP) wird auch dieses Mal gewinnen, wie immer seit der Unabhängigkeit 1965. Das Wahlsystem, an das britische angelehnt, begünstigt die stärkere Partei. Was dazu führt, dass die Opposition, wenn überhaupt, höchstens mal einen Sitz im Parlament bekommt. Das führt zu – aus Sicht der Machthaber – erfreulich stabilen Verhältnissen. Entwirft in Deutschland eine Regierungspartei einen 20-Jahres-Plan, heißt das gar nichts. Entwirft die PAP einen, sieht so die Zukunft aus.

Wer so planen kann, für den ist es leichter, schnell und effizient zu sein. Wer einen Beweis dafür sehen möchte, dem hilft ein Besuch im Kasino Marina Bay Sands, an dessen Stelle noch 2006 ein großes Nichts war. Es ist erst wenige Jahre her, dass die Regierung in Singapur Kasinos erlaubte.

Zum Teil musste der Grund, auf dem die Anlage steht, erst aufgeschüttet werden. Marina Bay Sands ist ein gigantischer Hotelkomplex. Drei Türme, die mit einer Glaskonstruktion verbunden sind. Integriert ist ein riesiges Shoppingcenter, durch das man auf einem Wasserkanal Gondel fahren kann. Auf den Türmen thront eine Art Freiluftschiff mit Restaurant und extravagantem Pool. Die US-Firma Las Vegas Sands Corp baute die Anlage für 5,5 Milliarden US-Dollar auf 15,5 Hektar Land. Vor dreieinhalb Jahren war Baubeginn, bis auf ein paar architektonische Accessoires ist fast alles fertig. In Deutschland hätte so ein Projekt vermutlich schon in der Planungsphase mehrere Jahre Diskussionszeit in Anspruch genommen. In Singapur wird schnell entschieden.

Die Regierung führt ein strenges Management

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Ausländische Geschäftsleute schätzen das, aber auch fernöstliche Politiker sehen Singapur als ein Vorbild. Bereits Deng Xiaoping, der Chinas Wirtschaft für die Welt öffnete, sah in dem Kleinstaat ein Vorbild für sein Riesenreich. »Singapurs soziale Ordnung ist ziemlich gut. Seine Regierung führt ein strenges Management. Wir sollten von ihren Erfahrungen lernen und es besser machen als sie«, sagte der damals 87-Jährige Anfang der neunziger Jahre. Den heutigen Führern in China gilt Singapur als Bonsaimodell. Regelmäßig reisen Delegationen aus dem Nachbarstaat an, erzählt Finanzminister Tharman Shanmugaratnam . Er wirbt offensiv um mehr Verständnis für seiner Meinung nach schlicht unterschiedliche Systeme.

Shanmugaratnam berichtet von den langen Abenden in seinem Wahlkreis. Nicht selten stelle er sich dort dreimal die Woche den Bürgern und ihren Problemen. Wenn Arbeitslose ihn um Vermittlung bäten, dann kümmere er sich persönlich darum, dass sie eine Chance bekämen. Voraussetzung sei aber, dass die Menschen sich auch bemühten. Spricht man ihn auf das Sozialsystem an, das vor allem auf eigener Vorsorge beruht und weniger auf einem Solidarsystem, so fragt er zurück, ob Europa nicht gerade mit seinem Umlageverfahren die größten Probleme habe. »Europa braucht ein neues soziales Modell«, sagt er dann ohne jede Häme.

Ein Treffen mit Vertretern der Opposition ist zwar nicht im offiziellen Stiftungsprogramm vorgesehen, aber man kann Dr. Chee Soon Juan, Generalsekretär der Singapore Democratic Party zwischendurch aufsuchen. Wer in Singapurs leuchtendem Gewinnerstaat Verlierer sucht, der ist bei Juan richtig. Sein neues Büro der Partei ist zugleich Bleibe für ihn, seine Frau und drei Kinder. Gerade erst sind sie umgezogen. Zwischen mit Kaffee befleckten Sofas stapeln sich Plakate und Kartons in allen Ecken.

Mehrfach verbrachte Juan Wochen und Monate im Gefängnis, manchmal auch ohne Gerichtsverfahren, weil er öffentlich gegen die Regierung und die PAP rebellierte und auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung bestand. Der studierte Neuropsychologe wurde so oft zu hohen Geldstrafen verurteilt, dass er Privatinsolvenz anmelden musste und nun nicht mehr das Land verlassen darf. Er spricht ab und zu mit ausländischen Journalisten, sehr selten wollen auch einheimische Pressevertreter mit ihm reden. In Singapurs Zeitungen findet die Opposition nur ganz am Rande statt. Juan strahlt unerbitterlichen Stolz aus, er ist ein ideeller Kämpfer. Das Bild von seiner Heimat beschreibt er so: » Singapur ist wie ein goldener Käfig . Viele sehen das Gold, ich sehe die Stäbe.«

An der Lee Kuan Yew School of Public Policy in Singapur lehrt der Exdiplomat Kishore Mahbubani, der das Ende des westlichen Zeitalters in seinen Büchern schon oft beschworen hat. Das Käfigbild von Chee Soon Juan zerlegt er mit offensichtlicher Freude. »Singapur steht nicht mit Kuala Lumpur, Bangkok oder Jakarta im Wettbewerb, sondern mit London, New York oder Tokio, Frankfurt«, sagt er. »Um in dieser Liga mitzuspielen, braucht man eine Elite, die global vernetzt und so mobil ist wie die Eliten in London, New York oder Tokio. Angenommen, das Beispiel vom Käfig stimmt: Warum würden die Leute freiwillig in einem Käfig leben?« Mahbubanis Interesse gilt nicht in erster Linie den Verlierern. Und die Meinungs- und Redefreiheit? Das wischt er weg, als ewiges Schwarz-Weiß-Denken des Westens. »Nur weil man etwa in China nicht denselben Grad Redefreiheit genießt, heißt das nicht, dass nicht hart nachgedacht wird«, sagt er. »Vielleicht gibt es dort ein härteres Nachdenken als in Europa oder den USA.«

In geschlossenen Systemen mit begrenzter Meinungsfreiheit, so scheint sich im Westen mancher fast zu wünschen, müsste es doch an Kreativität, an Innovationen mangeln. Als Beispiel hält dafür immer noch das Produktpiraterie-Mekka China her. Singapur hat diesen Makel längst abgelegt. Die Regierung plant, in diesem Jahr drei Prozent des Bruttoinlandprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Forscher aus aller Welt loben die exzellenten Bedingungen. Bei A*star, dem größten staatlichen Forschungsunternehmen, lassen sich die Ergebnisse angucken und testen. Da gibt es Fenster, die sich von selbst putzen, Fernseher, die auf einen Wink gehorchen, und Betten, die nebenbei die Gesundheit des Schlafenden überwachen.

Muss einem das alles Angst machen? Wahrscheinlich nicht. Solange man nicht davon ausgeht, dass gerade ein Verdrängungskampf der Systeme stattfindet, in dem das asiatische Modell die besseren Karten hat. Heute jedenfalls sind auch die westlichen Demokratien wettbewerbsfähig. Wer für ihre Werte argumentieren will, sollte bessere Argumente als Angst haben.

Der italienische Hedgefondsmanager Stephane Pizzo, den wir am Ende einer Woche Singapur treffen, nennt ein gutes Argument. Natürlich ist auch er sehr glücklich, seiner Arbeit in Singapur nachgehen zu können, natürlich lobt auch er das System für seine Transparenz und Effizienz. Nur einen Nachteil hat er an der Stadt ausgemacht, einen gewissen Mangel an Dynamik. Den tieferen Grund glaubt er genau zu kennen. »Uns fehlen die Jahreszeiten. Das Wetter ist jeden Tag das gleiche.«

So wie die Regierung.