Fast jeden Tag hatte die Erde gebebt. Sechs Monate lang. Zuletzt mit Stärke 4 auf der Richterskala. Als sich am 31. März 2009 Italiens führende Seismologen und Zivilschutzbeamte in L’Aquila zu einer Krisensitzung trafen, um »die seismischen Aktivitäten der letzten Monate zu evaluieren und eine aktuelle und zuverlässige Einschätzung der Situation zu liefern«, da hatten die Mauern der Stadt bereits Risse. Zwei Schulen waren wegen Einsturzgefahr geschlossen, die Menschen verängstigt. Doch die Experten beruhigten: Es gebe keinen Grund zur Annahme, die Reihe schwacher Erdstöße seien Vorläufer eines großen Bebens.

Sechs Tage später waren 308 Menschen tot, etwa 1600 verletzt, mehr als 65.000 obdachlos – in der Nacht hatte die Erde mit einer Stärke von 5,8 auf der Richterskala gebebt.

Jetzt wird gegen sieben Seismologen und Zivilschutzbeamte ermittelt, alle Mitglieder der Kommission »Grandi Rischi« (Große Risiken), die den nationalen Zivilschutz bei Naturkatastrophen berät. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Damit nicht genug: Weil Kommission und Zivilschutz aus ihrer Sicht versagt haben, fordern nun 36 betroffene Familien aus L’Aquila 22,5 Millionen Euro Schadensersatz von der Regierung.

Es ist ein Nachbeben der besonderen Art. »So etwas hat es noch nie gegeben – in keinem Land der Welt«, sagt der angeklagte Mauro Dolce, Direktor des Büros für Erdbebenrisiken des nationalen Zivilschutzes. Weltweit unterstützen Forscher die angeklagten Kollegen aus Italien. In einem offenen Brief an Staatspräsident Giorgio Napolitano bezeichnen sie die Vorwürfe als haltlos. Derzeit gebe es keine wissenschaftliche Methode, um Erdbeben kurzfristig vorherzusagen – und somit auch keine Grundlage für den Zivilschutz, zeitgerecht Notfallmaßnahmen zu ergreifen.

Nicht einmal der Wind ändert sich so überraschend wie die obere Schicht der Erdkruste, notierte schon Charles Darwin. Was kurzzeitig im Untergrund abgeht, wenn Kontinentalplatten aufeinanderstoßen, weiß niemand genau. Die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben lässt sich nur in Zeitspannen von Jahren oder Jahrzehnten relativ sicher ermitteln.

Die Stadt L'Aquila in Italien

Die Leute Fehlalarmen aussetzen oder sie in falscher Sicherheit wiegen?

Der zuständige Staatsanwalt Alfredo Rossini argumentiert anders: »Es geht nicht um einen fehlenden Alarm.« Den hätten bereits die monatelangen Erdstöße ausgelöst, sagt er. »Es geht um den Rat der Experten, ruhig zu Hause zu bleiben.«

Der Ton macht die Musik. Der Ton der Risiko-Kommission war alles andere als alarmierend. Schon im Vorfeld der Krisensitzung beruhigte der Zivilschutz, es bestehe keine Gefahr. Die Situation werde stündlich überwacht. Die starken Erdbeben in den Abruzzen folgten sehr langen Zyklen, meinte Enzo Boschi, Präsident des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie, während des Treffens. Ein ähnlich starkes Beben wie 1703 (mit etwa Stärke 6) sei in Kürze sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht absolut auszuschließen. Die Erdstöße, sekundierte der Direktor der Stiftung »Eucentre«, Gian Michele Calvi, seien kaum in der Lage, Schäden an den Gebäuden anzurichten. In der anschließenden Pressekonferenz flapste der Vizedirektor des Zivilschutzes, Bernardo De Bernardinis, die Bewohner der Provinz sollten »ein schönes Glas Montepulciano trinken«.

Beruhigende Worte für aufgeregte Gemüter, die zwei Tage zuvor, an einem Sonntag, von Pfarrern aus den Kirchen gescheucht worden waren und im Freien oder in Turnhallen kampiert hatten. Alarmiert hatte sie, nebst dem Beben der Stärke 4 am Morgen, die Untersuchung von Gianpaolo Giuliani, einem ehemaligen Techniker der Untergrundlabors am Gran Sasso. Er misst seit Jahren im betroffenen Gebiet den Austritt von Radon, einem radioaktiven Edelgas, das vermehrt dem Boden entweichen kann, wenn er ruckelt. Für den Sonntag hatte Giuliani der Stadt Sulmona ein verheerendes Beben prophezeit. Nachdem es ausgeblieben war, wetterte der Chef des nationalen Zivilschutzes, Guido Bertolaso, gegen »diese Deppen, die sich einen Spaß daraus machen, falsche Informationen zu verbreiten«. Giuliani wurde wegen Panikmache angeklagt.Auch der Präzedenzfall Sarno wird gerade neu aufgerollt